Jacques Tati

Biographie
Filmografie

Komische Visionen des modernen Alltags

Er drehte den erste französischen Farbfilm und ließ später eine ganze Stadt als Kulisse errichten: Jacques Tati war ein Vordenker mit Ambition und ein eigensinniger Perfektionist, dem künstlerische Integrität über alles ging. Zur Ikone wurde er in Gestalt seines Alter Ego: des exzentrischen, aber gutmütigen Monsieur Hulot – unverwechselbar mit Mantel, Hut und obligatorischer Pfeife. Die Fallstricke der Modernisierung waren sein Thema, seine Vorbilder die amerikanischen Pioniere der Burleske, insbesondere Buster Keaton und W.C. Fields. Mit wenigen Worten und viel Gespür für Situationskomik treibt er in seinen Filmen die Absurditäten des täglichen Lebens auf die Spitze.

Geboren wurde Jacques Tati als Jacques Tatischeff am 9. Oktober 1907 in Pecq in der Nähe von Paris. Nachdem er es während der 1930er Jahre im Varieté zu einiger Berühmtheit gebracht hatte, erscheint 1949 mit Tatis Schützenfest sein Spielfilmdebüt. Stets vor wie auch hinter der Kamera aktiv, bringt er hier als chaotischer Briefträger allerhand Unruhe in ein ländliches Dorf, nachdem eine Wochenschau in diesem den Ehrgeiz erweckt, mit der Hochgeschwindigkeit des amerikanischen Postsystems mitzuhalten. Es folgt Die Ferien des Monsieur Hulot (1953) – der erste Auftritt jener Kunstfigur, die Tati für den Rest seiner Karriere begleiten wird. Hulot erscheint hier als etwas verschrobener Einzelgänger innerhalb der bunten schar internationaler Gäste, die ihre Sommerferien in einem bretonischen Badeort verbringen. Vor diesem Hintergrund entfaltet sich der Film als eine Reihe sketchartiger Ereignisse, die eher lose zu einer Gesamthandlung angeordnet sind. Nach der eher beschaulichen Pensions- und Strandkulisse der Ferien tritt in Mein Onkel (1958) das Thema der Technisierung in den Vordergrund. Hier steht das hypermoderne, sterile High-Tech-Haus der Schwester Hulots als zentraler Gegensatz zu dessen quirliger, unaufgeräumter Provinznachbarschaft. Beide Spielorte werden von Tati mit Humor erkundet, doch es ist der familiäre Versuch, Hulot in die Zusammenhänge der modernen Wohn- und Arbeitswelt zu integrieren, der hier die schönsten Blüten treibt. Für sein Opus Magnum Playtime – Tatis herrliche Zeiten (1967) schickt der Regisseur Hulot auf Arbeitssuche in ein futuristisch anmutendes Paris, in dessen unüberschaubaren Zusammenhängen dieser buchstäblich verloren geht. Mit dem Bau der Kulissenstadt ‚Tativille‘ wurde Playtime zum teuersten bis dato gedrehten französischen Film; trotz überschwänglicher Kritiken aber auch zum finanziellen Misserfolg. Durch hohe Eigenbeteiligung beinahe ruiniert, war Tati im Folgenden auf Kompromisse angewiesen. Für Trafic – Tati im Stoßverkehr (1971) musste er die eigentlich verabschiedete Figur Hulot auf Produzentenwunsch zurück in den Mittelpunkt stellen. Nach der Urbanität macht Tati dabei die Mobilität zum Hauptthema: Um einen neuen Campingwagen bei der internationalen Automesse in den Niederlanden vorzustellen, soll Hulot diesen von Paris nach Amsterdam fahren – ein Roadtrip, der erwartungsgemäß alles andere als reibungslos abläuft. Parade (1974) wird schließlich Tatis letzter von ihm selbst fertiggestellter Film, für den er zu seinen Varieté-Wurzeln zurückkehrt und als Direktor ein buntes Zirkusspektakel anleitet.

Trotz eines verhältnismäßig kleinen Oeuvres von nur sechs Langfilmen ist es Jacques Tati auf bemerkenswerte Weise gelungen, allein in Frankreich fast 20 Millionen Zuschauer zu erreichen. Als einer der populärsten Autoren der Filmgeschichte hat er das europäische und internationale Kino nachhaltig geprägt. 1977 wurde er dafür bei der zweiten Verleihung des Französischen Filmpreises mit dem Ehren-César der Académie des Arts et Techniques du Cinema ausgezeichnet.

Parade (1974)
Trafic - Tati im Stossverkehr (1971)
Playtime – Tatis herrliche Zeiten (1967)
Mein Onkel (1958)
Die Ferien des Monsieur Hulot (1953)
Tatis Schützenfest (1949)
Die Schule für Briefträger (1947)

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