Losers and Winners / Arthaus Collection Dokumentarfilm

Originaltitel
Losers and Winners
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2006
Genre
Dokumentation
Lauflaenge ca. 96 min.
FSK ohne Altersbeschränkung

Stab
Regie: Ulrike Franke, Michael Loeken
Drehbuch: Ulrike Franke, Michael Loeken
Kamera: Michael Loeken, Rüdiger Spott
Produktion: Ulrike Franke, Michael Loeken

Abbruch West, Aufbau Fernost: Nach nur acht Jahren Betriebszeit wird die 1,3 Milliarden DM teure, hypermoderne Kokerei Kaiserstuhl stillgelegt. 400 chinesische Arbeiter zerlegen sie im Ruhrgebiet in Einzelteile und verschiffen sie in ihre Heimat. Die letzten Dortmunder Koker müssen den Chinesen dabei helfen, ihren eigenen Arbeitsplatz abzubauen.

Eineinhalb Jahre lang begleiteten die Filmemacher Ulrike Franke und Michael Loeken die Demontage einer gigantischen Industrieanlage und dokumentierten Geschichten entlang des Verschwindens: Wie die Koker im Pott Ankunft und Arbeitsweise der Chinesen erleben und was sie fühlen, wenn sie mit der modernsten Kokerei der Welt auch ihren Stolz schwinden sehen.

Extras

  • Interviews, Kurzfilm „Frohes Schaffen“, Booklet mit Hintergrundinformationen zum Film, Alle Filme der Arthaus Collection im Überblick

Technische Angaben

Bild: 1,78:1 (anamorph)
Sprachen/Ton: Mehrsprachige Originalfassung in Deutsch und Chinesisch (Stereo Dolby Digital)
Untertitel: Deutsch bei chinesischen Passagen

Rezensionen

film-dienst | | film-dienst.kim-info.de
Losers and Winners
von Hans Messias

In den Chefetagen großer, meist börsennotierter Konzerne und auf dem Börsenparkett selbst graust man sich seit geraumer Zeit vor „Heuschrecken“, nach deren Einfall ausgebrannte Firmen zu beklagen sind – eine Geschäftspolitik, die meist auf dem Rücken der Mitarbeiter ausgetragen wird, um die Gewinnmargen zu sichern. Auf der Kokerei Kaiserstuhl im Ruhrgebiet fürchtet man sich vor „Ameisen“. Die wurden Anfang des Jahrzehnts immer mehr, kamen aus dem Reich der Mitte, trugen Blaumänner und machten sich mit dem sprichwörtlichen Fleiß besagter Insekten daran, das Werk, immerhin die modernste Kokerei der Welt, Stück für Stück zu zerlegen und ihrem Riesenreich, China, in Containern zuzuführen. Die Kölner Filmemacher Ulrike Franke und Michael Loeken, denen unter anderem der wunderbare „Renate Kern“-Dokumentarfilm zu verdanken ist („Und vor mir die Sterne“, fd 33 224), beobachteten die Demontage über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren, wobei sie nicht nur entspannend leidenschaftslos mit dem technischen Aspekt dieser gigantischen Aufgabe umgehen, sondern sich, sowohl den Erkenntnis- als auch den Unterhaltungswert ihre Dokumentarfilms fördernd, auf die (zwischen-) menschlichen Bereiche der deutschen und chinesischen Arbeiter konzentrieren und Erstaunliches vor die Kamera bekommen.

Das anfängliche Unbehagen der deutschen, bald in Abwicklung befindlichen Arbeiter schlägt in eine Art Selbstschutz um, in so etwas wie heimliche Freude, als sich der Glaube verbreitet, dass die Chinesen das Werk nie wieder aufgebaut bekämen. Die geben sich überaus selbstbewusst und vertrauen den Fähigkeiten ihrer Genossen Ingenieure, die binnen kurzer Zeit mehrere Werke „klonen“ werden, schließlich hat man das „Know-how“ mitgekauft. Als die Deutschen auf Arbeitssicherheitsvorschriften pochen – schließlich kann Strom nicht von jedem verlegt werden, drei Alu-Leitern dürfen nicht mit Draht zu einer Mega-Leiter verbunden werden, und warum gibt es Formulare für eine Schweißgenehmigung, wenn diese nicht beantragt werden? –, reagieren die Gast-Demonteure zunächst etwas genervt, verabschieden aber dann im Plenum ein Zwölf-Punkte-Programm, das dem deutschen Arbeitsschutz ebenso Rechnung tragen will wie dem chinesischen Nationalstolz und der dortigen (Arbeits-)Ethik. Kurz: die Chinesen passen sich an wie Fische im Wasser, das hat der große Vorsitzende Mao schließlich gefordert, von dem auch der zitierte Ausspruch stammt, dass bei der Revolution Arbeiter auf der Strecke bleiben.

Im vorliegenden Film hat man allerdings den Eindruck, dass es zumindest in diesem Fall der deutsche Arbeiter ist, der auf der Strecke bleiben wird. Während die Chinesen mit reichlich Alkohol und noch mehr Zigaretten ihr Neujahrs-Fest feiern, messen deutsche Arbeiter ihren Blutdruck und zittern dem Ende ihrer Arbeit entgegen, wenn die Demontage ihrer Anlage jeden Tag einen noch weiteren Blick auf das Umland freigibt. Den Reiz des Films und auch die einer klugen Montage geschuldete Ironie machen die direkte Engführung zweier Mentalitäten aus, die scheinbar widersprüchlicher nicht sein könnten. Während die deutschen Arbeiter mit traurigen Blicken der Vergangenheit nachhängen, wiegeln die Vertreter des Tigerstaates, der sich nach seiner Krise wieder gefangen hat und sich nun ein neues Filetstück einverleibt, ab; man müsse keine Angst haben, man wolle die Deutschen nicht überholen, sondern einholen – vielleicht in 100 Jahren. Doch diese Aussagen des chinesischen Projektleiters, der schon zuvor durch seine überaus blumige Sprache aufgefallen war und Weisheiten wie „das Meer des Lernens kennt keine Ufer“ vom Stapel ließ, werden durch Aussagen wie „Arbeitseinsatz ist wie Krieg“ irgendwie relativiert. Eine ganz besondere Note erhält der ernste, aber auch durchaus erheiternde Dokumentarfilm, als die Chinesen mit ihrem Plansoll ins Hintertreffen geraten, Überstunden leisten und über die Deutschen, die pünktlich Feierabend machen, fluchen. Hier bekommt das Szenario einen wirklich bizarren Touch.

Formal auf den ersten Blick schlicht, entfaltet der Film seinen Hintersinn erst nach und nach; er geht sein Sujet nicht verbissen an, sondern erzählt in ruhigen Bildern eine nahezu aberwitzige Geschichte und bringt vieles auf den Punkt, was hierzulande politisch und gewerkschaftlich unter den Nägeln brennt. Wenn man dann im Rollabspann auch noch erfährt, dass die chinesischen Kokereien satte Gewinne einfahren, der Koks-Preis weltweit gestiegen ist und man im Ruhrgebiet plant, eine neue Kokerei aufzubauen, dann träumt man vom (Arbeits-)Urlaub am Ufer des Meeres des Lernens.

KulturSPIEGEL | 21.08.2009 |
Der KulturSPIEGEL über "Losers and Winners"
von Julia Bonstein

In Dortmund beginnt die Globalisierung mit schwungvollen Pinselstrichen: Ein chinesischer Arbeiter setzt rote Schriftzeichnen auf das Mauerwerk der Kokerei Kaiserstuhl. Kopfschüttelnd beobachten ihn dabei zwei deutsche Beschäftigte. Er fühle sich an das Gewusel in der „Geschichte mit den Ameisen“ erinnert, erzählt einer der beiden, und tatsächlich spielt sie sich direkt vor seinen Augen ab. Im Frühjahr 2003 sind Hunderte Chinesen angekommen, um ein Stück deutscher Industriegeschichte abzumontieren. Im Ruhrgebiet lohnt sich die Koks-Produktion nicht mehr, China hat die hochmoderne Anlage gekauft. Nun wird das riesige Werk demontiert, um dann viele Tausend Kilometer entfernt wieder aufgebaut und kopiert zu werden: Zwei baugleiche Kokereien sind geplant. Michael Loeken und Ulrike Franke haben in Dortmund anderthalb Jahre lang das allmähliche Verschwinden der Anlage mit der Kamera begleitet. Ihr Film dokumentiert zwei Seiten der Globalisierung: Fortschritts-beseelte Chinesen treffen auf deutsche Arbeiter, die den Zerfall ihrer Lebenswelt hilflos staunend verfolgen. Dem Abbau-Eifer der Asiaten haben die Deutschen allenfalls mahnende Erinnerungen an „Sicherheitsvorschriften“ und „Schweißgenehmigungen“ entgegenzuhalten. Wer sind hier die Gewinner und wer sind die Verlierer? Die Filmemacher halten sich mit einem Urteil zurück, sie dokumentieren Szenen, die zwischen spröder Traurigkeit und gelegentlichem Schmunzeln wechseln. Im Speiseraum verfolgen die angereisten Arbeiter das Programm des chinesischen Staatsfernsehens, bei Autofahrten durch Dortmund werden patriotische Lieder gesungen. Der Projektleiter kürt alle vier Wochen die Fleißigsten mit roten Papierschärpen zu „Arbeitern des Monats“ und träumt selbst vom ersten eigenen schnellen Auto: Zu einem Mercedes-Werbeplakat entwirft er blumige Gedichtzeilen. Zwischendurch müssen Arbeitsunfälle beklagt werden, doch die Chinesen sind sich sicher: Mit Hilfe der modernen Kokerei wird ihr Land einen großen Schritt in Richtung Moderne und Wohlstand machen. Sie arbeiten 60 Stunden in der Woche und sparen für die Hochzeit oder die kostspielige Ausbildung ihrer Kinder. Die Deutschen betreuen unterdessen den „Stillstandsbereich“ der Anlage und bereiten sich auf den Vorruhestand oder die drohende Arbeitslosigkeit vor. Auf 38 Berufsjahre und „nur drei oder vier Krankenscheine“ blickt einer der Koker stolz zurück, die Asiaten haben unterdessen die Zukunft im Visier: Wenn er sich etwas wünschen dürfte, so sagt einer der chinesischen Arbeiter, würde er als nächstes gern das deutsche Airbus-Werk mitnehmen.

Angaben zum Vertrieb

DVD im Handel und als VoD seit 21.08.09
Bst.-Nr. 502634, EAN 4006680050034

Diesen Titel gibt es in weiteren Varianten:

VoD
D 2006
R: Ulrike Franke, Michael Loeken

Globalisierung hautnah am Beispiel der Mammutdemontage einer Kokerei im Ruhrpott.

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