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Jagoda im Supermarkt
von Wolfgang M. Hamdorf
Langsam fährt die Kamera an den weißen Sternen auf blauem Grund entlang; die Kassiererinnen haben kegelförmige „Stars and Stripes“-Hütchen aufgesetzt, vor der Tür drängeln sich Menschenmassen – doch schon bald wird der neu eröffnete Supermarkt in Schutt und Asche liegen, und das alles nur wegen ein paar Erdbeeren. Dass die Lust an der Zerstörung sei eine kreative Lust, wird Michael Bakunin, dem Erzvater des Anarchismus, gerne zitiert. In diesem Sinne ist „Jagoda im Supermarkt“ ein zutiefst anarchistischer und, was den Grad der Zerstörung anbelangt, auch höchst kreativer Film. Denn das rot-weiß-blaues Konsumparadies „Yugo American Supermarket“, über dem die Fahnen des gelobten Vorbildes USA und der verschwundenen Volksrepublik wehen, diese böse Karikatur einer neu gewonnenen Demokratie und des verheißenen Wohlstandes ist es wert, dass sie zugrunde geht. Der Film beginnt mit den Versprechungen des „american way of life“ oder, wie es die sonore Stimme über Lautsprecher verkündet „Zahl serbisch, Iss amerikanisch“; eine Devise, die aus dem Mund der Chefin in balkanisiertem Englisch wie „Big Smile, Big Smile!“ klingt. Ein Versprechen für die neue Zeit, die nach dem Ende des Krieges jetzt endlich anbrechen soll: Konsum, Konsum, Konsum.
Doch die Kassiererinnen sehnen sich weit über alle Konsumträume hinaus. Jagoda, eine zurückhaltende Frau, träumt vom Nachbarn ihrer Kollegin, genau wie diese, hat aber über eine Kontaktanzeige einen Mann kennen gelernt und fiebert dem ersten Treffen entgegen. Vielleicht ist sie deshalb so unwirsch, als eine alte Frau nach Ladenschluss noch Erdbeeren für ihren Enkel kaufen will, und setzt das Großmütterchen ungewöhnlich barsch auf die Straße. Daraufhin dringt Marko, der Enkel der alten Frau, ein Kriegsveteran und Fallschirmjäger im Bosnienkrieg, schwer bewaffnet in den Supermarkt ein, schießt wild um sich, schreit und nimmt alle Kunden und Angestellten als Geiseln. Während draußen Spezialeinheiten der Polizei in Stellung gehen, die den Supermarkt am liebsten ohne Rücksicht auf Verluste stürmen würden, entwickelt Jagoda ein starkes Stockholm-Syndrom, verschweigt aber bis zum Schluss, dass sie es war, die Markos Großmutter so rüde behandelt hat.
So wie der „Yugo American Supermarket“ eine bizarre Parodie auf amerikanische Lebensart ist, so ist der ganze Film eine Parodie auf das Subgenre amerikanischer Geiseldramen. Produzent Emir Kusturica und Regisseur Dusan Milic vermischen die Genreparodie mit allen Elementen cineastischer Balkanfolklore, angefangen bei der disharmonischen Blasmusik bis hin zu den explosiven Charakteren der Haupt- und Nebenfiguren. Ein Geiseldrama ist immer auch ein Polizeidrama, und deren Einsatzleiter ist ausgerechnet der von Jagodas Kollegin so geschätzte Nachbar, der gerne alle seine Psychologiekenntnisse anwenden würde – wäre da nicht der Chef der paramilitärischen Sondereinsatztruppe, der die Situation mit Tränengas und Scharfschützen innerhalb kürzester Zeit eskalieren lässt. Doch auch nachdem alle Geiseln freigekommen sind oder fliehen konnte, bleibt Jagoda freiwillig im Supermarkt und hilft dem ehemaligen Frontkämpfer.
Während die Menge dem Geiselnehmer zujubelt und sich die Einsatzleiter über die richtige Strategie streiten, bereiten Jagoda und Marko in den Trümmern des Konsumparadieses ein üppiges romantisches Mahl . Doch während sich die Liebe in das positive Element des Films verwandelt, dringt einer der „Befreier“ lautlos in den verwüsteten Supermarkt ein und stößt auf zwei ahnungslose Einbrecher, die von der ganzen Entwicklung nichts mitbekommen haben. „Jagoda im Supermarkt“ ist eine laut-lärmende schwarze Komödie über den gesellschaftlichen Umbruch in Serbien, ein grotesker Actionfilm über die bizarren Blüten des Postkommunismus und die gewalttätige Hilflosigkeit, die durch die Erinnerung des Krieges immer wieder ausgelöst wird. Der Film greift dabei durchaus auf die bewährten Spannungselemente des Genres zurück: den Finger am Abzug, der Blick durch das Zielfernrohr auf das lachende Opfer gerichtet. Doch diese Versatzstücke kommen nicht wirklich zum Einsatz, weil man bald spürt, dass diese im Rahmen einer grotesk-komischen Inszenierung nur genutzt werden, um auf ein Happy End zuzusteuern. Die Charaktere sind recht sympathisch, wenn auch mitunter etwas holzschnittartig, doch zum Brüllen komisch ist der Film auf jeden Fall – Humor ist eben, wenn man trotzdem lacht.