SPIEGEL ONLINE | 21.08.2009 | www.spiegel.de
Schöne, kranke Welt
von Daniel Sander
Das Leben bietet Geschichten, die spannender sind als jeder Blockbuster. Für eine neue DVD-Edition präsentiert der KulturSPIEGEL zehn der besten Dokumentarfilme der vergangenen Jahre.
Gut und böse scheint klar verteilt am Anfang von Barbara Kopples Oscar-gekröntem Dokumentarfilm "American Dream" aus dem Jahr 1990: Der Nahrungsmittelkonzern Hormel beschließt 1984, den Stundenlohn seiner Arbeiter in der Fleischverarbeitung von 10,69 Dollar auf 8,25 Dollar zu kürzen, um "konkurrenzfähig zu bleiben", wie es der Vorstand ausdrückt. Nicht aus der Not heraus. Denn gerade hatte das Unternehmen einen Jahresgewinn von knapp 30 Millionen Dollar verkündet.
Verständlich ist es, wenn einer der Arbeiter fragt: "Was passiert dann erst, wenn sie mal einen Verlust bekanntgeben müssen?" Und verständlich ist es auch, dass sich im Werk in Austin, Minnesota, Widerstand formiert und dass der örtliche Gewerkschaftsarm zum Streik aufruft. Der böse Konzern gegen die aufrechten Arbeiter, eine klassische Aufteilung - aber so einfach macht es sich Barbara Kopple nicht.
Die Arbeiterfront ist nicht so geschlossen, wie es zunächst aussieht: Die Dachgewerkschaft ist gegen den Streik und will den Arbeitgebern gegenüber Zugeständnisse machen, die lokale Gewerkschaft ist zu keinen Kompromissen bereit. Die internen Kämpfe eskalieren, es geht um Existenzen: Gewerkschafter gegen Gewerkschafter, gespaltene Arbeiterfamilien, Brüder, die im selben Werk schuften, aber auf verschiedenen Seiten stehen. Wer ist hier böse, wer gut?
Dokumentarfilme haben es im Kino schwer, auch im Fernsehen werden sie gern zu später Stunde unter Ausschluss der Öffentlichkeit versendet. Dabei zeigen Filme wie Kopples "American Dream", wie spannend und bewegend, wie publikumsfreundlich dieses Genre sein kann. Aus einem sperrigen Thema wird eine zugängliche Geschichte, die trotzdem mit genug Zeit erzählt ist, um sie aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Man lernt die Betroffenen hinter den abstrakten Nachrichten kennen. Im idealen Fall hat man das Gefühl, man verstehe ein bisschen mehr von der Welt.
Die zehn Filme, die der KulturSPIEGEL zusammen mit dem Filmverlag Arthaus für eine neue DVD-Edition ausgewählt hat, versuchen genau das: den Horizont zu erweitern und gleichzeitig zu unterhalten.
Das geht auf spielerische und amüsante Art, wie beim Regisseur Morgan Spurlock, der in "Where in the World is Osama Bin Laden" den Wurzeln des Terrorismus im Nahen Osten auf die Spur zu kommen versucht. Oder auf leise, persönliche Weise wie bei "Chrigu", in dem ein krebskranker Nachwuchsfilmemacher aus der Schweiz seinen Abschied aus der Welt dokumentiert.
Manche Filme lassen einen fassungslos zurück über diese schöne, kranke Welt: "Der große Ausverkauf" von Florian Opitz über den weltweiten Wahn, alles vom Gesundheitssystem bis zur Wasserversorgung privatisieren zu müssen, oder Hubert Saupers brillant-verstörender "Darwins Alptraum" über die bitteren Folgen der Ansiedlung von Nilbarschen im afrikanischen Victoriasee. Oder "Die Hochstapler" von Alexander Adolph über vier professionelle Betrüger, die fast ein bisschen stolz davon berichten, wie sie ihre Mitmenschen um die Existenz gebracht haben.
In "Losers and Winners" erlebt man, wie eine ganze Kokerei von Dortmund nach China geschafft wird; im Oscargewinner "Man on Wire" von James Marsh kann man dem Artisten Phillippe Petit noch einmal dabei zu sehen, wie er 1974 auf einem Hochseil zwischen den beiden Türmen des World Trade Center balanciert.
Es sind zehn sehr verschiedene Filme, die diese Edition zusammenbringt. Sehenswert sind sie alle.