Ben X

Originaltitel
Ben X
Produktionsland
Belgien
Produktionsjahr
2007
Genre
Drama
Lauflaenge ca. 89 min.
FSK 12

Darsteller
Greg Timmermanns
Laura Verlinden
Marijke Pinoy
Pol Goossen

Stab
Regie: Nic Balthazar
Drehbuch: Nic Balthazar
Kamera: Lou Berghmans
Produktion: Peter Bouckaert

Ben ist ein Außenseiter. Jeden Tag taucht der hochintelligente Teenager in die Welt des Onlinespiels „Archlord“ ab, wo er anerkannt und für seine Taten bewundert wird. Mit seiner Internetgefährtin Scarlite meistert er mühelos alle Herausforderungen. In der Realität gelingt ihm das nicht. Jeder Tag in der Schule bedeutet für den verschlossenen Jungen die Hölle. Immer wieder wird er von Mitschülern gequält und erniedrigt. Als er einen Plan fasst, um mit allem Schluss zu machen, stellt sich heraus, dass Scarlite nicht nur im Netz auf seiner Seite steht …

Das brillant besetzte, beeindruckende Regiedebüt des belgischen Schriftstellers Nic Balthazar, der damit sein eigenes Jugendbuch "Nichts war alles, was er sagte" verfilmte, begeisterte auf zahlreichen Filmfestivals und wurde mehrfach ausgezeichnet. Greg Timmermans liefert in seiner ersten Rolle eine faszinierende Vorstellung ab.

Extras

  • Making of
  • Interviews
  • Alternative Szenen
  • Die Weltpremiere beim Filmfest Montréal
  • Film-Einführung von Regisseur Nic Balthazar (Text), BEN X - Eine wahre Lebensgeschichte (Text)
  • Fotogalerie
  • Trailer
  • Teaser
  • Wendecover

Technische Angaben

Bild: 1,78:1 (anamorph)
Sprachen/Ton: Deutsch, Flämisch (5.1 Dolby Digital)
Untertitel: Deutsch

Rezensionen

film-dienst | | film-dienst.kim-info.de
Ben X
von Klaus-Dieter Felsmann

Ein archaischer Krieger kämpft in mystischer Landschaft gegen Monster vielerlei Gestalt. Es ist ein unbändiges Ringen, doch der Held lässt sich von keinerlei Widerständen aufhalten. Immer weiter schreitet er voran. Dann bricht das Bild ab. In den Blick des Zuschauers tritt ein in sich gekehrter junger Mann. Dessen Blick, vordem noch triumphierend auf den Monitor seines Computers gerichtet, wird unsicher, mit den Umarmungsversuchen der Mutter kann er nichts anfangen, die Schultern eingezogen, macht er sich auf den Schulweg.

Als der belgische Autor Nic Balthazar von einem 17-jährigen Jungen hörte, der sich in Gent von der Gravensteenburg in den Tod gestürzt hatte, versuchte er mit dem Roman „Nichts war alles, was er sagte“, den Motiven einer solchen Verzweiflungstat auf den Grund zu kommen. Die fiktive Annäherung an ein Thema, das im gesellschaftlichen Diskurs gern verdrängt wird, fand in der indirekten Vermittlung große Aufmerksamkeit. Balthazar gab daraufhin seiner Geschichte in dem Theaterstück „Nichts“ eine neue Form, und auch dies traf auf große Resonanz. Schließlich bekam er, der auch Filmkritiker war, die Chance, den Stoff fürs Kino zu adaptieren. In seinem Filmdebüt verknüpft er in innovativer Weise die Ebenen von Realfilm und Online-Game und schafft eine überzeugend-authentische Atmosphäre, indem er dokumentarische Elemente in die Inszenierung einfließen lässt. Die Musik des in der internationalen Dance- und Techno-Szene renommierten Praga Khan fängt kongenial Gefühle auf, kommentiert die Handlung, spitzt die Konflikte zu und setzt emotionale Kontrapunkte.

Besonders bemerkenswert ist vor allem aber die spielerische Intensität, zu der Balthazar seine Darsteller, allen voran Greg Timmermans als die zentrale Figur Ben, zu führen versteht. Dieser Ben ist höchst intelligent; gleichzeitig leidet er unter autistischen Störungen. Er hat Mühe, mit dem realen Leben zurechtzukommen, und versucht, dies durch die Entwicklung ganz eigener Rituale zu kompensieren. Öffentliche Geräusche will er durch lautstarke Musik aus dem Walkman von sich fernhalten; eine ständig aufnahmebereite Videokamera soll ihm den Schutz eines distanzierten Beobachters bieten. Darüber hinaus versucht er, sich aus dem Alltag zurückzuziehen, und taucht, so oft sich die Gelegenheit bietet, in die imaginäre Welt von „Archlord“, einem Online-Fantasy-Rollenspiel, ein. Hier wird er zum Ritter Ben X, der Anerkennung erlangt, indem er sich von Level zu Level nach oben kämpft; vor allem aber trifft er im virtuellen Raum mit Scarlite eine Freundin, die ihn bewundert und von der er sich verstanden fühlt. Die durch das Spiel mühsam erlangte Balance wird durchbrochen, als reale Peiniger in den von Ben für autark gehaltenen Raum des Cyberspace eindringen. Ben wird ob seiner Andersartigkeit von seinen Mitschülern schikaniert und verhöhnt; davor können ihn weder Lehrer noch Eltern schützen. Insbesondere Bogaert und Desmedt haben es auf ihn abgesehen. Sie, die vermeintlich Starken, benutzen Ben als Opfer, um sich selbst eine tatsächlich nicht vorhandene Überlegenheit zu bestätigen. Der Höhepunkt der Quälerei ist erreicht, als der hilflose Ben auf eine Schulbank gestellt wird, die Peiniger, von der gesamten Klasse angefeuert, ihm die Hose herunterreißen und die entwürdigende Situation mittels zahlreicher Handykameras filmen. Als die Aufnahmen im Internet auftauchen, bricht Ben zusammen. Damit ist eine Situation erreicht, die so oder ähnlich bei der realen Stoffvorlage in der Katastrophe gemündet haben könnte.

An die Seite der Filmfigur Ben tritt nun aber dessen virtuelle Freundin Scarlite, und auch der aus der Familiensituation geflohene Vater kann seine Resignation überwinden. Das Geschehen nimmt eine Wendung, mit der Nic Balthazar das stets wach gehaltene Gefühl des Zuschauers – hier werden unmittelbar seine Probleme zumindest als indirekt Betroffener diskutiert – auf eine höchst suggestive Ebene führt. Der Regisseur fasst sein künstlerisches Anliegen mit den Worten zusammen, er wolle über Qual und Pein derer erzählen, die sich nicht wehren können. Dies komme in der Gesellschaft, gerade auch vermittelt über moderne Kommunikationstechniken, immer häufiger vor. Sein Film, in dem der Autismus als Metapher für andere, weniger eindeutig zu beschreibende, soziale Situationen gesehen werden kann, stellt ein überzeugendes Zeichen dar, dass man sich dem nicht fatalistisch hingeben müsse.

www.kino-zeit.de | | kino-zeit.de
Ben X
von Joachim Kurz

Morgens um viertel vor sechs ist die Welt noch in Ordnung: Tag für Tag beginnt der Schüler Ben (Greg Timmermans) sein Ritual mit dem Start seines Computers, er geht online und loggt sich als Ritter Ben X in das Online-Rollenspiel „Archlord“ ein, wo er sich allen Gefahren tapfer in den Weg stellt und jeden Kampf gewinnt. Stets an seiner Seite ist seine Gefährtin Scarlite, die er beschützt und die ihn für seinen Mut und seine Kraft bewundert. Doch pünktlich um 6:33 ist der Traum wieder zu Ende, dann folgt der Ernst des Lebens. Und der ist dem schönen Schein der Cyberwelt in keiner Weise ähnlich. Denn Ben leidet unter Autismus und ist unfähig seine Gefühle auszudrücken oder diejenigen seiner Mitmenschen zu verstehen. Er bemüht sich nach Kräften, "normal" zu sein und sich möglichst unauffällig zu verhalten, einfach zu funktionieren, doch in den Augen der anderen ist und bleibt er ein Opfer, ein "Marsmännchen". Und als solches ist Ben für seine Mitschüler ein beliebtes Opfer für Streiche, Hänseleien und fiese Mobbing-Aktionen, die dem Jungen arg zusetzen. Besonders schlimm wird es für ihn, als seine beiden Peiniger Bogaert (Titus de Voogdt) und Desmet (Maarten Claeyssens) ihn vor aller Augen quälen und dies auch noch mit ihren Handys dokumentieren, um es anschließend im Internet zu veröffentlichen. Nun dringt das Leben auch noch in seinen bisherigen Schutzraum, den Cyberspace, ein. Ben beschließt zu handeln und will dem ganzen Spiel ein Ende setzen, und zwar endgültig. Bis plötzlich Scarlite (Laura Verlinden), seine treue Archlord-Gefährtin, leibhaftig vor ihm steht und ihm zeigt, dass das Leben im Hier und Jetzt und nicht in der Cyberwelt stattfindet…

Beinahe so faszinierend wie dieser Film ist auch seine Entstehungsgeschichte: Um die Hintergründe des Online-Zockers möglichst authentisch zu gestalten, wählten die Macher des Films das real existierende Online-Game "Archlord" und setzten bereits im Vorfeld eigens mehrere Zocker daran, einen möglichst hohen Score für Ben X zu erspielen, so dass sich der Avatar mühelos durch zahlreiche der Levels bewegen konnte. Außerdem gab es den wohl ersten Cyberspace-Location-Scout der Filmgeschichte, der das Spiel systematisch nach besonders filmischen Settings absuchte. Das Ergebnis all dieser Bemühungen ist mehr als nur einen Blick wert und dürfte sowohl Jugendliche als auch Erwachsene gleichermaßen faszinieren. Zugleich thematisiert Ben X ohne erhobenen Zeigefinger die Welt der Online-Gamer und zeigt absolut glaubwürdig, welche Faszination von dieser Cyberwelt ausgeht und welche Auswirkungen dies auf das Denken, Fühlen und Handeln von Jugendlichen haben kann. Trotzdem: Nic Balthazar verfällt niemals in die allseits beliebten Stereotypen über die Schädlichkeit, sondern nähert sich der Cyberwelt mit Neugier und Wohlwollen. Für seinen Protagonisten ist "Archlord" die bessere von zwei Welten, hier ist er der Held, wird nicht gemobbt und gehänselt, sondern findet Wertschätzung und sogar Freundschaft.

Im Prinzip ist Ben X ein Film über viele Themen: Er beschäftigt sich mit der Lebenswelt eines autistischen Jugendlichen, gibt unerhörte und noch nie zuvor gesehene Einblicke in die Welt der Online-Games, er zeigt Ausgrenzung, soziale Kälte, Mobbing und "Happy Slapping" (so nennt sich die Praxis, Opfer zu quälen und die Videos anschließend im Internet zu veröffentlichen, um die Schmach noch zu erhöhen), er problematisiert die Vereinsamung und Entfremdung unter Jugendlichen, die manche von ihnen in den Selbstmord treibt, und er ist zugleich eine Ode an die Freundschaft, an feste und stabile Bindungen im realen Leben, ohne die es einfach nicht geht. Das ist viel, vielleicht sogar mehr, als ein Film von eineinhalb Stunden Dauer vertragen kann, so möchte man meinen. Und mancher Filmemacher mag an einer solchen Vielzahl von höchst problematischen Themen bereits gescheitert sein – Nic Balthazar aber gelingt das Kunststück, dies alles mit Leichtigkeit, dem gebotenen Ernst und äußerst spannend unter einen Hut zu bekommen. Ein überaus sehenswerter, streckenweise brillant gemachter und sehr gut von den jungen Darstellern umgesetzter Film, der vielen Jugendlichen und Erwachsenen die Augen öffnen dürfte für die Gefahren, von denen sie umgeben sind. Und ein Wegweiser, wie sie aus diesem Labyrinth wieder hinausfinden können – seien sie nun selbst autistisch oder nicht. Denn so weit entfernt, wie es scheint, ist die Krankheit für keinen von uns. Auch das lehrt dieser Film, den man gar nicht genug loben kann.

Angaben zum Vertrieb

DVD im Handel und als VoD seit 21.11.08
Bst.-Nr. 502133, EAN 4006680044859

Diesen Titel gibt es in weiteren Varianten:

VoD
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R: Nic Balthazar

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