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Besondere Kinos und ihre Geschichten: Central im Bürgerbräu in Würzburg

Es soll hier auch um die Menschen sowie Orte gehen, die Filmen eine Heimat und ein Forum bieten. An dieser Stelle stellen wir deshalb Kinos und ihre Betreiber*innen vor. Ein Gespräch mit Heidrun Podszus und Thomas Schöneborn vom Central im Bürgerbräu in Würzburg.

Gespräche 27. Februar 2020

Welchen Film habt ihr bei eurem ersten Kinobesuch gesehen?

Heidrun: Pongo und Perdita (späterer Titel: 101 Dalmatiner)
Thomas: Bernard und Bianca

Woher rührt eure persönliche Faszination fürs Kino?

Heidrun: Sie war seit dem ersten Kinobesuch da und entwickelte sich weiter durch Jobs im Kino, die ich bereits als Schülerin machte, um möglichst viele Filme sehen zu können.
Thomas: Das ist etwas, was man glaube ich seit der Kindheit einfach hat. Für zwei Stunden in einem dunklen Raum in eine andere Welt eintauchen zu können.

Was war jeweils ursprünglich eure Motivation, ein eigenes Kino zu betreiben?

Heidrun: Da war diese Faszination für Kino, für Filme. Aber der interessanteste Job ist ja, Programm zu machen. Ich hatte lange bei der Yorck Kino GmbH in Berlin gearbeitet, die Berliner Kinder Kino Initiative mit gegründet und geleitet und Verleih bei der Edition Salzgeber gelernt. Ich wurde dann in den 80ern schließlich Gesellschafterin bei den Sputnik Kinos und beim Sputnik Filmverleih. Bis heute bin ich am Zeise Kino Hamburg beteiligt. Über 20 Jahre betrieb ich den Filmkunst Verleih Ventura Film.
Thomas: das ergab sich eher zufällig, aber ich habe gemerkt, dass es mir Spaß macht, für andere Leute Filme zu zeigen und sie an den Filmen teilhaben zu lassen, die mir selbst gefallen. So habe ich dann an verschiedenen Stationen im mehreren Kinos gearbeitet, bis klar war: Das ist eine berufliche Perspektive für mich. Außerdem haben mich immer beide Aspekte interessiert: der inhaltliche des Programmgestaltens und der technische des Vorführens.

Name: Central im Bürgerbräu

Stadt: Würzburg

Aktuelles Programm: www.central-bb.de/programm/

Eröffnet: Central Hofstr. 4.11.10, Central im Bürgerbräu 4.11.16

Kapazität: Central im Bürgerbräu: Drei Säle mit insgesamt 219 Sitzen (167/114/38)

Betreiber: Programmkino Würzburg eG

Besondere Merkmale: Wird von einer Genossenschaft betrieben. Das Kino gehört derzeit 501 Genoss*innen.

Wie ist die Geschichte des Central im Bürgerbräu?

Vorgängerkino des Central im Bürgerbräu war das Central in der ehemaligen Mozartschule, das am 4.11.2010 eröffnet wurde. Vorausgegangen war eine Unterschriftensammlung im September 2009, nachdem bekannt geworden war, dass das letzte Einzelkino beziehungsweise Nicht-Multiplex in Würzburg, das Corso, zum Ende 2009 schließen werde. 2.700 Unterzeichner*innen forderten "Wir wollen ein Programmkino". Der Kulturdezernent kommentierte die Unterschriften als beeindruckend, jedoch könne die Stadt leider kein (kommunales) Kino finanzieren. Allerdings lud er eine Gruppe von Unterzeichnern, zu denen ich auch gehörte, zu regelmäßigen Terminen ins Rathaus ein. Nach einigen Monaten begannen wir, einzelne Filmvorstellungen in den Würzburger Off-Theatern zu organisieren, die immer sehr gut besucht oder ausverkauft waren.

Warum wurde für das Central die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft gewählt?

Es gab niemanden, auch keinen auswärtigen Kinobetreiber, der in ein Kino investieren wollte oder konnte. Also haben wir den Kinobetreiber, eine Genossenschaft, selbst gegründet. Vorbild war das erste genossenschaftlich betriebene Kino im Land, das Kino am Kochen in Aalen. In der Genossenschaft ist die Genossin/der Genosse wirklich Mit-Besitzer der Unternehmung, außerdem zeigte die Unterschriftensammlung eine große Bereitschaft zu bürgerschaftlichem Engagement. Dieses hat in Würzburg auch im Filmbereich durch das seit 46 Jahren stattfindende Internationale Filmwochenende eine lange Tradition.
Ziemlich schnell erklärten 270 Personen, mindestens einen Anteil zu 100 €uro zu zeichnen, inzwischen sind es um 500 Genoss*innen. In den ersten fünfeinhalb Jahren arbeiteten wir außerdem mit bis zu 60 Ehrenamtlichen, davon bis zu 40 an der Kinokasse und im (zunächst noch analogen) Vorführraum.

Wie habt ihr die neuen Räumlichkeiten gefunden?

Weil die ehemalige Mozartschule entweder abgerissen oder teuer saniert werden sollte, suchten wir von Beginn an nach einem neuen Standort und schließlich entschied die Generalversammlung für einen Umzug auf das Bürgerbräugelände.
Wir mieteten einen Rohbau mit drei Tonnengewölben, der Innenausbau kostete 800.000,- Euro, die einigermaßen bequem zu finanzieren waren, weil wir infolge der jahrelangen ehrenamtlichen Arbeit einen soliden Eigenanteil vorweisen konnten. Das neue Kino wurde am 4.11.2016 eröffnet.

Ein hübsches Refugium für Filmfans

Ein hübsches Refugium für Filmfans

Wie würdet ihr das Filmprogramm beschreiben?

Arthouse, Arthouse, Arthouse bis in den Special Interest Bereich hinein. Dokumentarfilme, Kurzfilme, Kinderfilme. Crossover, soweit gut und wirtschaftlich notwendig.

Wie ist es denn insgesamt um die Kinolandschaft in Würzburg bestellt?

Wir sind das einzige Programmkino, in der Stadt gibt es sonst nur das CinemaxX mit einem ausgesprochen kommerziellen Programm. Circa 14 Kilometer entfernt gibt es das Autobahnkreuz-Cineplex Cineworld mit höherem Anteil an Arthouse Filmen. Das nächste, vielfach ausgezeichnete Programmkino ist das 18 Kilometer entfernte Casablanca Ochsenfurt.

Jeden zweiten Sonntag gibt es bei euch das Mitmach-Kino für Kinder. Was hat es damit auf sich?

Wir wollten mehr machen, als nur die Kinderfilme zu zeigen, es sollte aber nicht so pädagogisch sein. Aus unserem eigenen Spaß am Kinomachen entstand so das Mitmachkino, bei dem die Kinder mit der Computerkasse Karten verkaufen, Karten abreißen/scannen, unseren gelegentlich noch genutzen 35mm Projektor und die digitalen Projektoren besichtigen. Wenn sich zwei trauen, sagen sie den Film mit dem Mikro an. Außerdem gibt es meistens noch ein Spiel, das mit dem Film zu tun hat und gelegentlich Gäste (Feuerwehr-Löschzug, Tiere usw.).

Sollte das Kino ein politischer Ort sein – und gibt es eine spezielle Bindung ans Stadtviertel?

Heidrun: Ich finde, es ist ein politischer Ort, schon immer. Unsere sehr zahlreichen Kooperationen mit den verschiedensten Initiativen und Organisationen bieten dem Publikum Gelegenheit, sich mit vielfältigen Themen zu beschäftigen und mit sachkundigen Menschen über die Filme zu sprechen. Als einziges Programmkino sind wir das Kino für die ganze, ja auch mit 128 000 Einwohnern nicht so riesige Stadt,
Thomas: Kino ist die einflussreichste Kunstform der letzten 100 Jahre, von daher ist es per se politisch. Und es schafft Öffentlichkeit für Themen. Man schaut sich gemeinsam einen Film an und kann im Anschluss diskutieren.

Welchen Film wollt(et) ihr unbedingt mal im eigenen Kino sehen?

Heidrun: Für mich war es ein absolutes Highlight, als wir zu ersten Mal meinen Lieblingsfilm Der Leopard von Visconti gezeigt haben.
Thomas: Fahrstuhl zum Schafott - das habe ich mir zum Geburtstag erfüllt. Einer dieser Filme, die man immer im Kopf behält, nachdem man ihn gesehen hat, und ich weiß noch genau wann und wo ich ihn zum ersten Mal im Kino angeschaut habe.

WF

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