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Whisky
von Wolfgang M. Hamdorf
Zwei ältere Menschen, ein Mann und eine Frau, richten in aller Schnelle, zugleich aber mit bedächtiger Gründlichkeit ihr gemeinsames Heim her – was eine Täuschung für Außenstehende ist, denn die vermeintlich glückliche Ehe der beiden ist eine Farce. Der ruhige, bedächtige Mann und die ruhige, bedächtige Frau haben in Wahrheit nur wenig gemein. Jacobo Köller, Inhaber einer technisch veralteten kleinen Strumpffabrik, ist alles andere als ein fröhlicher Zeitgenosse, jemand, den die Fröhlichkeit anderer immer gehemmt hat, besonders die seines Bruders Herman, des fröhlichen Tausendsassas, der nach Brasilien ausgewandert ist, um dort ebenfalls eine Strumpffabrik aufzumachen. Jacobo führt ein monotones, einsames Leben, dessen Freudlosigkeit nur durch die Routine der täglichen Arbeit und Abläufe einen Sinn erhält. Als ihre Mutter stirbt, lädt er den Bruder zum traditionellen jüdischen Trauergebet und zur Grabsteinsetzung ein. Aber Jacobo wird klar, dass er dem erfolgreichen Gast nichts Erfolgreiches vorweisen kann, schon gar nicht in seinem Privatleben. Die strenge Marta ist seine rechte Hand im Betrieb, die mit eiserner Hand und immer wiederkehrender Routine die Belange der Mitarbeiter verwaltet: penibel, routiniert, ausdauernd, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Jacobo hat selten oder eigentlich nie ein persönliches Wort an sie gerichtet, doch nun kommt er mit einem seltsamen Anliegen zu ihr: Er bittet sie, während des Besuchs seines Bruders seine Ehefrau zu spielen, um dem Bruder die Illusion häuslichen Glücks vorzutäuschen. Marta willigt ein. Beide organisieren auf ihre gründliche Art die Details der Illusion einer glücklichen Ehe, vom gemeinsamen Schlafzimmer bis zum Hochzeitsfoto, auf dem die beiden mit einem glücklichen „Whisky“ auf den Lippen in die Kamera lächeln. Herman sieht sich überrascht mit Jacobos scheinbar perfekter, wenn auch etwas langweiliger Ehe konfrontiert. Dabei kommt Marta dem introvertierten Jacobo keinen Schritt näher, wogegen sich der vermeintliche Schwager sehr um sie bemüht und sie zum Lachen bringt. Dann lädt Herman seinen Bruder und dessen Frau zu gemeinsamen Tagen ans Meer ein – und in einem menschenleeren Hotel mit vergilbten Tapeten wird Marta klar, dass sie eine Entscheidung treffen muss.
„Whisky“ ist eine melancholische Betrachtung über den Sinn des Lebens, bei der trockener Humor und eine feine, bis ins kleinste Detail präzise atmosphärische Beschreibung den philosophischen Diskurs über das Altern der Illusionen und die Unfähigkeit, das Leben aus der alltäglichen Absurdität des immer Gleichen hinaus zu führen, ersetzen. Der ruhige Film über die Einsamkeit lebt von einer trockenen Situationskomik, die stark an Jim Jarmusch oder Aki Kaurismäki erinnert, weniger indes an regionale Klischees des südlichen Amerikas. Uruguay ist keines der großen lateinamerikanischen Filmländer wie Brasilien, Mexiko und Argentinien, immer wieder aber überraschen kleine, unter großen Schwierigkeiten entstandene Filme, vor allem durch lakonischen Witz und humorvolle Verfremdungen alltäglicher Situationen. „Whisky“ ist solch ein ganz eigenes Werk, das 2004 zu einer der großen Überraschungen des lateinamerikanischen Films avancierte. Mit Liebe zu mimischen und szenischen Details und subtiler Skurrilität bauen die Regisseure Juan Pablo Rebella und Pablo Stoll geschickt die psychologischen Spannungen, gegenseitigen Aversionen, Zuneigungen und Träume zwischen den drei Protagonisten auf , wobei die Figuren nie vordergründig komisch sind und nie durch den Humor diskreditiert werden. Sie bewegen sich mit einer fast zeitlosen Würde, wobei sich in den komischen Situationen stets die Tragik eines nicht gelebten oder an der Zeit vorbei gelebten Lebens bricht.