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In der Krise: Berliner Programmkinos halten zusammen

Eigentlich heißt unsere Rubrik "Besondere Kinos und ihre Geschichten". Die Betreiberin des traditionsreichen Berliner Moviemento hätte da viel zu erzählen. Stattdessen aus aktuellem Anlass: Ein Gespräch mit Iris Praefke über die Sorgen der Branche während des Corona-Lockdowns – und über konkrete Hilfsaktionen in Berlin.

Gespräche 04. Mai 2020

Welchen Film hast du bei deinem ersten Kinobesuch gesehen?

Der kleine Maulwurf


Wie bist du dann selbst beim Kino gelandet?

Ich bin schon als Kind und Jugendliche gerne ins Kino gegangen und habe während meines Soziologie- und Politikwissenschaftsstudiums in einem Kino gejobbt. Auch nach dem Abschluss blieb ich da. Bis ein Kollege auf mich zukam und meinte, es gäbe die Möglichkeit das Moviemento zu übernehmen. Wulf Sörgel und Torsten Frehse vom Neue Visionen Filmverleih waren die treibenden Kräfte. Sie suchten jemanden, der mitmachen will. Ich fragte: Klar, wann geht`s los? Antwort: Nächste Woche. Das war im Februar 2007.

Heute bist Du neben dem Moviemento für Geschäftsführung und Programm mehrerer Kinos verantwortlich. Kannst du mal beschreiben, wie ein normaler Tag für Dich vor der Coronakrise aussah – und wie jetzt?

Meine Arbeitszeit ist flexibel und wird bestimmt durch das, was gerade so anfällt. In der Regel gibt es jeden Tag was zu tun, also auch am Wochenende. Dadurch dass wir ein überschaubarer Betrieb sind, ist es sehr abwechslungsreich. Mal arbeite ich im Kino selbst, mal im Büro. Das mag ich so an dem Job. Im Moment nutzen wir die Zeit für einige Renovierungsarbeiten.

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Du hast sicher schon andere brenzlige Situationen für deine Häuser erlebt. Wie würdest den Ist-Zustand beschreiben?

Die jetzige Lage ist absolut existenzbedrohend. Da kann ich auch guten Gewissens für alle Kolleg*innen sprechen. Kino ist ein Geschäft, in dem es nicht möglich ist Rücklagen zu bilden. Niemand wird damit reich, keiner verdient viel. Es ist klar: Wenn du auf so einer Geschäftsgrundlage plötzlich gar keine Einnahmen mehr hast, kann es ganz schnell vorbei sein.

Fühlt ihr euch von der Politik gut unterstützt?

Ich finde dass viel zu wenig darüber geredet wird was Kultur eigentlich bedeutet und wie wichtig sie für viele ist. Was machen die gerade, wenn sie zuhause sitzen? Sie genießen Kultur. Gucken Filme, lesen Bücher, hören Musik. Das ist für mich systemrelevant. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir brauchen den Austausch. Worüber wir uns sehr gefreut haben war die sofortige Unterstützung vom Medienboard. Die sind mit supergutem Beispiel vorangegangen. Waren die ersten die gesagt haben: Wir lassen euch nicht alleine. Natürlich sind auch die Soforthilfen eine gute Maßnahme gewesen. Aber das Geld reicht nicht aus. Und es ist ja auch ein Unterschied ob du einen Laden hast der einen Monat zu war und inzwischen wieder auf hat – oder ein Kino das weiter geschlossen bleiben muss.

Gibt es für Kinobetreiber*innen in Berlin eine offizielle Perspektive, wann es weitergehen könnte?

Laut Beschluss vom 21. April werden am 10. Mai werden die bislang gültigen Regelungen neu besprochen. Diese Ungewissheit zehrt natürlich an den Nerven. Ich wünsche mir schon einen verbindlichen Zeitplan. Wenn die Entscheidungen immer nur für zwei oder drei Wochen gelten, kann niemand planen. Kino ist ein Wirtschaftszweig, der ein bisschen Zeit braucht um wieder hochzufahren. Die Verleiher müssen ja auch erst mal ihre Filme starten. Das hängt alles zusammen: Wann können wir unter welchen Bedingungen wieder aufmachen und welche Filme sollen eigentlich gespielt werden, wenn wir öffnen dürfen?

Bei der Window Flicks-Premiere lief "Der Himmel über Berlin" von Wim Wenders

Bei der Window Flicks-Premiere lief "Der Himmel über Berlin" von Wim Wenders

Hältst du es für denkbar, dass Kinos mit geringerer Kapazität öffnen, sodass ein gewisser Sicherheitsabstand gewährleistet wäre?

Darüber wird ja gerade viel geredet. Aber man sollte aber folgendes Problem nicht vergessen: Kinos leben von den Tagen, an denen es richtig voll ist. Zum Beispiel am Wochenende. Die Politik muss berücksichtigen, dass wir weitere Hilfe brauchen, sollte es Beschränkungen geben. Der Zuschauerrückgang auf Dauer wäre genau so existenzbedrohend wie die Pause.

Wie kann man sein Lieblingskino konkret unterstützen?

Alle Kinos verkaufen gerade Gutscheine. Dadurch haben wir zumindest ein paar Einnahmen und es macht Mut, wenn die Leute uns zeigen: Hey wir vermissen euch. Ich glaube man darf den emotionalen Faktor nicht vergessen, den man braucht, um durch die Krise zu kommen. Wir freuen uns, wenn jemand Gutscheine kauft. Vielleicht noch ein paar nette Worte schreibt: "Haltet durch! Wir freuen uns auf euch! Wir wollen wieder bei euch sein. Wann macht ihr wieder auf?" Das ist auf jeden Fall auch wichtig, damit man nicht resigniert.

Mehrere Berliner Programmkinos haben in der Krise gemeinsam die Initiative Fortsetzung folgt gestartet. Was hat es damit auf sich?

Wir haben mit fast allen Kolleg*innen in Berlin diese Crowdfunding-Kampagne gestartet. 36 Kinos sind beteiligt. Es bringt ja nichts, wenn jeder nur für sich alleine rumwurschtelt. In der Berliner Kinolandschaft sind wir gut vernetzt. Wir kennen uns untereinander und viele sind befreundet. Das wollten wir auch der Öffentlichkeit zeigen: Wir sind eine Gemeinschaft. Dazu gehört Window Flicks. Open Air-Kino im Hinterhof. Filme werden an Häuserwände projiziert. Damit setzen wir auch ein Zeichen: Uns gibt es noch. Wir kommen zu euch, wenn ihr nicht zu uns kommen könnt. Die Aktion kommt bis jetzt auch gut an. Jede Hausgemeinschaft mit mindestens 20 Mietparteien kann sich bewerben.

WF

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