KulturSPIEGEL | 21.08.2009 |
Der KulturSPIEGEL über "Darwins Alptraum"
von Tobias Becker
„Darwins Alptraum“ ist eine jener Film-Preziosen, die die Fernsehsender gerne mal nachts im Programm verstecken. Zufällig zappt man in sie hinein – und kommt dann nicht mehr von ihnen los. An Schlaf ist nicht mehr zu denken.
Es ist ein Horrorszenario, das der österreichische Regisseur Hubert Sauper im ostafrikanischen Tansania entdeckt hat: eine Katastrophe, wie sie trauriger und ekliger und brutaler kaum sein könnte. Vor rund 50 Jahren wurden einige Nilbarsche im Victoriasee ausgesetzt, dem zweitgrößten See der Welt, mehr als eineinhalb mal so groß wie die Schweiz. Die Raubfische, bis zu zwei Meter lang und 200 Kilo schwer, vermehrten sich rasant und rotteten so eine Fischart nach der anderen aus. Da vor allem Pflanzen fressende Fische dran glauben mussten, wuchern nun die Algen; der See droht umzukippen. Die Menschen am Wasser leben von dem Barsch-Boom. Aber wie lange noch? Und vor allem wie?
Regisseur Sauper zeigt eine klinisch reine Fabrik, aus der ukrainische Piloten jeden Tag legal hunderte Tonnen feinstes Fischfilet nach Europa und Japan ausfliegen – und im Gegenzug illegal Kriegswaffen einfliegen. Er zeigt den Nachtwächter, der für einen Dollar die Nacht mit Giftpfeil und Bogen auf Einbrecher lauert; die Prostituierten, die sich für zehn Dollar die Nacht an die Piloten verkaufen; die HIV-Waisen, die sich zudröhnen mit einem Schnüffel-Schleim, geschmolzen aus dem Kunststoff der Fisch-Verpackungen; die Arbeiter aus dem Landesinneren, die der Barsch-Boom angelockt hat und die nun in Baracken hausen; die Frauen, die stinkende Fischskelette voller Maden und Fliegen in der Sonne trocknen, weil Einheimische diese Abfälle tatsächlich noch essen. Und er zeigt den Plastikbarsch im Büro des Fabrikchefs, der mit dem Schwanz wackelt und singt: „Don`t worry be happy“.
Sauper verzichtet auf einen Off-Kommentar, blendet nur ab und an kurze erklärende Zwischentitel ein und beschränkt sich ansonsten auf die vor Ort dokumentierten Original-Bilder und Original-Töne. Aufgenommen hat er sie selbst, mit einer kleinen Digitalkamera, auch um seine Identität als professioneller Filmemacher zu verschleiern. Der fertige Film wirkt daher ausgesprochen authentisch und neutral, ist es aber natürlich nicht: Bildauswahl und Montage sind parteiisch, zielen auf den spektakulären Effekt ebenso wie auf langfristige Wirkung.
Die ersten Ergebnisse: schlaflose Zuschauer in Europa – und eine ärgerliche Regierung in Tansania, die gegen einige der Mitwirkenden vorging.