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Einladung zur Weltflucht in eine Gesellschaft, die wirklich zusammenbricht: The Collapse

Das französische Filmkollektiv Les Parasites blickt in der Anthologie The Collapse in acht Folgen auf Orte kurz vor und nach dem Kollaps der bestehenden Gesellschaftsordnung – vom Supermarkt bis zur Live-Fernsehshow. Gerade in unseren seltsamen Zeiten eine erstaunlich lehrreiche und auf krude Weise erbauende Unterhaltung.

News/Neu erschienen 09. November 2020

Nein, so weit wie die Gesellschaft in The Collapse sind wir noch lange nicht – und schon diese Erkenntnis hat in diesem Lockdown-Light-November eine sehr tröstliche Wirkung, die man nicht unterschätzen darf. Trotzdem muss man feststellen: Das junge, französische Filmkollektiv Les Parasites hat ein gutes Auge für die Bruchstellen der Moral und des Anstands im Angesicht einer Katastrophe, die alle betrifft.

Das merkt man schon an der Dramaturgie dieser achtteiligen Anthologie, die sich in jeder der gut halbstündigen, ohne Schnitt gedrehten Folgen jeweils einen Ort anschaut, an dem die Menschen mit den Auswirkungen eines Gesellschafts-Kollaps zu kämpfen haben. Die erste Folge, die am 11. November 2019 auf dem TV-Sender Canal+ ausgestrahlt wurde, führt uns nämlich ausgerechnet an jenen Ort, an dem auch wir im Frühjahr zum ersten Mal glaubten, einen Hauch Apokalypse durch die Regalreihen wehen zu sehen – dem Supermarkt. Tatsächlich waren es damals nämlich nicht (nur) die Nachrichten oder die Panik und die Klugscheißerei der sozialen Medien, die uns nervös machten, sondern vor allem jene Momente, in denen man auf ein leeres Mehl-Regal starrte, oder auf einen älteren Herren, der die letzten fünf Pakete Toilettenpapier in seinen Einkaufwagen stopfte. Bei The Collapse sind es nun die Binden, die Mangelware werden, ebenso wie Grundnahrungsmittel. Das alles kennen wir inzwischen ja aus eigenen Erfahrungen – aber was wäre im Frühjahr passiert, wenn dann auch noch an den Kassen alle Bank-Karten versagt hätten? Wer wäre durchgedreht? Wer ruhig geblieben?

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The Collapse hat viele dieser vertrauten Momente, die hier den entscheidenden Schritt weitergedreht werden und uns zur unbequemen Frage führen: Wie würden wir selbst reagieren? In der ersten Episode "Der Supermarkt", die zwei Tage nach dem Zusammenbruch spielt, folgen wir dem jungen Kassierer Omar (Foto), der hin- und hergerissen ist zwischen der Entscheidung, seinen Job bis zum Ende zu machen, oder eine Wagenladung Vorräte zu klauen und mit seiner Freundin und ihrer Clique zu fliehen. Sie stammt aus gutem Hause, er wiederum ist auf den Job angewiesen. Was also, wenn sich die Lage wieder stabilisiert? Ist die Situation wirklich so aussichtslos oder leiden alle unter einer kollektiven Hysterie? Ist jetzt der richtige Moment abzuhauen? Und wenn ja: Wohin denn überhaupt?

Keine der acht Episoden liefert dabei klare Antworten. Es gibt kein eindeutiges Gut und Böse. Schmerzhaft deutlich wird das in der sechsten Folge "Das Altersheim" – wieder so ein schicksalhafter Ort, der sich seit dem Frühjahr mit dramatischen Bildern in unser kollektives Bewusstsein gefressen hat. Hier sehen wir den Pfleger Marco, der einsam die Stellung hält und die alten Menschen mit den letzten Vorräten im Medikamentenschrank und im Kühlraum weiter versorgt. Bis dann eine Gruppe um seine Ex-Kollegin eben diesen Kühlraum ausräumt. Während man bei The Walking Dead oder dummdarwinistischen Blockbustern wie Emmerichs 2012 klar erkennbare Bösewichte oder nur zum Selbsterhalt kurz böse werdende "Helden" hat, machen es einem Les Parasites so einfach nicht. Denn die Ex-Kollegin hat ja irgendwie auch Recht: Ihre Gruppe, die aus vielen jüngeren Menschen besteht, hungert – und braucht die Nahrungsmittel vielleicht dringender als die Menschen im Heim, weil ihre Überlebenschance weit höher ist. Eine moralisch nicht eindeutige Situation, die dann übrigens auch nicht so weit von einer Triage entfernt ist – also von der sehr realen Situation, die schlimmstenfalls bald wieder den Ärzt*innen bevorsteht, die mit den steigenden Zahlen der COVID-19-Patienten in den Kliniken umgehen müssen. Es mag dabei eine streng rationale Entscheidung geben – trotzdem spürt jeder, dass man mit Menschen wie Marco besser dran wäre als Gesellschaft. Und man spürt hoffentlich auch, in was für eine tragische Situation man all die Ärzt*innen bringt, indem man egoistisch und fahrlässig mit der Pandemie umgeht.

Umweltministerin Sofia Desmarest in einer Live-Sendung: "Es wird keinen Kollaps in irgendeiner Form geben, das kann ich Ihnen versichern." © © William Dupuy / CANAL+

Umweltministerin Sofia Desmarest in einer Live-Sendung: "Es wird keinen Kollaps in irgendeiner Form geben, das kann ich Ihnen versichern." © © William Dupuy / CANAL+

The Collapse ist trotzdem keine reine Schwarzmalerei – und das ist der Grund, warum wir die Serie in unserer "Weltflucht"-Rubrik empfehlen. Sie ist vielmehr ein perfekt gesetzter Nadelstich und dabei zugleich Reality-Check. Denn anders als in der Serie hält unsere Gesellschaft noch – besser, als man das bei all den alarmistisch schreienden Talkshows und Facebook-Posts so denken würde. Aber wir spüren die Bruchstellen deutlicher denn je – und all diese nimmt The Collapse ins Visier. Zwischen den Szenen der schleichenden Eskalation gibt es immer wieder Momente und Handlungen, die deutlich machen, dass Empathie und Mitmenschlichkeit im Vergleich zum egoistischen, in Hollywood praktizierten Ego-Überlebensmodus auf Langstrecke gedacht unbedingt die bessere Idee sind. Denn will man wirklich so werden wir Sofia – jene Umweltministerin, die in der letzten Folge "Die Live-Show" noch dem TV-Publikum versichert, dass es keinen Kollaps geben wird? Und die man in der vorher ausgestrahlten Episode "Die Insel" dabei beobachten kann, wie sie einen hilflosen, entkräfteten Mann von ihrem Boot knüppelt, um ihr teuer erkauftes Prepper-Paradies zu erreichen? Eher nicht. Da ist schon das Statement des Umweltaktivisten Jaques, der "Die Live-Show" entert, um ein paar Minuten Sendezeit zu erkämpfen, hilfreicher: Er ermutigt die Zuschauer*innen alternative Gesellschaftsmodelle zu finden, sich lokal zu verbünden, um die Krise zu bewältigen, auf seine Nachbarn zu achten. Jacques wird dafür von den anderen Gästen als naiver Spinner diskreditiert und ausgerechnet von der Ministerin in Prepper-Nähe gerückt – obwohl sie da schon ihren Platz auf der Reiche-Leute-Insel erkauft haben dürfte.

Der junge Pfleger Marco macht es wie die Band auf der Titanic: Er erledigt seinen Job mit Anstand und Würde, bis es nicht mehr geht. © © William Dupuy / CANAL+

Der junge Pfleger Marco macht es wie die Band auf der Titanic: Er erledigt seinen Job mit Anstand und Würde, bis es nicht mehr geht. © © William Dupuy / CANAL+

Guillaume Desjardins, Jérémy Bernard und Bastien Ughetto von Les Parasites (hier geht es zu ihrem sehenswerten YouTube-Channel) haben die komplette Serie übrigens mit einer betont umweltfreundlichen Produktion realisiert. Auch hier zeigen sie mit guten Drehbüchern und starken Darsteller*innen, dass es mitnichten Hollywood-Budgets braucht, um gute Geschichten zu erzählen, die einem sehr interessante Gedanken verpassen – auch wenn die nicht immer angenehm sind. Damit bleiben sie jenem Prinzip treu, das sie auch auf ihren Namen brachte: Sie bezeichnen sich nämlich als Parasiten, weil sie ihre Inhalte den Zuschauer*innen aufzwingen wollen, um Aufmerksamkeit für globale Probleme zu schaffen. Das gelingt ihnen hier, ohne den Kollaps genau benennen zu müssen. Denn in jeder Folge wird eines deutlich: Was das bestehende System am Ende zum Einsturz bringt ist … das bestehende System. In The Collapse mag vieles zu spät sein, in der Realität sind wir noch nicht ganz so weit.

Die komplette Serie gibt es ab sofort auf allen Plattformen und gerade bei Joyn sogar for free.

DK

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