KulturSPIEGEL | 21.08.2009 |
Der KulturSPIEGEL über "Man on Wire"
von Martin Wolf
Zwei Hochhäuser, dazwischen ein Seil – und auf dem Seil ein Mann: Philippe Petit balanciert am Morgen des 7. August 1974 zwischen den Türmen des World Trade Center in New York. Vor, zurück, vor, zurück, eine Dreiviertelstunde lang, ohne jede Sicherung, in 417 Meter Höhe. Die Welt staunt, New York jubelt. Dann kommt die Polizei. „Man on Wire“, Mann auf Drahtseil, schreibt ein Beamter ins Protokoll.
Die Luftnummer über New York war das Werk eines Traumtänzers. Philippe Petit, ein Franzose, Jahrgang 1949, las Ende der sechziger Jahre in einer Zeitung, dass das World Trade Center im Entstehen sei, das bald das höchste Gebäude der Welt werden sollte. Für Petit begann damit eine jahrelange Obsession. Der Mann mit „dem Verstand eines Kriminellen“ (Selbsteinschätzung) probte seinen Drahtseilakt auf einer Wiese in Frankreich, zwischen den Türmen von Notre-Dame in Paris und über der Harbour Bridge in Sydney. Schon damals lief fast immer eine Kamera.
Ein Glücksfall für James Marsh, den englischen Regisseur. Er konnte für seine Dokumentation auf reichlich Archivmaterial zurückgreifen, das er mit neuen Interviews mit Petit und dessen Helfern sowie nachgestellten Szenen zu einem faszinierenden Film montiert hat. „Man on Wire“ ist zugleich die spannende Chronik eines Himmelfahrtskommandos, das Porträt eines Besessenen und eine wehmütige Liebeserklärung an ein New York, das so nicht mehr existiert.
Die Terroranschläge vom 11. September 2001 werden in „Man on Wire“ zwar mit keinem Wort erwähnt. Das ist aber auch nicht nötig. Die Erinnerung daran überlagert ohnehin jedes Bild von Petits Coup. Der entrückt lächelnde Artist auf dem Seil zwischen den Türmen des World Trade Center – heute wirkt diese Szene auf den Betrachter wie ein Foto aus den glücklichen Tagen eines alten Freundes. Niemand ahnt etwas von der schrecklichen Zukunft.
Die gute Nachricht: Philippe Petit macht weiter Kunststücke. Zuletzt balancierte er auf seinem Kinn die Oscar-Statue, die James Marsh im Februar 2009 für „Man on Wire“ gewonnen hat.