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Besondere Kinos und ihre Geschichten: Programmkino Ost in Dresden

Wir möchten unsere Aufmerksamkeit nicht nur den Filmen selbst widmen: Es soll hier auch um die Menschen sowie Orte gehen, die Filmen eine Heimat und ein Forum bieten. An dieser Stelle stellen wir deshalb Kinos und ihre Betreiber*innen vor. Ein Gespräch mit Sven Weser vom Programmkino Ost in Dresden.

Filmgeschichten 16. Dezember 2019

Welchen Film hast du bei deinem ersten Kinobesuch gesehen?
Ich war 1975 zum ersten Mal im Kino und habe einen sowjetischen Zeitreisefilm gesehen, dessen Titel mir leider entfallen ist.

Woher kommt deine Faszination fürs Kino?
Wenn man in den 1970er-Jahren und ohne Fernseher aufwuchs, dann war ein ausgeprägtes Kinointeresse fast zwangsläufig.

Du teilst dir die Geschäftsführung mit Jana Engelmann (und inzwischen weiteren Gesellschafter*innen). Was war ursprünglich die Motivation, euer eigenes Kino zu betreiben?
Wir waren 1990 Mitarbeiter in der staatlichen Filmtheaterverwaltung und wollten im Zuge der Privatisierung nicht als Popcornverkäufer bei der UFA enden. Also nutzten wir die sich bietenden Möglichkeiten der wilden Nachwendezeit und wurden Kinobetreiber*innen. Nun leben wir seit fast 30 Jahren davon und haben nach wie vor Freude daran.

Name: Programmkino Ost

Stadt: Dresden

Aktuelles Programm: www.programmkino-ost.de

Eröffnet: 1936

Kapazität: 5 Säle mit insgesamt 577 Plätzen (207, 144, 117, 59, 50)

Betreiber: Programmkino Ost GmbH, Geschäftsführende Gesellschafter*innen: Jana Engelmann, Sven Weser und weitere

Besondere Merkmale: Arthouseprogramm, regelmäßig Originalversionen (OmU, OV) , viele Premieren mit Schauspielern, Regisseuren und anderen Kreativen aus der Filmwirtschaft, viele Sonderveranstaltungen mit Kooperationspartnern (Museen, Theatern, Vereine und Verbände, etc.), Fachgespräche und Diskussionen nach ausgewählten Vorführungen, geschichtsträchtige Vergangenheit bis ins Jahr 1936 (vier Säle tragen die Namen alter, nicht mehr existierender Dresdner Filmtheater, namentlich GLORIA, CAPITOL, SCALA, OLYMPIA)

Wie ist die Geschichte der Räumlichkeiten des PK Ost?
Ursprünglich war der alte Kinosaal mal ein 1898 erbauter Ballsaal. In den 1920er Jahren gab es darin erste Filmvorstellungen. 1936 wurde umgebaut und das Kino offiziell eröffnet. Seitdem wird es durchgängig als Kino betrieben, bis 2008 als Programmkino-Einzelhaus und seit unserem Erweiterungsumbau 2009 als Fünf-Saal-Arthouse.

Was für ein Kino war das Tagesfilmtheater Ost aus dem das PK Ost hervorgegangen ist?
Das Tagesfilmtheater war ein spezielles Kino-Konzept in der DDR, das sich u.a. an Schichtarbeiter gewendet hat. Wer z.B. von der der Nacht- oder Frühschicht kam sollte nicht vom Kinogenuss ausgeschlossen sein. Vormittags um elf lief dann zum Beispiel: Ernst Thälmann - Sohn seiner Klasse. Voller war es dann aber bei Flammendes Inferno oder Das fliegende Auge.

Blick in den Saal Eins © Progammkino Ost

Blick in den Saal Eins © Progammkino Ost

Wie würdet ihr euer Filmprogramm beschreiben?
Natürlich ist unser Programm-Konzept jenseits des Blockbuster-Kinos nicht jedermanns Sache. Andererseits sind wir aber doch sehr breit aufgestellt. Baby-Kino für junge Eltern, Kindergartenvorstellungen, Kinder- und Familienfilme bis hin zu Disney und ein Programm von Rammstein- und Depeche Mode-Musikfilmen über eine Tanzfilmreihe mit der Semperoper, europäisches Autorenkino, eine eigenes französisches Filmfestival und die Hypes um Tarantino-Filme oder die der Coen-Brüder nehmen wir natürlich auch mit. Und das ist bei weitem noch nicht das ganze Spektrum.

Wie ist es denn insgesamt um die Kinolandschaft in Dresden bestellt?
Sehr gut. Dresden gehört zu den am besten versorgten Kinostandorten Deutschlands. Neben vier Multiplexen gibt es fünf Arthouse-Kinos mit insgesamt 15 Leinwänden, bald werden es sogar 16 sein.

Euer Programm setzt gerade bei den Special-Terminen auf Diskussionen und Austausch. Wie wichtig ist euer Kino als sozialer Ort im Viertel?
Unser Kino gibt es seit über 80 Jahren an diesem Standort. Es ist deshalb fast unmöglich, nicht im unmittelbaren Stadtumfeld verwurzelt zu sein. Wir haben ein sehr treues Stammpublikum, das gerade die Gespräche und Diskussionen jenseits der reinen Filmvorführung schätzt, sei es im Kinosaal mit Gästen, Kreativen, Wissenschaftler*innen, Expert*innen, etc. oder im Kinofoyer bei einem Glas Wein mit Freunden. So "produzieren" wir nachhaltige Erlebnisse, die eine Verbindung zu unserem Kino wachsen lassen.

Sollte das Kino ein politischer Ort sein?
Unser Kino jedenfalls ist einer. Das ergibt sich schon fast zwangsläufig aus der Programmarbeit. Wir haben in letzter Zeit Filme gezeigt wie Wildes Herz, Capernaum, Styx, But Beautiful, Deutschstunde, The Whale And The Raven, Human Nature, Gelobt sei Gott, Die Wütenden, Nur eine Frau – wir lassen die Filme unseres Programmes für unsere Haltung zur Welt sprechen.

Mir gefällt besonders die Idee des "Schnuller-Kinos" – könnt ihr uns das in zwei drei Sätzen erklären?
Seit vielen Jahren etabliert, finden sich immer wieder neue Mütter und Väter, die mit ihren Babys jeweils mittwochs (über das ganze Jahr) um 11 Uhr diese, speziell für Eltern von Kindern im Säuglingsalter (bis ca. 1 Jahr) konzipierten, Vorstellungen wahrnehmen. Wir zeigen Filme des aktuellen Programms und versuchen, es den Eltern und Babys so angenehm wie möglich zu machen: mit Wickeltisch, Krabbelteppich, Aufwärmen von Babynahrung, Tee und koffeinfreiem Kaffee für Stillende und einer Vorstellung im halbdunklen Saal bei leicht gedämpfter Lautstärke.

Welchen Film wollt ihr unbedingt mal im eigenen Kino sehen?
Stellvertretend für die unglaubliche Anzahl von nicht mehr fürs Kino verfügbaren Filmen (aus Lizenz- und Materialgründen) sei hier Die Frau auf der Brücke von Patrice Leconte genannt.

DK

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