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November: Der Terror von Paris

Nach einem Drehbuch von Olivier Demangel verfilmte Regisseur Cédric Jimenez die Jagd der Terrorfahnder*innen nach den Drahtziehern und Tätern der Terrorangriffe vom 13. November 2015 – in Form eines atemlosen Thrillers. Kann das funktionieren?

News/Neu im Kino 20. Oktober 2022

Bei den großen, tragischen Terrorangriffen der letzten Jahrzehnte stellte sich immer irgendwann die Frage: Wie lange dauert es, bis sich jemand an eine Verfilmung wagt? Man denke nur an 9/11 und Paul Greengrass‘ Spielfilm über die letzten Minuten an Bord des Flug 93. Als im April 2006 in ausgewählten US-Kinos ein erster Trailer vor Spike Lees Inside Man zu sehen war, ruft ein aufgebrachter älter Herr in Los Angeles "Zu früh! Zu früh!" und verlässt wutschnaubend das Kino, ohne den Hauptfilm anzuschauen. Die Anschläge in Paris vom 13. November 2015 haben Frankreich ebenfalls schwer traumatisiert. Bei den islamistisch motivierten, koordinierten Angriffen, die am Stade de France ihren Anfang nahmen, wurden 130 Menschen getötet und 683 verletzt, darunter mindestens 97 schwer. Außerdem starben sieben der Attentäter in unmittelbarem Zusammenhang mit ihren Attacken. Der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge, Abdelhamid Abaaoud, starb wenige Tage später bei einer Razzia im Pariser Vorort Saint-Denis.

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"Ich hätte es obszön gefunden, die Taten und die Opfer zu zeigen."

Der Thriller November von Cédric Jimenez, nach einem Drehbuch von Olivier Demangel, wagt sich nun als erster Spielfilm in die Kinos, im Dezember folgt dann das Drama Friede, Liebe und Death Metal. Man kann sich natürlich nicht gegen ein gewisses Unbehagen wehren, wenn man diesen Film im Kino schaut und schon in den ersten Minuten in jene tragische Nacht geworfen wird. Aber Jimenez, der zuvor den harten Polizeifilm Bac Nord – Bollwerk gegen das Verbrechen drehte, zeigt zum Glück nicht die schrecklichen Taten selbst. Er konzentriert sich auf jene Orte, an denen die Arbeit beginnt, die er fortan mit schnellen Schnitten und knappen Dialogen inszenieren wird. Wir sehen zum Beispiel eine Polizeizentrale, wo die einsame Nachtschicht auf einmal zwischen dutzenden, klingelnden Telefonen steht. Oder wir sehen eine junge Polizistin, die beim Joggen einen Anruf bekommt und sofort in die Dienststelle aufbricht. Auf die Frage, ob er jemals daran gedacht habe, die Angriffe zu zeigen, antwortete Jimenez: Niemals. Ich hätte das als obszön empfunden, wirklich obszön... Wenn ich auch nur den geringsten Verdacht gehabt hätte, dass die Produzenten das sehen wollen, hätte ich den Film nie gemacht. Ich wollte die gegenteilige Sichtweise zeigen. Die Anschläge wurden von mir nicht inszeniert, auch nicht die Opfer. Das einzige Mal, dass der Film das tut, ist im Krankenhaus, aber auch nur aus der Perspektive der Ermittlungen. Und es ist ganz am Rande des Bildes, um dabei so zurückhaltend wie möglich zu sein."

Fred (Jean Dujardin) und Heloise (Sandrine Kiberlain) © Studiocanal GmbH

Fred (Jean Dujardin) und Heloise (Sandrine Kiberlain) © Studiocanal GmbH

"Mehr als an dem Schock wollte ich an der Schockwelle arbeiten."

Cédric Jimenez kam erst an Bord, als das Drehbuch für November schon fast fertig und die Produktion zu großen Teilen geplant war. Der Autor Olivier Demangel erklärt die Intention, ausschließlich die Arbeit der Terrorfahnder zu zeigen so: "Anfangs gab uns Produzent Mathias Rubin einen Freibrief. Das war eineinhalb Jahre nach dem Drama und ich dachte, wenn ich mich schon auf eine Geschichte festlegen muss, dann muss ich mich auch darauf konzentrieren. Aber wie sollte ich es angehen? Zumal ich mir von Anfang an sicher war, dass ich weder die Szenen des Anschlags rekonstruieren noch die Opfer und Terroristen verkörpern wollte. Aber ich hatte gerade ein Buch gelesen, das die Hintergründe des 13. November erzählt. Es beschrieb jene Nacht, in der die Gesellschaft und Paris fast im Chaos versanken, und wie es den Feuerwehrleuten, dem Krankenhauspersonal, den Sanitätern, Polizeibeamten und auch den Richtern gelang, die Kontrolle zu übernehmen, um den Zusammenhalt der Stadt und des Landes zu bewahren. Ich wollte darüber sprechen, was der öffentliche Dienst heute ist. Dieser Dienst, der so häufig kritisiert wird, und der doch das Fundament der Gesellschaft ist, insbesondere unserer eigenen. Wer beschützt uns bei einem Ereignis wie diesem? Wer arbeitet, wenn wir alle verängstigt sind? Mehr als an dem Schock wollte ich an der Schockwelle arbeiten."

Regisseur Cedric Jimenez © Studiocanal GmbH/R�my Grandroques

Regisseur Cedric Jimenez © Studiocanal GmbH/R�my Grandroques

"Alle diese Personen existieren in einem gewissen Sinne."

Nach einer Szene, die zeigt, wie den Ermittlern der Drahtzieher Abdelhamid Abaaoud schon im Vorjahr einmal im letzten Moment entwischen konnte, folgen wir dem Team über die fünf Tage nach den Anschlägen, die schließlich zu der Razzia führen, bei der Abdelhamid Abaaoud stirbt. Man sollte dabei nie vergessen, dass wir es mit einer fiktionalisierten Erzählung der Ereignisse zu tun haben. Oder, wie Regisseur Jimenez erklärt: "Alle diese Personen existieren in einem gewissen Sinne. Im wirklichen Leben sind sie geschützt und leben unter einer anderen Identität. Denn wenn man für die Terrorismusbekämpfung arbeitet, ist man besonders großen Bedrohungen ausgesetzt." Man habe die Charaktere natürlich so verändert, dass man sie auch anhand des Films nicht identifizieren kann. "Aber sie alle sind von echten Menschen inspiriert. Genau wie die Zeugin."

Die Zeugin Samia (Lyna Khoudri). © Studiocanal GmbH

Die Zeugin Samia (Lyna Khoudri). © Studiocanal GmbH

Die Geschichte der Zeugin ist ein zentrales Element von November und anhand ihrer Darstellung erkennt man die größte Stärke des Films. Capitaine Inès Moreau (Anaïs Demoustier) findet diese von Lyna Khoudri gespielte Zeugin Samia, die glaubt, dass ihre Cousine Hasna (Sarah Afchain) die beiden flüchtigen Terroristen unterstützt. Ihrem Mut ist es letztlich zu verdanken, dass die Täter in Saint-Denis gestellt werden – und nicht, wie sie bereits planten, weitere Anschläge verüben konnten. Eine Erkenntnis, die in der journalistischen Berichterstattung gar nicht so deutlich zum Tragen kommt.

November ist im Grunde eine fast nüchterne Aufarbeitung der Polizeiarbeit, die auf die Anschläge folgt. Atemlos im Tempo bleibt wenig Zeit, in die Leben der Polizist:innen und Politiker:innen einzutauchen, die hier zu sehen sind. Aber auch das war eine konzeptuelle Entscheidung, die in der Logik des Filmes liegt. Auch wenn das Gesicht von Jean Dujardin die Plakate ziert, der den Chefermittler Fred spielt, gibt es keine wirkliche Hauptrolle, die diese Bezeichnung verdient. Regisseur und Drehbuchautor zeigen stattdessen ein Kollektiv bei der Arbeit – und sie tun das wohl recht akkurat, da die realen Ermittler:innen für Hintergrundgespräche zur Verfügung standen. Diese nervöse Spannung, die sich schon in den ersten Momenten einstellt, jagt die Zuschauer:innen durch diesen Film und macht November auf diese Weise zu einer intensiven Erfahrung, wie man sie im Kino nicht oft zu sehen bekommt.

DK

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