Bild zu Luc Besson: Parallelweltenbummler

Luc Besson: Parallelweltenbummler

Subway, Im Rausch der Tiefe und Johanna von Orleans: Allein diese drei jetzt in schönen Editionen wiederveröffentlichten Meisterwerke offenbaren die Tiefe der stylishen Filmwelten des Regisseurs von Léon – Der Profi.

24. Februar 2021

Unterirdisch gut – das wäre wohl ein treffendes Paradox, um Luc Bessons schrillen Eighties-Noir Subway zu beschreiben. Einer der ganz frühen Filme des Frühstarters, der im März bereits 62 Jahre alt wird. Vielleicht hat Besson sich für den Hochglanz-Krimi, der beinahe ausschließlich in der Pariser Metro spielt, entscheidend von einem anderen Vertreter des Cinéma du Look – einer filmischen Bewegung, der Besson heute zugerechnet wird – inspirieren lassen? 1981 und damit vier Jahre vor dessen Geschichte um schillernde Halbwelt-Figuren im Untergrund der französischen Metropole hatte Kollege Jean-Jacques Beineix in seinem modernen Klassiker Diva nämlich bereits eine grandios-stylische Verfolgungsjagd durch die U-Bahn-Tunnel von Paris inszeniert. Für Besson gilt jedoch: Inspiration: ja – schlichte Kopie: nein. Dafür hatte Besson schon als Jugendlicher zu viele eigene Ideen im Kopf. So verfasste er zum Beispiel mit zarten 16 einen Romanentwurf zu jener Story, aus der 1997 mal sein Science-Fiction-Kult(pardon!)film Das fünfte Element werden sollte.

Rosanna Arquette mit Tauchboy in »Im Rausch der Teife« © Ressources Gaumont

Rosanna Arquette mit Tauchboy in »Im Rausch der Teife« © Ressources Gaumont

Unterirdisch gut – das schräge Prädikat würde auch auf ein absolutes Schlüsselwerk Luc Bessons passen. Für Im Rausch der Tiefe schickte er drei Jahre nach Subway seine Protagonisten abermals unter die Erdoberfläche. Eine Geschichte über zwei konkurrierende aber dennoch befreundete Taucher, die eng mit seiner eigenen Biografie verknüpft ist. Luc Besson wuchs als Kind von Tauchlehrern zeitweise auch in Griechenland und Italien auf, Drehorten des ungewöhnlichen Dramas, bei dem man als Zuschauer*in unwillkürlich die Luft anhält, besonders wenn man sich von dem nun zusätzlich zur Kinofassung veröffentlichen Director’s Cut berauschen lässt. Im Rausch der Tiefe war 1988 der erfolgreiche Nachfolgefilm zum großen Erfolg Subway und schärfte das künstlerische Profil des Regisseurs Besson. Der entwirft bis heute faszinierende Parallelwelten, in denen alltägliche Konflikte auf spielerische Art ausgefochten werden. Neben der komplexen Freundschaft zwischen den von Jean Reno und Jean-Marc Barr gespielten Tauchcracks Enzo und Jacques schickt er mit Rosanna Arquette als Johana Baker eine dieser ungewöhnlichen Frauen ins Rennen, die man schon in Isabelle Adjanis Subway-Figur Héléna an der Seite Christopher Lamberts entdecken konnte, und die für seine Filmografie allmählich prägend wurden. Man denke nur an die junge Natalie Portman als Teenage-Killerin in Léon – Der Profi aus dem Jahr 1994.

Ästhetische Gourmethappen und Sonntagsfilm-Schlachten

Überirdisch gut – nur so lässt sich Luc Bessons Historienspektakel Johanna von Orleans beschreiben. Der von einem Genre zum anderen ziehende Filmemacher ist 1999 an einem wichtigen, geradezu spirituellen Wendepunkt angekommen. Gereift, den großen französischen Mythos der Jeanne d'Arc mit unverwechselbarer eigener Handschrift zu erzählen – und mit jenem langen Atem gesegnet, den ein guter Geschichtenerzähler beweisen, den ein eigensinniger Künstler im Filmbusiness sich jedoch erst verdienen muss. Und den in diesem Fall die tauchenden Eltern dem kleinen Luc womöglich schon in die Wiege gelegt haben. Für das Publikum ein Glücksfall. Bei aller modischen Hybridität von 1990er-Jahre-Atmo und der Garderobe eines stilisierten 15. Jahrhunderts, ist Besson ein zeitloses, wenn auch zeitintensives Mega-Meta-Drama gelungen. Eines, in dem die Heldin der dumpfen Männerwelt aber mal ordentlich zeigt, was eine Frau ist. Beziehungsweise, wozu sie das Schwert bestenfalls schwingt. Ja, der überzeugte Parallelweltenbummler Besson führt uns trotz aller ästhetischen Gourmethappen – wie den splatterigen Choreografien der in bester Sonntagsfilm-Manier ausufernden Schlachten – wieder in Abgründe, die mehr als unterhaltsam sind. Milla Jovovich als Johanna zwischen Mut und Verzweiflung überragt in einem Ensemble, dem John Malkovich als feiger König Charles VII und Faye Dunaway als dessen Schwiegermutter Jolanda von Aràgon sowie Dustin Hoffman als personifiziertes schlechtes Gewissen die Krone aufsetzen.

Milla Jovovich schwingt das Schwert in »Johanna von Orléans« © Ressources Gaumont

Milla Jovovich schwingt das Schwert in »Johanna von Orléans« © Ressources Gaumont

Mit dem ganz eigenen Bombast im Score Eric Serras schließt sich außerdem der Kreis zu Serras Musik für Im Rausch der Tiefe und der Slap-Bass-Funkyness und den durchaus anrührenden, rau polierten Soulnummern, mit denen Bessons Leib- und Magen-Komponist aus Subway einen halben Musicalfilm machte. Es lohnt sich wirklich, tief in dieses Best-of-Besson einzutauchen.

WF

Filme zu diesem Thema

Arthaus Stores

Social Media