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90 Jahre und kein bisschen leise: Jean-Luc Godard

Mit Außer Atem schuf Godard vor 60 Jahren einen unsterblichen Filmklassiker. Danach revolutionierte er das Kino. Zum Ehrentag ein kurzer Blick auf sein bewegtes Leben und Werk.

Persönliches/Aus gegebenem Anlass

04. Dezember 2020

Jean-Luc Godard wurde am 3. Dezember 1930 in Paris geboren. Aber das sind banale Fakten, wenn man sie mit der Wirkung vergleicht, die allein die Nennung seines Namens hat. Godard ist ein Synonym für Kino geworden, und zwar eines Kinos, das sich nicht den Regeln des kommerziellen Marktes unterwirft. Dabei war dieser Jean-Luc Godard schon immer ein Getriebener, der mit rebellischem Impetus die Dinge selbst vorantrieb. Legende sind die Geschichten um sein Spielfilmdebüt Außer Atem, das er 1960 lediglich deshalb realisieren dufte, weil die Produktionsfirma davon ausging, Chabrol und Truffaut wären in den Film involviert – was bloß ansatzweise stimmte. Herausgekommen ist ein Werk von unterblichem Rang, in dem heute noch jede Szene Gänsehaut erzeugt. Und dazu die historischen Innovationen, nehmen wir nur die Jump Cuts! Die mussten, ganz nebenbei, wie so manch andere Trickserei zum Zwecke der Vertuschung fehlerhafter Anschlüsse, auch herhalten, um die Verzweiflungstränen des so genannten Script-Girls zu trocknen. Jener Frau, die sich um die Kontinuität im Ablauf der Szenen zu kümmern hatte, die Regisseur Godard nicht scherte.

"Alphaville", 1965, Eddie Constantine und Anna Karina © Studiocanal

"Alphaville", 1965, Eddie Constantine und Anna Karina © Studiocanal

Was kümmert Godard denn eigentlich? Künstlerisch betrachtet ist er Idealist und Materialist zugleich. Der Sohn aus gutem schweizerisch-französischen Hause, der seit 1953 die schweizerische Staatsbürgerschaft besitzt, pflegt die Auseinandersetzung mit dem Filmemachen selbst und folgt dieser Logik: Die Kunst kann erst zum Mittel der Politik werden, wenn man ihre Konventionen hinterfragt, so wie man außerhalb der Kunst die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht einfach anerkennt. Aber warum Politik? Godard politisierte sich, das heißt seine Arbeit, gegen Ende der 1960er Jahre im Zuge der Aufbruchsstimmung in der Gesellschaft. 1968 bildete auch in Frankreich den Höhepunkt einer aus heutiger Sicht sehr heterogenen (Studenten-)Bewegung. Godard geriet in den Strudel des Protests. Der Mann des Wortes – Godard gehörte zu den ersten Autoren des 1951 von André Bazin gegründeten und für die Rezeption der Nouvelle Vague maßgeblichen Magazins Cahiers du Cinéma – wurde zum handfesten Kämpfer für künstlerische Unabhängigkeit und eine Art Galionsfigur des Antiimperialismus. Wie auch immer man das im Jahr 2020 einordnen mag…Godards Überzeugungen hallen nach.

"Die Außenseiterbande", 1964 © Studiocanal

"Die Außenseiterbande", 1964 © Studiocanal

Aber Godard war und ist bis heute noch vor allem ein Mann der Bilder – und ein Suchender. "Ich ziehe es vor, etwas zu suchen, was ich nicht kenne, statt etwas, was ich kenne, besser zu machen." lautet eines der Zitate Godards, mit denen sich seine "Philosophie" bestens beschreiben lässt. So spricht niemand, der die Weisheit mit Löffeln gefressen hat oder sich auf ideologischen Gewissheiten ausruht. Das Werk Godards kann man demzufolge keinesfalls auf ein Genre, einen Stil oder eine bestimmte experimentelle Zielrichtung reduzieren. Wenn einer bei Null anzufangen vermochte, ohne das zuvor Selbsterlernte und den Fortgang des wahren Lebens außerhalb des Kinos auszublenden, dann Jean-Luc Godard. Davon darf man sich im ARTHAUS-Katalog jederzeit überzeugen, zum Beispiel wenn man Le mépris – Die Verachtung, Die Außenseiterbande, Alphaville, Elf Uhr nachts oder andere Klassiker von ihm anschaut. Der kleine Soldat aus dem Jahr 1960 ist nicht nur bis dato einer der besten Anti-Kriegsfilme, er enthält einen weiteren entscheidenden Satz aus und über Godards Leben: "Die Fotografie, das ist die Wahrheit. Kino, das ist die Wahrheit 24 Mal in der Sekunde."

"Außer Atem", 1960, Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo © Studiocanal

"Außer Atem", 1960, Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo © Studiocanal

Diese Worte lebt Godard.

Wir gratulieren dem streitbaren Streiter für die Wahrheit dies- und jenseits der Leinwand, der unbestreitbar einer der besten Filmemacher aller bisherigen Zeiten ist, ganz herzlich zum 90. Geburtstag. Und wünschen ihm, dass seine gestrige Feier trotz Corona kein Dinner For One war. Wir sehen ihn sicher bald wieder – im Kino.

WF

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