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Texas Funeral - Warum Frauen Männern die Ohren abschneiden
von Oliver Rahayel
Dies ist eines jener amerikanischen Dramen, die sich vom Start weg etwas von der Aura eines Klassikers zulegen. Es handelt sich dabei nicht nur um eine Tragödie, die sich wie in der antiken Dramentheorie auf einen einzigen Ort und auf den Zeitraum einer einzigen Nacht beschränkt; der Film erzählt auch eine Geschichte über universelle Sehnsüchte und Ängste, die gleichwohl nur in den USA spielen kann, weil sie von den amerikanischen Erwartungen ans Individuum durchdrungen ist. Ein solcher Stoff ist vorzugsweise in der Provinz angesiedelt und in einer Zeit, als solche Geschichten ihre Blütezeit hatten - als Dramen noch frei von Ironie und genrespezifischen Selbstbezogenheiten waren und stattdessen lupenreine Charakterstudien lieferten, die zu Fallstudien werden, und Schauplätze entdeckten, die sich in symbolische Orte mit lauter ebenso symbolischen Attributen verwandelten. Diese Zeit ging in Amerika und damit auch in Hollywood mit den 60-er Jahren zu Ende, und genau in dieser Zeit spielt „Texas Story“. Es ist ein Drama über drei Generationen, das weniger von Generationskonflikten als von der Aufarbeitung verborgener Aversionen und Begierden handelt. In Anlage und Ausschmückung sowie durch seine freudianische Herleitung weist der Film deutlich auf seine Vorbilder zurück, auf die Chronisten amerikanischer Befindlichkeit wie Tennessee Williams und John Steinbeck.
Eine Beerdigung wird wie schon so oft im Kino zum Anlass für ein Familientreffen. Großvater Sparta ist gestorben, und sein Enkel, der ebenfalls auf den Namen Sparta getauft wurde, sieht dem Verwandtenauftrieb interessiert zu. Vom Großvater, der ihm als Geist erscheint, erhält der Junge einige wohlmeinende Ratschläge bezüglich des Familientreffens und über das Leben im Allgemeinen. Beider Perspektive bestimmt die Haltung des Films: naiv und weise zugleich, jedenfalls frei vom Druck des Lebenskampfes. Spartas Vater Zach Whit und Mutter Mary Joan empfangen Zachs Cousin Clinton samt Frau Charlotte auf ihrer Farm. Die Wiedersehensfreude hält sich in Grenzen, da Zach Clinton vorwirft, nur deswegen viel mehr Geld – und einen herrlichen Cadillac – zu besitzen, weil dessen Vater seinen Bruder, Zachs Vater Sparta, einst übers Ohr gehauen hat, als es um die Teilung des Grundstücks ging – denn nur auf seiner Hälfte wurde Öl gefunden. Als Zachs schöne Schwester Miranda auftaucht, die in einer Nervenheilanstalt untergebracht ist, verhält sich ihre Schwägerin Mary Joan eher kaltherzig, und als schließlich Walter das Haus betritt, der Enkel von Spartas schwarzem Diener, zeigt sich wiederum Clintons fanatisch-religiöse Ehefrau reserviert, aber auch interessiert.
Jede der Figuren hat ein festes Bild von den anderen und ist kaum davon abzubringen. Dabei basieren gerade die Antipathien meistens auf lange zurück liegenden Ereignissen. Symbolisiert werden die Verhältnisse durch diverse Gegenstände und Tiere. Um erstere zu ändern, müssen Letztere mitunter geopfert werden. Da sind Clintons Cadillac, für Zach ein unerfüllter Lebenstraum, oder das Kamel im Stall, das für die patriarchalisch-irrsinnige Familientradition steht, ein Baum, der gepflanzt wurde, nachdem Miranda die Familienehre beschmutzt hatte, die Ohren der Whitschen Männer, die den Frauen schon immer den Verstand raubten. William Blake Herron hatte lediglich einen Kurzfilm und ein Drehbuch für eine Highsmith-Verfilmung aufzuweisen, als er die Möglichkeit erhielt, diesen Stoff, der autobiografische Züge trägt, zu realisieren. Umso beeindruckender ist die handwerkliche Qualität der Regie, die dem begrenzten Schauplatz immer neue Perspektiven und Stimmungen abtrotzt. Die Dialoge, die einer geschickt angelegten episodischen Struktur folgen, nähern sich unmerklich dem psychologischen Kern der Beziehungen. Es sind lauter Menschen, die feste Vorstellungen von Glück und einer funktionierenden Familie haben, sich aber von ihren Verwandten darin bedroht fühlen. Ein brillantes Stück uramerikanisches Kino, wunderbar besetzt und gespielt: Robert Patrick, eigentlich auf Bösewichter abonniert, spielt den liebenswerten Macho Zach, Chris Noth verkörpert sein verklemmt-verwöhntes Pendant und Martin Sheen mit zurück gelehnter Routine den Großvater, der irgendwie an allem Schuld ist und dem man dennoch alles verzeiht.