Vor fünfzig Jahren ist Agatha Christie verstorben. Sie war nicht nur eine geniale Krimiautorin, und als solche die zweiterfolgreichste Schriftstellerin der bisherigen Geschichte nach William Shakespeare. Durch ihren Ruhm erlangte die eher unscheinbare Christie eine glamouröse Aura. Dazu trägt auch ihr mysteriöses Verschwinden vor fast genau 100 Jahren bei. Die Vermisstenmeldung von damals gehört heute zum Literaturkanon:
"Vermisst wird Mrs. Agatha Mary Clarissa Christie, Ehefrau von Colonel A. Christie. Alter: 35, Größe 5 Fuß'7, Haarfarbe rot (kurz), natürliche Zähne, graue Augen, Hautfarbe hell, gut gebaut. Sie trägt einen grauen Rock mit Seidenstrümpfen, grünen Pullover, dunkelgraue Weste, kleinen grünen Hut aus Velours. Möglicherweise hat sie eine Handtasche mit 5–10 Pfund Bargeld bei sich. Verließ das Haus in einem viersitzigen Morris Cowley um 09:45 Uhr am Abend des 3. Dezember. Hinterließ eine Notiz, dass sie einen Ausflug mit dem Wagen machen werde. Am nächsten Morgen wurde der Wagen zurückgelassen in Albury, Surrey, an der Newlands-Ecke gefunden."
Zehn Tage später tauchte Agatha Christie wieder auf. Nicht einmal in ihrer Autobiografie erklärte sie, was in der Zwischenzeit geschah. Eine gewisse Schrulligkeit zeigte sich auch zeitlebens im Umgang mit den neuen Medien.
Agatha Christie lehnte nicht nur Schalplattenspieler oder Fernsehapparat ab, sie mochte auch das Kino nicht. Sie ist weithin bekannt für ihren äußerst kritischen Blick, mit dem sie die Filmadaptionen ihrer Kurzgeschichten und Romane sowie die Darstellungen ihrer Held*innen Miss Marple und Hercule Poirot bedachte. Dabei betätigte sie sich selbst als Filmemacherin. Christie dokumentierte akribisch die Ausgrabungsarbeiten ihres zweiten Gatten, des Ärchäologen Max Mallowan.
Filmjournalist Olaf Möller erklärt sich dieses ambivalente Verhältnis zum Film so: "Das Kleinteilige am Filmemachen und das geduldige Zusammensetzen einzelner jeweils für sich gefertigter Teile dürften Agatha Christie interessiert haben. Doch als soziale, hektische und laute Betätigung behagte es der zur Zurückgezogenheit tendierenden Schriftstellerin überhaupt nicht. Der Freundin des Landlebens und der Rosenzucht könnte das Kino auch etwas zu städtisch gewesen sein. Kleinigkeiten genügten, um Christies Kritik zu provozieren, wie etwa die kurze Nacktszene am Ende von Sidney Gilliats Mord nach Maß aus dem Jahr 1972.
Was würde Agatha Christie dazu sagen? Die Spleens und Mysterien, die sie begleiten, sprechen wie ihre künstlerischen Arbeiten eine eigene Sprache
Und Möller weiter: "Christie zog Parallelen zwischen detektivischer Arbeit und Archäologie. Im Roman "Tod auf dem Nil" von 1937, Grundlage der Verfilmung von John Guillermin (1978), beschreibt Christies Hauptfigur Hercule Poirot seine Sicht auf eine archäologische Expedition und ein aus der Erde befreites Ausgrabungsstück – ein Objekt, das von allen Ablagerungen losgelöst die Wahrheit offenbare, nach der auch er als Ermittler strebe.
Christie selbst löste mit der Geduld und Umsicht ihrer erfundenen Spürnasen mal ein archäologisches Rätsel: Aus hunderten von Splittern, die ihr Ehemann bei Ausgrabungen auf dem Gebiet der altorientalischen Stadt Kalḫu gefunden hatte, setzte sie eine Gruppe von Keilschrifttafeln zusammen."
Die Anziehungskraft ihrer eigenen Geschichten speist sich wiederum aus einer absoluten Verlässlichkeit der Muster ihrer Wahrheitssuche, lebt aber auch von ihrer guten Lesbarkeit. Christie schrieb Unterhaltungsliteratur für ein großes Publikum und hielt dem Druck stand, ihre wachsende Anhängerschaft über die Jahre nicht zu enttäuschen. Weltweit mehr als zwei Milliarden verkaufte Bücher bedeuten jedoch nicht, dass Christies Literatur der Tiefgang fehlt. Gerade die Konsequenz, mit der sie den Wesenheiten ihrer Figuren und der Methode beim Aufbau ihrer Geschichten weitgehend treu blieb, offenbart ihre wahre Größe als Schriftstellerin.
Es gehört zur Popkultur, dass sie nicht nur zum Konsum, sondern ebenso zur Nachahmung und Neuinterpretation anregt, sprich als Inspiration zum Weiterspinnen dient. Das trifft auch im Fall der Geschichten von Agatha Christie zu – ihre Fiktionen führen längst ein emanzipiertes Eigenleben. So sind die beliebten Filme der Knives Out-Reihe von Rian Johnson schwer Christie-beeinflusst, die jüngste Seven Dials-Verfilmung nach ihrer Story um das Geheimnis der Sieben Zifferblätter startet bald auf Netflix.
Was würde Agatha Christie dazu sagen? Die Spleens und Mysterien, die sie begleiten, sprechen wie ihre künstlerischen Arbeiten eine eigene Sprache: Ein Musical über ihr Leben müsste den Namen "Agatha Christie Superstar" tragen. Als ewiges Idol sind manche ihrer Ansichten zwangsläufig nicht mehr von dieser Welt. Aber wer die ursprüngliche Agatha Christie sucht, dem sei nicht nur die Aufführung ihrer "Mausefalle" im Londoner Westend empfohlen – man findet sie in all ihren Werken und deren unterschiedlichsten Versionen.
WF