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Alaska.de
von Wolfgang M. Hamdorf
Vor dem stahlblauen Himmel heben sich die betonfarbenen Kiesplatten der Neubauten ab. Sabine steht verloren auf dem Bahnsteig. Sie hat genug vom ewigen Zank mit dem Geliebten ihrer Mutter und zieht zu ihrem Vater. Der wohnt in einer der großen Plattenbausiedlungen am Rande Berlins. Sabine findet hier eine raue Welt vor, in der sie als Neuankömmling nicht akzeptiert wird. Nicht in der Schule und schon gar nicht im Jugendclub. Ihr fällt es schwer, sich einzuleben, der Erlebnishorizont ihrer neuen Mitschüler liegt zwischen Schule, Arbeitslosigkeit und Kleinkriminalität - ein paar Drogengeschäfte, Diebstähle - , die Helden des Stadtteils haben ständig Ärger mit der Polizei. Auch Eddie zeigt Sabine zunächst die kalte Schulter. Alles ändert sich, als in einem Hinterhof ein türkischer Jugendlicher tot aufgefunden wird; ein Mord, in den offensichtlich neben Eddie seine besten Freunde Micha und Stefan verwickelt sind. Nur Sabine hat etwas gesehen, die Polizei ermittelt in der Schule. Jetzt beginnt Eddy, sich für sie zu interessieren, doch Sabine weiß nicht, dass es dabei um ihr Leben geht.
In den letzten Jahren haben verschiedene Filme über Jugendliche in den Vorstädten europäischer Metropolen Furore gemacht - sei es pointiert bezogen auf die politisch-soziale Dimension der Banlieues in Paris wie in „Haß“ (fd 31 571) von Mathieu Kassowitz oder auf die eher heitere Trostlosigkeit in den Vorstädten Madrids wie in „Barrio“ von Fernado Leon de Aranoa. Die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen in den modernen Wohnsilos wurde darin zur Metapher für die Versteinerung der Gesellschaft schlechthin, der nicht nur visionäre Aussichten abhanden gekommen sind. „alaska.de“ ist jedoch keine Sozialanklage, sondern zeigt den sozialen Realismus der Vorstadt als Thriller, mit einem fast beiläufigen Mord, einem Hauch Suspense und einer sympathisch unterkühlten Liebesgeschichte zwischen Heranwachsenden. Regisseurin Esther Gronenborn hat an der HFF in München Dokumentarfilm studiert und anschließend Musikvideos gedreht. In ihrem erster Spielfilm verbindet sie die genaue Beobachtung des sozialen Milieus mit der Ästhetik des Videoclips. Manchmal sind die Bilder extrem stilisiert, der Schnittrhythmus ist hektisch. Dabei zeigt sie die einst privilegierten Trabantenstädte der ehemaligen „Hauptstadt der DDR“ ohne den reißerischen Beigeschmack von Neonazis und Stasi-Greisen, die für gewöhnlich in Fernsehreportagen über Marzahn oder Hellersdorf Ost-Atmosphäre vermitteln sollen. Ähnlich wie „Vergiss Amerika“ (fd 34 546) greift auch „alaska.de“ die exotische Faszination des neuen wilden Ostens auf. Alaska im Märkischen Sand: dafür stehen die großen Versorgungsrohre vor der Stadt, die wie Pipelines aus der Weite Amerikas eine unbekannte Region am Rande Berlins durchziehen. An Esthers Gronenborns Inszenierung beeindruckt die Natürlichkeit, mit der sie ihre Protagonisten in Szene setzt, ihre brillante Arbeit mit den Laiendarstellern; besonders beeindruckend sind auch die beiden Hauptdarsteller Jana Pallaske und Frank Droese. Für beide war es die erste Arbeit im Film. „alaska.de“ lebt von seiner Authentizität.