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Fante in Frankreich: Der Hund bleibt von und mit Yvan Attal

Yvan Attal und seine Frau Charlotte Gainsbourg verschmelzen Szenen ihrer Ehe auf charmante Weise mit einer Novelle des italo-amerikanischen Autors John Fante. Ein Film und ein Autor, die ein viel größeres Publikum verdient hätten.

Filmgeschichten 15. September 2020

Das Ehepaar Gainsbourg/Attal hat große Freude daran, auch auf der Leinwand Eines zu sein. Was nicht unbedingt verwundert, wenn man bedenkt, dass beide zur ersten Kulturgarde Frankreichs gehören – Attal als Darsteller und Regisseur, Gainsbourg als Schauspielerin und Musikerin – und schon der Heiratsantrag öffentlich erfolgte. Und zwar 2013, als Attal den Ordre national du Mérite verliehen bekam. Bevor sie den offiziellen Schritt an den Altar wagten, spielten sie die Sache mit der Ehe schon mal in Meine Frau, die Schauspielerin (2001) und Happy End mit Hindernissen (2004) durch. Als Paar galten sie seit 1991.

Der Hund bleibt ist nun die Midlife-Crisis-Variante einer Ehe und lebt von der pointierten, wundervollen Spannung zwischen den beiden. Attal spielt den ehemaligen Bestseller-Autor mit Schreibblockade Henri Mohen, der mit seiner Frau Cécile und den vier erwachsenen Kindern in einem wunderschönen Haus in einem französischen Küstenkaff wohnt – aber viel lieber in Rom wäre, wo er seiner Meinung nach die besten Jahre seines Lebens verbracht hatte und besagten Bestseller schrieb. Henri ist verbittert, lakonisch, wehleidig, melancholisch und undankbar – was er mit bitterbösen Sprüchen und Erzählungen allerdings sehr unterhaltsam vermitteln kann. Wobei man das wohl nur so empfindet, wenn man nicht als Teil der Familie seiner diffusen Unzufriedenheit und Kälte ausgesetzt ist. Cécile ist seit einem Vierteljahrhundert die Frau an seiner Seite. Sie hat ihr Literaturstudium und ihre Karriere als Akademikerin in Paris vor langer Zeit aufgegeben und sich ganz der Familie gewidmet. In den letzten Jahren ging das nur mit einer Mischung aus Prozac und diversen französischen Weinen. Früh im Film sagt sie, auf die Frage, ob sie schon wieder trinke: "Ich trinke nicht, das nennt sich Saufen."

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Die gerade erwachsenen Kinder leben noch ganz gut vom Geld des Vaters in ihren alten Zimmern, fühlen sich jedoch alle auf ihre Weise ungeliebt und unsicher. Eines Abends, als Henri von einer Reise zu seinem Verlag in Paris zurückkehrt, sitzt ein riesiger Hund im Garten, der ganz selbstverständlich ins Wohnzimmer trottet – und irgendwie nicht wegzukriegen ist. Mit einer Mischung aus Trotz und Zuneigung beschließt Henri, ihn zu behalten und tauft ihn "Stupide". Das Tier wird ein treuer Gefährte – egal ob er das Sofa vollsabbert, sich mit dem Nachbar-Dobermann „Rommel“ anlegt oder immer wieder den Macho-Freund der Tochter anrammelt und diesen vermeintlichen harten Typen in seiner Männlichkeit zutiefst verunsichert. Nach und nach vergraulen Henri und Stupide (Henri mehr als der Hund) die gesamte Familie.

Stupide und Cécile (Charlotte Gainsbourg) © STUDIOCANAL

Stupide und Cécile (Charlotte Gainsbourg) © STUDIOCANAL

Die Geschichte ist dabei fast eins zu eins einer Novelle von John Fante entnommen. "My Dog Stupid" spielt in Kalifornien und war eine von zwei Novellen, die der italo-amerikanische Autor in seinem Buch "West of Rome" versammelte. Wer das Buch im Regal stehen hat, kann schon in den ersten Zeilen überprüfen, dass Attals Henri Mohen sehr nah an Fantes Hauptfigur und Erzähler Henry M. Molise angelegt ist - und Cécile eben an ihrem kalifornischen Pendant Harriet. Attal hat sich streng genommen jedoch nicht an dem Buch selbst orientiert, sondern an einer Drehbuchadaption des Briten Dean Craig. Trotzdem hört man Fante und seinen lakonischen Tonfall in jedem Dialog – und wundert sich anfangs, wie gut der in einen französischen Film passt. Denn immerhin hat der von 1909 bis 1983 lebende Fante mit dem postum erschienenen "1933 Was A Bad Year" einen der amerikanischsten Romane überhaupt geschrieben – was nicht nur an den Baseball-Szenen darin liegt. Andererseits spielten die europäischen, nämlich italienischen Wurzeln in vielen Büchern eine zentrale Rolle – vor allem in seinem erfolgreichsten Roman "Wait Until Spring, Bandini."

Gute Bücher von John Fante und eine uneingeschränkte Leseempfehlung unserer Redaktion © Daniel Koch

Gute Bücher von John Fante und eine uneingeschränkte Leseempfehlung unserer Redaktion © Daniel Koch

Der Hund bleibt ist also nicht nur ein wundervoller, weiser, böser, lustiger, tragischer Film – sondern kann gerne als Einladung verstanden werden, sich ausführlich dem Werk von John Fante zu widmen. Was man eigentlich schon vor ein paar Wochen hätte tun sollen, als Charles Bukowski 100 geworden wäre und sich das komplette männliche Feuilleton mit traurigem Ständer in der Hose an die Leseerfahrung jenes "Dirty Old Man" erinnerte, der schon früh sagte: "Fante war mein Gott." Man muss die beiden ja gar nicht gegeneinander ausspielen, aber Fante ist im Vergleich einfach der bessere Erzähler, wenn auch seine Geschichten und seine Attitüde nicht ganz so wild sind. Und er verhandelt die Männlichkeit und ihre Zwänge und Triebe auf eine Weise, die sich nicht so viel drauf einbildet, manchmal toxisch zu sein. Bukowski wäre ohne Fante nicht der Literat und Poet geworden, der er am Ende war – diese auch von Bukowski selbst gemachte Erkenntnis hätte man in all diesen Nachrufen lieber gelesen als persönliche, halbstarke Erinnerungen angegrauter Kritiker.

Aber wir schweifen ab: Auch ohne das Wissen um Fantes Werk, ist Der Hund bleibt ein Film, den man gesehen haben sollte – vielleicht sogar bei einem Glas Wein am eigenen Hochzeitstag. Wenn die Stimmung zwischen Ihnen danach noch gut ist, müssen Sie sich nicht sorgen.

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