KulturSPIEGEL | 21.08.2009 |
Der KulturSPIEGEL über "Die Spielwütigen"
von Anke Dürr
Schauspieler werden – das ist ein Traum von vielen jungen Menschen, und es lassen sich schnell reizende Komödien, rührende Schmonzetten und billige Casting-Shows aus diesem Stoff machen. Aber was immer man in solchen Werken zu sehen bekommt, hat mit der Realität wenig zu tun.
Ganz anders ist es mit Andres Veiels Dokumentarfilm „Die Spielwütigen“. Über sieben Jahre hinweg hat er vier Schauspielschüler der renommierten Berliner Ernst-Busch-Schule mit der Kamera begleitet, von den Vorbereitungen zur Aufnahmeprüfung bis in die ersten Engagements hinein – und hier sieht man, was es wirklich bedeutet, Schauspieler zu werden: Man sieht Selbstzweifel, Momente des Triumphs, Resignation, Trotz, kleine Schritte vorwärts – und nichts davon ist gespielt. Und man muss kein Theaterexperte sein, um zu begreifen, was in den jungen Leuten vor sich geht (obwohl die Theaterexperten den Extra-Genuss haben, in einer der Protagonistinnen Constanze Becker zu erkennen, die inzwischen ein Star ist).
Dem studierten Psychologen Veiel geht es um Grundsätzliches: Wie wird der Mensch, was er ist? So, wie er in seinem preisgekrönten Film „Black Box BRD“ die Lebenswege des Deutsche-Bank-Chefs Alfred Herrhausen und des RAF-Terroristen Wolfgang Grams nachzeichnete, zeigt er auch in „Die Spielwütigen“, wie die Gesellschaft ihre Menschen formt – ob sie sich nun gegen das System stellen oder versuchen, von ihm zu profitieren. Das System, das ist in diesem Fall die Ernst-Busch-Schule mit ihrem noch aus der DDR stammenden Anspruch, die beste deutsche Kaderschmiede für junge Schauspieler zu sein.
Sieben Jahre, vier Leben in 104 Minuten: Andres Veiels Kunst besteht auch darin, bei 240 Stunden Material nicht die Übersicht verloren zu haben. Weil er trotz der ausufernden Recherche seines Langzeitprojekts natürlich nicht immer in allen entscheidenden Momenten mit der Kamera vor Ort war, hat der Regisseur manches von seinen Protagonisten (drei Frauen, ein Mann) nachspielen lassen – im Bewusstsein, dass der Dokumentarfilmer mit seiner Anwesenheit die Realität ohnehin schon beeinflusst, versucht er so, einer „tieferen Wahrheit“ auf die Spur zu kommen. „Die eigentliche Messlatte ist für mich, inwieweit ich einer Person oder einer Geschichte gerecht werde“, hat Veiel dazu im KulturSpiegel erklärt, „das ist für mich das Einzige, was für mich das Dokumentarische definiert.“ So hat er es in diesem Genre zum unangefochtenen Meister gebracht.