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Bild zu Deutschland im Jahre Null: Der lange Schatten des Krieges

Deutschland im Jahre Null: Der lange Schatten des Krieges

Roberto Rossellinis neorealistisches Drama um den Alltag eines Jungen in den Ruinen Berlins 1947 ist so berührend wie lehrreich – und jetzt auf ARTHAUS+ zu sehen.

27. Februar 2026

Wer die Gegenwart verstehen möchte, muss sich mit der Vergangenheit beschäftigen. Leicht gesagt, wenn man hierzu auf kulturelle Erzeugnisse zurückgreifen kann, die eine derart emotionale Wirkung haben wie der Film Deutschland im Jahre Null von Roberto Rossellini. Ein Werk, das die Verhältnisse seines Entstehungsjahrs 1947 so treffend abbildet, weil der Regisseur darin eben nicht auf das kürzlich Geschehene sondern auf das damalige Hier und Jetzt schaut – das Leben nach Nationalsozialismus und Krieg.

Dies mag widersprüchlich klingen. Wie auch die Feststellung, dass der Neorealismus als Genre, welches Rossellini mit seinen frühen Filmen wie Rom, offene Stadt und speziell auch mit Deutschland im Jahre Null zu einem elementaren Phänomen der Kinogeschichte erhob, der Wirklichkeit ohne ein gewisses Maß an Inszenierung niemals so nahe hätte kommen können. Rossellini ist kein Dokumentarfilmer, mutete dem Publikum, in diesem Fall besonders den deutschen Zuschauer*innen, jedoch bewusst realistische Härten zu. Die hiesige Kritik zeigte sich gereizt, der Film wurde zunächst kaum gezeigt. Wer den Finger in die Wunde legt, muss wohl damit rechnen, die Verwundeten damit zu provozieren.

Edmund schlägt sich so durch © Studiocanal

Edmund schlägt sich so durch © Studiocanal

Deutschland im Jahre Null setzte einerseits Rossellinis persönliche Abrechnung mit dem Faschismus fort, andererseits steckt in der Geschichte des 13-jährigen Edmund, der sich durch die Berliner Trümmerlandschaft schlägt, um die Familie zu versorgen, eine tieftraurige Verteidigung der Kindheit. Rossellini hatte tatsächlich unlängst seinen Sohn Romano verloren, dem der Film gewidmet ist. Der Laiendarsteller Edmunds wurde während der Dreharbeiten zu einer Art Ziehsohn Rossellinis, wobei dieser den wahren biografischen Hintergrund des Jungen konsequent für seine Zwecke nutzte.

So führte er Edmunds Darsteller wie auch den übrigen von der Straße weg engagierten deutschen Mitwirkenden ihre eigene missliche Lage schonungslos vor Augen. Der Nationalsozialismus und der Krieg stecken ihnen in den Knochen, der richtige Umgang mit verlorenen Idealen und wachsender Schuld muss erst noch gefunden werden, während der Alltag mit seinen ganz banalen Herausforderungen ihnen unter den herrschenden Umständen kaum Luft zum Atmen lässt. Fraglos spielen sie, jede/ r für sich, niemand anderes als Variationen ihrer selbst.

Edmund und sein großer Bruder © Studiocanal

Edmund und sein großer Bruder © Studiocanal

Rossellini schildert das Dilemma so schnörkel- wie gnadenlos. Edmunds älterer Bruder kann nichts zum Wohle der Familie beitragen, da er fürchtet, von den Alliierten für seine Taten als Soldat zur Rechenschaft gezogen zu werden, sobald er sich offiziell meldet. Der Vater ist herzkrank und von Gram zerfressen, die Tochter pflegt Umgang mit den Besatzern, möchte sich aber nicht prostituieren. Edmund erlebt einen Rückschlag nach dem anderen bei seinen Versuchen, sich zwischen den Trümmern zum Ernährer der Familie aufzuschwingen. Die Verantwortung lastet so schwer auf ihm wie die Verantwortung für Krieg und Massenmord auf dem gesamten deutschen Volk.

In einer kurzen aber perfekt komponierten Filmsequenz schneidet Rossellini nicht nur eine Rede Hitlers, worin der Diktator von einem siegreichen Ende für die Deutschen fabuliert, mit der trostlosen Realität der zerbombten Hauptstadt zusammen – die Schallplatte samt Aufzeichnung wird bereits auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Musealisierung und popkulturelle Verwurstung der Vergangenheit haben schon begonnen, da sind die physischen, psychischen und politischen Folgen nicht ansatzweise verarbeitet. Edmunds Pubertät mag im Nachkriegsdeutschland beginnen, doch sie wird überlagert vom langen Schatten des Kriegs und des Holocaust. Er scheint nur eine Frage der Zeit, bis sich die verinnerlichte Gewalt in seinen eigenen Handlungen äußert.

WF

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