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Eine bewegende Zumutung: Die Stimme von Hind Rajab

Das dokumentarische Drama von Regisseurin Kaouther Ben Hania kann man ab sofort im Heimkino sehen – das sollte man nicht allein tun.

17. April 2026

Schon beim Kinostart wussten wir nicht so recht, wie man am besten über diesen Film schreibt. Die Stimme von Hind Rajab von Regisseurin Kaouther Ben Hania ist im Grunde eine emotionale Zumutung. Aber wie soll dieser Film auch etwas anderes sein, wenn er den Tod eines unschuldigen Kindes in Gaza und die letzten Minuten dieses jungen Lebens zeigt? Wobei zeigen die Sache auch nur bedingt trifft: In erster Linie hören wir Hind Rajab – und zwar keine fiktionalisierte Abwandlung dieses realen Menschen, sondern ihre echte Stimme.

Aber der Reihe nach: Wer die Lobeshymnen auf und die Diskussionen über diesen Film nicht mitbekommen hat, der oder dem sei noch mal erklärt, worum es hier geht. Hind Rajab war ein junges Mädchen aus dem Westen von Gaza-Stadt, das am 29. Januar 2024 bei einer Militäraktion der israelischen Armee im Gazastreifen getötet wurde. Sie wurde sechs Jahre alt. Hind Rajabs Mutter Wissam hatte ihrer Tochter einen Platz im Auto von Verwandten organisiert. Die gesamte Familie war auf dem Weg zu einem Krankenhaus im Osten der Stadt, um Zuflucht vor den zunehmenden Angriffen der Armee auf ihr Viertel zu suchen.

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Die Hintergründe des Todes von Hind Rajab

Während Hinds Mutter sich mit einem ihrer älteren Kinder zu Fuß aufmachte, geriet der Wagen von Hinds Onkel und Tante unter Beschuss. Von den sechs Personen im Auto überlebten zunächst Hind und ihre 15-jährige Cousine Layan Hamadeh. Letztere war es auch, die gegen 14.30 Uhr beim Palästinensischen Roten Halbmond (PRCS) im über 100 Kilometer entfernten Ramallah anrief.

Noch während des Telefonats wurde Layan getötet – und die PRCS-Mitarbeiter:innen führten das Gespräch mit Hind weiter. Über Stunden hielten sie den Kontakt und versuchten eine sichere Route für einen Krankenwagen auszuhandeln. Als diese endlich genehmigt wurde und der Wagen nur noch wenige Meter entfernt war, wurde wieder geschossen. Hind und die beiden Sanitäter Yusuf Zeino und Ahmed Al-Madhoun starben dabei.

Hind Rajabs Tod sorgte für internationales Entsetzen und wurde später von Investigativjournalist:innen minutiös rekonstruiert – zum Beispiel von der Washington Post. Die große Anteilnahme resultierte aber auch aus der Tatsache, dass der Palästinensische Rote Halbmond auf seinen Social-Media-Accounts nicht nur Kinderfotos von Hind und den beiden Sanitätern teilte, sondern auch Auszüge der Tondbandaufnahme des Notrufs.

Film als Weitergabe von Erinnerung

Die stehen nun im Mittelpunkt des Films – und zwar tatsächlich die originalen Aufnahmen. Dabei sehen wir Hind selbst nie – außer auf einem alten Foto von ihr. Die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania zeigt nämlich die Helferinnen des Palästinensische Rote Halbmond in der Zentrale in Ramallah in einer Art Kammerspiel. Dieser Part ist fiktionalisiert: Kaouther Ben Hania hat – wie schon bei ihrem vorherigen Film Olfas Töchter – die Grenzen zwischen Fiktion, Drama, Journalismus und Dokumentation verwischt. Sie drehte die Szenen mit palästinensischen Schauspieler*innen nach, erarbeitete die Rollen aber in Gesprächen mit den realen Helfenden.

"Ich musste eine filmische Form finden, in der das Erzählen nicht Erfindung bedeutet, sondern eine Weitergabe von Erinnerung, von Trauer, von Versagen. In diesem Sinne hatte ich nie das Gefühl, etwas zu erfinden", sagt die Regisseurin. Ihre Aufgabe sei es gewesen, einen filmischen Raum zu gestalten, der dieser Stimme mit Würde gerecht wird." Sie fühle sich auch unwohl mit der Beschreibung, ihre Filme würden "Genres verwischen". Sie finde eher: "Der Film intensiviert sie. Er dehnt aus, was Dramatisierung tragen, und was Dokumentarisches bewahren kann."

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Die fiktionalen Elemente entstanden im Gespräch mit den realen Helfer*innen

Kaouther Ben Hania erzählt den Weg zu diesem Film so: "Ich wandte mich zuerst an den Palästinensischen Roten Halbmond, um die vollständige Aufnahme zu hören. Sie war über siebzig Minuten lang. Das sind siebzig Minuten des Wartens, der Angst, des Versuchs, durchzuhalten. Es war eines der schwersten Dinge, die ich je gehört habe. Dann begann ich, mit Hinds Mutter zu sprechen und mit den Menschen, die am anderen Ende der Leitung waren und die versuchten, sie allen Widrigkeiten zum Trotz zu retten. Wir sprachen stundenlang."

Gleiches habe sich mit dem Cast und den echten Helfer*innen wiederholt. "Als ich begann, mit der echten Rana, Omar, Nisreen und Mahdi zu sprechen, wurde mir schnell klar, dass keiner von ihnen jemals die Aufnahmen ihrer eigenen Stimmen von diesem Tag gehört hatte", erklärt die Regisseurin. "Als sie also mit mir sprachen, erzählten sie nicht, was sie gesagt hatten, sondern was sie gefühlt hatten. Dieser Unterschied war enorm wichtig, sowohl ethisch als auch filmisch. Ihre Erzählungen waren keine nüchternen Protokolle, sondern zutiefst persönliche, subjektive Berichte über Angst, Hilflosigkeit, Verwirrung und moralischen Druck. Das gab mir eine besondere Ebene, mit der ich arbeiten konnte: Während die Aufnahme das faktische Rückgrat des Films bildet, erlaubten mir ihre Erinnerungen, ihre inneren Erfahrungen ins Zentrum zu rücken."

Bei den Dreharbeiten war es ähnlich: Der palästinensische Cast hört die Stimme von Hind auch zum ersten Mal, als die Kameras schon liefen.

Zwischen Propaganda-Vorwürfen und einem Hohelied auf die humanitäre Hilfe

Es gibt viele, die diesem Film vorwerfen, so zu arbeiten. Es gibt sowieso viele, die diesem Film vieles vorwerfen. Wer auf der Suche nach Kinokritiken nur einmal falsch abbiegt, ist schnell tief drinnen im harten Diskurs über den Israel-Palästina-Konflikt. Man findet einige wenige Rezensionen, die ins Antisemtische abdriften, ebenso wie rechtskonservative, israelische Blogs, die schon den Tod von Hind Rajab als Inszenierung framen wollen. Wieder andere halten Die Stimme von Hind Rajab für Propaganda.

Als Kaouther Ben Haniain in einem Interview mit dem Magazin "ttt – Titel, Thesen, Temperamente" auf diesen Vorwurf, Propaganda zu betreiben, angesprochen wurde, sagte sie: "Propaganda ist ein Instrument der Mächtigen. Sie nutzen ihre Propaganda, um ihre Macht zu legitimieren. Welche Macht hatte denn Hind Rajab? Sie hatte keine. Mir geht es darum, Kino zu einem Ort der Empathie und der gemeinsamen Menschlichkeit zu machen."

Die Kinowelt sah jedoch in den meisten Fällen einen herausfordernden Film, den man vielleicht am ehesten als bewegende Zumutung beschreiben kann. Denn natürlich wirft es Fragen auf, wenn man sich im gemütlichen Kinosessel oder nun auf dem Sofa anhört, wie ein Kind im Krieg stirbt – und dabei zusieht, wie Menschen, die das verhindern wollen, verzweifeln. Andererseits fühlt man sich schon bei diesen Gedanken als Wohlstandsmensch entlarvt, der bequem mitten im Frieden sitzt und sehr genau dosieren kann, wie nah er die Nachrichten und Schicksale der Kriege dieser Welt an sich ranlassen will.

Wer Die Stimme von Hind Rajab nun zuhause schauen will, sollte sich all dem bewusst sein – und sich dem gewappnet fühlen. Wir empfehlen aber trotz oder gerade wegen dieser Härten diesen Film zu schauen. Er zeigt nämlich die Realität eines Krieges auf eine Weise und mit einer Intensität, wie man sie selten in einem Film zu sehen bekommt.

Und auch, wenn sich Die Stimme von Hind Rajab bisweilen wie eine Zumutung anfühlt, so trägt der Film doch auch Hoffnung in sich – man sieht nämlich, dass es Menschen wie die hier gezeigten gibt, die mit Empathie und Pragmatismus versuchen, in Kriegsregionen Leben zu retten. Selbst in so aufgeladenen und brutalen Konflikten wie diesem. Damit ist Die Stimme von Hind Rajab auch eine Verneigung vor der humanitären Hilfe und all jenen Menschen und Organisationen, die versuchen, diese zu gewährleisten – egal ob in Israel, in der Ukraine, im Jemen, im Sudan, oder anderswo.

DK

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