Spiegel.de | 24.01.2008 | www.spiegel.de
Der Tod und das Mädchen
von Daniel Sander
Ich bin nicht gerade ein begeisterter Fan von Episodenfilmen, eigentlich sogar eher das Gegenteil. Die kunstvolle Verquickung ein paar scheinbar unabhängiger Geschichten zu einem großen Ganzen hat in der Filmgeschichte viel Tradition und wird regelmäßig mit allen möglichen Preisen überschüttet, mir kommen die meisten Beispiele jedoch immer ein bisschen zu gewollt und angestrengt vor.
Ich sehe ja ein, dass zum Beispiel "Magnolia" von Paul Thomas Anderson ein clever zusammengesetztes Stück Kopfkino ist und ein paar tolle Dialoge enthält, so wahnsinnig tiefgründig wie der Film tut, finde ich ihn am Ende dann aber doch nicht, auch wenn es zwischendurch mal Frösche regnet. Oft leiden solche Filme daran, dass einzelne Episoden schwächer sind als andere ("Babel"), manchmal reicht es bei der üblichen Masse an Charakteren nur zur einer Armee von klischeehaften Karikaturen ("L.A. Crash").
Manchmal passt aber auch alles oder wenigstens ziemlich viel, so wie bei "Dead Girl" von Karen Moncrieff. Der Film hat es hier nie wirklich ins Kino geschafft, lief in Deutschland bislang nur auf ein paar Festivals, seit kurzem ist er immerhin als Verleih-DVD erhältlich, erst ab März gibt es ihn dann auch zu kaufen. Es ist ein düsterer, deprimierender Film, abweisend und voller unglücklicher Menschen, man muss sich darauf einlassen können. Es lohnt sich, es zu versuchen.
"Dead Girl" beginnt mit eben jenem toten Mädchen: Offenbar ermordet liegt die junge Frau blutig und nackt in der Wildnis. In fünf aufeinander folgenden Episoden, aus fünf Perspektiven erzählt die Regisseurin, wie dieses Ende eines Menschen für andere ein Anfang sein wird, wie der Tod auch das Leben völlig Fremder verändern kann. Die erste Geschichte handelt von der Frau, die die Leiche gefunden hat, ein schüchternes Wesen (Toni Collette), das von seiner bettlägrigen Mutter (Piper Laurie) terrorisiert wird. In der zweiten Episode geht es um eine junge Gerichtsmedizinerin (Rose Byrne), die in dem toten Mädchen ihre seit Jahren vermisste Schwester zu erkennen glaubt, nach der ihre Mutter (Mary Steenburgen) immer noch verzweifelt sucht. Danach findet eine frustrierte gläubige Ehefrau (Mary Beth Hurt) Hinweise, dass ihr Mann ein Killer sein könnte, und steht vor einem moralischen Dilemma. In der vierten (und stärksten) Geschichte finden Mutter, Freundin und Tochter der Toten zusammen, bevor zum Schluss der letzte Tag im Leben des toten Mädchens (Brittany Murphy) gezeigt wird.
Auch "Dead Girl" wirkt in seiner Kunstfertigkeit manchmal ein bisschen angestrengt, aber das macht nicht viel, wenn schon die durchgehend wunderbaren Schauspielerinnen so mühelos in ihren komplizierten Rollen aufgehen, dass man sie auch wirklich als echte Menschen akzeptiert. Es ist einer dieser seltenen Konzeptfilme, bei denen das Konzept auch aufgeht, der nicht viel mehr will, als Menschen in einer Extremsituation abzubilden, und genau das auch schafft, auf den Punkt.
Und das ganz ohne Amphibien-Niederschlag.