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Besondere Kinos und ihre Geschichten: Theatiner Filmkunst in München

Es soll hier auch um die Menschen sowie Orte gehen, die Filmen eine Heimat und ein Forum bieten. An dieser Stelle stellen wir deshalb Kinos und ihre Betreiber*innen vor. Ein Gespräch mit Marlies Kirchner vom Theatiner Filmkunst in München.

05. Juli 2021

Welchen Film haben Sie bei ihrem ersten Kinobesuch gesehen?

Ich weiß nicht mehr genau, welcher der erste war, aber es muss ein Film mit Shirley Temple gewesen sein.

Woher rührt Ihre persönliche Faszination fürs Kino?

Die Begeisterung für das Kino liegt bei mir in der Familie, wir sind alle gerne ins Kino gegangen, meine Mutter rannte ständig ins Kino! Einer meiner Brüder hatte später mit Film zu tun, er studierte in Göttingen und war Teil des Studentenfilmclubs, aus dem der Verleih Neue Filmkunst hervorgegangen ist.

Was war ihre ursprüngliche Motivation, ein eigenes Kino zu betreiben?

Früher bin ich viel gereist und habe auf Festivals Filme für die Neue Filmkunst ausgesucht. Dann übernahm der Verleih das Kino und es wurde in die Runde gefragt: "Wer möchte als Theaterleitung nach München gehen?" Da habe ich den Finger gehoben! 1976 habe ich das Kino dann als selbstständige Betreiberin übernommen.

Schaut optimistisch in die Zukunft: Marlies Kirchner © Wolf Gaudlitz

Schaut optimistisch in die Zukunft: Marlies Kirchner © Wolf Gaudlitz


Wie ist die Geschichte des Theatiner Filmtheaters und seiner Räumlichkeiten?


Das Kino wurde 1956 vom Architekten Hans Atzenbeck gebaut. Ein Jahr lang hatte ein Landwirt aus Freising das Kino, der hier Western und Musicals zeigte. Man erzählt sich, es sei die Verwirklichung seines Lebenstraumes gewesen, er hatte damit allerdings keinen Erfolg. 1957 konnte die Neue Filmkunst das Kino übernehmen. Bis heute ist es im Originalzustand der 1950er Jahre erhalten und gut gepflegt.

Wie würden Sie die Ausrichtung des Filmprogramms beschreiben?

Theatiner Film ist ein Erstaufführungskino, das sich auf europäische und internationale Arthouse-Filme spezialisiert. Der Programmschwerpunkt liegt hauptsächlich bei Filmen aus Frankreich, Spanien, Italien und Lateinamerika. Alle Filme werden im Original mit deutschen Untertiteln gezeigt. Das ist eine Nische, die das Theatiner in München etabliert hat und seit langer Zeit pflegt.

Wie ist es insgesamt um die Kinolandschaft in München bestellt (und wie sehr hat sich diese in den letzten Jahren und Jahrzehnten aus Ihrer Sicht verändert?)

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Zahl der Münchner Kinos etwas verringert. Es ist jedoch eine vielseitige Kinolandschaft mit einem sehr guten Angebot geblieben. Besonders wichtig finde ich, dass es nach wie vor mehrere kleine unabhängige Einzelhäuser gibt, die ein sehr gutes Programm mit eigener Handschrift machen.

Name: Theatiner Filmkunst

Stadt: München

Aktuelles Programm: theatiner-film.de

Eröffnet: 1956 / 1957

Kapazität: 1 Saal, 164 Sitze

Betreiberin: Marlies Kirchner

Besondere Merkmale:
Im Originalzustand erhaltene 50er-Jahre Architektur. Alle Filme werden in der Originalfassung mit Untertiteln gezeigt. 2018 von Europa Cinemas mit dem Europa Cinemas Award for Best Programming ausgezeichnet.

Wie haben Sie als Kinobetreiberin die Zeiten des Pandemie-bedingten Lockdowns erlebt?

Es waren schlimme Zeiten, in der mir und meinen Mitarbeiter*innen und auch unseren Stammgästen das Kino sehr gefehlt hat. Natürlich war und ist es auch wirtschaftlich eine schwierige Zeit. Positiv habe ich erlebt, dass der Kontakt zu unserem Stammpublikum nicht abgerissen ist, das uns wirklich toll unterstützt hat! Über unseren Kino-Newsletter und über Instagram sind wir in Kontakt geblieben. Auf unserer Homepage haben wir zusätzlich einen kleinen Onlineshop eingerichtet, in den wir eine ganze Reihe verschiedener Bücher zum Thema Film und unsere DVD-Auswahl aufgenommen haben, um die Zeit bis zur Wiedereröffnung der Kinos zu verkürzen. Neu ins Leben gerufen haben wir unsere "Edition Theatiner Film", in deren Rahmen wir verschiedene Kino-Postkarten mit klassischen Filmplakat-Motiven der Neuen Filmkunst produziert haben. Auch die originalen Filmkunst-Plakate aus den 1950er-, 60er- und 70er-Jahren sind in unserem Shop erhältlich – für etwas Kinoatmosphäre zuhause.
Natürlich haben wir auch kleinere Renovierungsarbeiten im Kino und Erneuerungen an der Kinotechnik durchführen lassen. Soweit die Regelungen dies zuließen, haben wir den Kinosaal zur Nutzung zur Verfügung gestellt: Beispielsweise war eine Bildhauereiklasse der Akademie der Bildenden Künste zu Gast.

Auch von außen betrachtet ein schmuckes Kino © Ulrich Holzscheiter

Auch von außen betrachtet ein schmuckes Kino © Ulrich Holzscheiter

Was hat sich für sie mit den Jahren als Kino-Betreiberin im Alltag geändert – und wo liegt in ihren Augen die Zukunft des Kinos?

Man blickt positiv in die Zukunft. Das Kino hat allgemein schon viele schwere Zeiten und Veränderungen überstanden und ist immer noch unentbehrlich. Die Zukunft liegt darin, ein besonderes Angebot zu haben.

Sollte das Kino ein politischer Ort sein – und gibt es eine spezielle Bindung des Theatiner ans Stadtviertel?

"Politisch" würde ich nicht sagen. Ohne Zweifel sind Kinos öffentliche Orte, an denen Austausch und Kommunikation stattfinden kann. Als solche erfüllen sie eine wichtige Funktion, da eine Stadt und eine Gesellschaft eine Vielzahl solcher Orte braucht, an denen Menschen zusammenkommen können. Kinos sind ohne hohe Schwelle für unterschiedlichste Menschen zugänglich. Im Theatiner freuen wir uns besonders darüber, ein wunderbares, gemischtes und großstädtisches Publikum zu haben. Da wir die Filme immer in der Originalsprache mit Untertiteln zeigen, kommen viele in München lebende Europäer*innen und Menschen unterschiedlicher Muttersprachen zu uns. Auch wenn Festivals oder Filmgespräche stattfinden, bietet sich ein Raum für Austausch, Begegnung und Diskussion.
Eine bestimmte Bindung an ein Stadtviertel gibt es nicht. Unsere Gäste kommen aus dem ganzen Stadtgebiet und sogar darüber hinaus zu uns, worüber wir uns sehr freuen!

Welchen Film möchten Sie unbedingt noch mal (oder zum ersten Mal) im eigenen Kino sehen?

To Have And Have Not mit Lauren Bacall und Humphrey Bogart, einen meiner absoluten Lieblingsfilme.

WF

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