Werner Herzog: Der Mann, der fast vom Himmel gefallen wäre

Ständchen für einen besonderen Filmemacher: Am 5. September 2019 wird Werner Herzog 77 Jahre alt. Doch seit einem Flugzeugunglück in Peru 1971 kann er eigentlich zwei Mal im Jahr Geburtstag feiern.

Filmgeschichten, Drehmomente 05. September 2019

"Was ich bin, sind meine Filme" heißt ein Dokumentarfilm von Laurens Straub über Werner Herzog aus dem Jahr 1978. Man findet diese 90 spannenden Minuten unter anderem als Bonusmaterial zu Nosferatu – Phantom der Nacht in der Klaus Kinski Werner Herzog Edition. Diese Zusammenstellung wiederum enthält sämtliche fünf Meilensteine, die der 1942 in München geborene Filmemacher mit Kinski in der Hauptrolle drehte – jenem Enfant terrible des deutschen Kinos, das Herzogs Aussage zufolge einen Teil seiner Persönlichkeit darstellte. Ja, ein Teil von ihm war.

Kinski und andere Dämonen

Werner Herzogs berühmte Auseinandersetzungen mit Klaus Kinski und dessen Launen, verewigt im Leinwandbekenntnis Mein liebster Feind kann man demnach als Kampf mit seinem eigenen Ich verstehen. Schließlich gehört Herzog zu der Art von Künstlern, die alles persönlich nehmen – und ihre Kunst als ewiges Wagnis begreifen. Das Risiko, das er anderen zumutet, birgt für ihn logischerweise die Gefahr der Selbstentblößung. Wenn Kinski vor und abseits der Kameras seine Tobsuchtsanfälle bekam, ließ auch Herzog die Hosen runter. Aber ohne Kinski geht es fast noch besser. Drastischer. Im erwähnten Straub-Film erzählt Herzog von seiner anarchischen Jugend auf dem Land und berichtet freimütig, wie er einen seiner beiden Brüder mit einem Messer schwer verletzte.

Sie küssten und sie schlugen sich: Herzog und Kinski hautnah

Einem Clinch ist Werner Herzog seither wohl nicht so schnell aus dem Weg gegangen, die Waffen hat er allerdings gewechselt. Nehmen wir zum Beispiel den Humor. So hat er mal behauptet, dass jeder Filmemacher ein Clown sei. Passender Anlass war eine an Charlie Chaplin angelehnte Aktion. Um den heute weltberühmten Dokumentarfilmer Errol Morris zu motivieren, sein erstes Werk Gates Of Heaven mit aller Konsequenz in Angriff zu nehmen, gab Herzog nämlich bekannt, er werde wie einst der große Komiker Chaplin in Goldrausch seinen Schuh verzehren, sollte Morris das geplante Debüt tatsächlich fertigstellen. Ein Rückzieher von diesem Schwur kam für Herzog natürlich nicht in Frage, die Folgen sind in Les Blanks Kurzfilm Werner Herzog eats his Shoes (1980) zu begutachten. Spoiler: Die Sohle hat er nicht mit gegessen.

Werner Herzog ist heute für viele Dokumentarfilme bekannt, die das Publikum ähnlich wie seine Spielfilme meist dorthin führen, wo kaum ein anderer Regisseur zuvor einen Fuß auf den Boden setzte – und die von diesem Neuland auf ganz spezielle Weise erzählen. Vor 50 Jahren veröffentlichte er Die fliegenden Ärzte von Ostafrika, und schon da äußerte sich ein Faible für Geschichten über furchtlose Abenteurer, Glückssucher und Eroberer auf fernen Kontinenten. Eine Faszination für Gestalten mit kolonialistischen Zügen. Männer auf einer Mission.

Werner Herzog im Bemühen, die Kontrolle über die Dreharbeiten zu behalten

Je tiefer man in das Gesamtwerk Werner Herzogs eindringt, desto deutlicher hat man ihn als zwiespältigen Typ vor Augen. Wegbegleiter Les Blank schaute für seinen Dokumentarfilm Die Last der Träume hinter die Kulissen der mitunter lebensgefährlichen Dreharbeiten zu Fitzcarraldo (1982) mitten im Amazonasgebiet. In Peru hatte Herzog durch Aguirre, der Zorn Gottes bereits zehn Jahre zuvor seine Handschrift hinterlassen. Bei Fitzcarraldo führte er das Filmteam jedoch ein paar Schritte weiter in ein metaphorisches Herz der Finsternis – nah an den Abgrund seiner Vision, nicht nur einen Spielfilm über einen Wahnsinnigen zu drehen, der ein riesiges Schiff über einen Berg im Urwald transportiert, sondern dieses Kunststück tatsächlich zu vollführen. Wenn man so will, ist Fitzcarraldo ein Abenteuerfilm und dessen Making-Of in einem, weil das Publikum sich in jedem Augenblick der Handlung fragen muss, wie diese aufwändigen Szenen zustande gekommen sind. Doch von Mick Jaggers letztlich geplatztem Mitwirken über Unfälle mit Giftschlangen und Motorsägen bis zum berühmt gewordenen Angebot der indigenen Darsteller*innen an Herzog, den cholerischen Kinski für ihn umzubringen, blieben noch genug Backgroundstorys für Blanks Metafilm übrig. Man ahnt: Eine Werner-Herzog-Produktion dürfte nie spurlos an den Beteiligten vorübergehen.

Jeder Film ein waghalsiges Unternehmen

Nicht abwegig also, es für Werner Herzogs Schaffen zu bemühen, das abgedroschene Bild des Tanzes auf der Rasierklinge. Seine Spielfilme offenbaren ja eigentlich alle diesen bereits erwähnten dokumentarischen Charakter, während Herzogs Dokumentarfilme eine objektive Wirklichkeit in Zweifel ziehen. Dafür stehen in vielen Fällen seine auf Englisch eingesprochenen Off-Kommentare mit süddeutschem Akzent und mit dieser typischen Melodie, in der sich Neugier und Überzeugung zum Klang einer Haltung vereinen. Diese Stimme lässt einen so schnell nicht wieder los, und Herzogs Produktivität verwundert kaum, wenn man sich vergegenwärtigt, dass er derjenige ist, der diese Stimme andauernd in seinem eigenen Kopf zu hören bekommt. Armer Teufel!

Die vielen Reisen in die Amazonasregion mitsamt tiefen Einblicken in die damals bereits wahrlich einschneidenden Veränderungen dort hätte allerdings ein tragisches Unglück beinahe im Keim erstickt. 1971 stürzte eine Maschine der Airline LANSA ab, in der Herzog zuvor mit allen Mitteln einen Platz hatte ergattern wollen. Erfolglos. Am Flughafen von Lima musste er mit ansehen wie 92 andere Passagiere erleichtert jubelten. Keiner wollte zurückbleiben, denn das Flugzeug startete Heiligabend, und die Menschen zog es nach Hause zu ihren Liebsten. Doch in einer Gewitterfront stürzte der Flieger über dem peruanischen Regenwald ab. Von den 92 Insassen überlebte allein die 17-jährige Juliane Koepcke. Sie überstand den Sturz aus 3000 Metern Höhe verhältnismäßig leicht verletzt. Koepcke war als Tochter zweier Biologen im Dschungel aufgewachsen und schlug sich zehn Tage lang mit offenen Wunden durch Dickicht und Gewässer, trotzte Hitze, Regen und Raubtieren.

Für Werner Herzog ist die eigene Perspektive stets wichtig

Für seinen Dokumentarfilm Wings Of Hope brachte Werner Herzog Juliane Koepcke vor 20 Jahren noch mal zurück zum Schauplatz ihres Überlebenskampfes – und scheint in ihr vieles zu erkennen, was er an Menschen schätzt und ganz offensichtlich auch von sich selbst verlangt. Mut und Scharfblick – und eine aufgeklärte Distanz zu dem, was man Schicksal nennt. Dieser Abstand zu den Dingen, die einem ständig unter die Haut zu kriechen drohen, lässt sich in Juliane Koepckes eigenartig unbeteiligten Tonfall sowie ihrer Ignoranz gegenüber den lästigen Moskitos ausmachen, während sie die Fundstücke des Flugzeugwracks oder die Umstände ihrer Rettung kommentiert. Diese Distanz kann man aber auch in der Entfernung des Projektors zur Leinwand bemessen, jedenfalls wenn wir über das Leben und das Werk Werner Herzogs sprechen. Dabei sind Herzogs Filme gleichzeitig wahre Wunder, eben wie Juliane Koepckes Geschichte, die so eng mit seiner eigenen Biografie verknüpft ist.

WF

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