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„Bad Will Hunting“ am Pi-Tag: Darren Aronofskys Filmdebüt

Der 14. März gilt als Tag zu Ehren der Kreiszahl Pi. Das Datum geht zurück auf die amerikanische Schreibweise 3/14 – was die ersten drei Ziffern dieser unendlich weiten Zahl benennt. Eine gute Gelegenheit, noch einmal Darren Aronofskys Pi zu schauen. Ein fesselnder Film, der die Risiken und Nebenwirkungen, aber auch die Faszination der Mathematik zeigt.

Filmgeschichten/Drehmomente 14. März 2021

Mit der Mathematik ist es wie mit der Quantenphysik – wenn man zu viel darüber nachdenkt, kann es eigentlich nur im Wahnsinn enden. Die Zahl Pi ist vielleicht eines der greifbarsten Beispiele für diese These. Sie ist einerseits eine mathematische Konstante und damit eine unumstößliche, universelle Wahrheit: Sie definiert das Verhältnis des Umfangs eines Kreises zu seinem Durchmesser. Dieses Verhältnis ist unabhängig von der Größe des Kreises. So weit, so beruhigend. Aber dann fängt es an: Die Ziffernreihe hinter der 3 und dem Komma ist unendlich. Das Errechnen der Stellen hinter dem Komma ist ein beliebter Sport unter Mathematik- und Programmier-Nerds. Seit Januar 2020 hält der Amerikaner Timothy Mullican den aktuellen Rekord. Er überholte den vorherigen Rekordhalter Google um über 18 Billionen Stellen und hob den Rekord damit auf 50 Billionen Nachkommastellen. Wie er das gemacht hat, kann man hier auf seinem Blog lesen. Danach ahnt man vielleicht schon ein wenig, warum Pi als eine irrationale und transzendente Zahl definiert wird – und genau deshalb bis heute am 14. März gefeiert wird.

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Regisseur Darren Aronofsky wählte Pi als Thema für sein Spielfilmdebüt. Oder genauer gesagt: Er wählte die Grenzregion zwischen Wahn und Mathematik, die man per Express erreichen kann, wenn man ein Ticket der Tarifzone 3.1415926535 8979323846 2643383279 5028841971 6939937510 5820974944 5923078164 0628620899 8628034825 3421170679 löst. Aronofsky schrieb die Story über den paranoiden wie genialen New Yorker Mathematiker Max Cohen mit seinem Studienkumpel Sean Gullette, der auch die Hauptrolle spielt. Cohen ist eine fiktive Person, aber Darren Aronofsky sagt: "Bei der Recherche über mathematische Genies fanden wir eine Menge reale Max Cohens. Damals war gerade ein Buch erschienen über den Nobelpreis-Träger John Forbes Nash Jr., der auch eine Schizophrenie-Diagnose hatte. Er glaubte an Aliens, suchte einen göttlichen Zahlencode in der Bibel und glaube am Ende gar er sei der Messias." Aronofsky formulierte den Reiz der Zahl Pi so: "Sie verspricht dir tiefere Einsichten in das Universum, aber alles, was du von ihr bekommst ist eine endlose Kette vermeintlich zufälliger Ziffern. Du beginnst mit dieser perfekten Form eines Kreises – nutzt eine recht einfache Formel und plötzlich hast du dieses komplexe Monster. Ziffernreihen, die ins unendliche reichen. Natürlich weckt das den Wunsch, darin Muster zu erkennen."

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Max Cohen wird von diesem Wunsch getrieben. Am Anfang des Films definiert er seine Annahmen: '"Erstens: Die Mathematik ist die Sprache der Natur. Zweitens: Alles um uns herum lässt sich durch Zahlen wiedergeben und verstehen. Drittens: Die grafische Darstellung beliebiger Systeme zeigt Muster. Folgerung: Überall in der Natur gibt es Muster." Die Suche nach Mustern führt Max zu mysteriösen Verbindungen und einer 216-stelligen Zahl, die ihn bis in den Wahnsinn und zurück treibt – zu einem Happy End der etwas anderen Art, bei der ihm eine Bohrmaschine behilflich ist. Auf dem Weg dorthin trifft Max eine Wall-Street-Managerin, die sein Wissen zum Wohle des Kapitalismus nutzen will, seinen Mentor Sol, der sich dermaßen intensiv mit der Zahl Pi befasste, dass er einen Schlaganfall erlitt und zu kabbalistischen Juden, die glauben, Max hätte mit der Ziffer den wahren Namen Gottes entdeckt.

Die Low-Budget-Produktion Pi, die rund 60.000 Dollar kostete und 3,2 Millonen einspielte (eine Rechnung, die aufgeht), fasziniert vor allem durch die beklemmenden Szenen in Max Apartment, die grobkörnige Schwarz-Weiß-Ästhetik und das intensive Spiel von Sean Gullette. Großen Anteil an seiner Wirkung haben auch die permanent aufflackernden Grafiken, Formeln und Zeichnungen im Film, das hektische Kamerastolpern durch New York und der Score des Briten Clint Mansell. Der hatte schon mit seiner Band Pop Will Eat Itself Anfang der 90er einen industriellen, kalten, aggressiven Crossover-Sound gefunden, der nicht weit von The Prodigy entfernt war. Mansell war es nach eigener Aussage satt, dass Filmmusik oft nur als Klangtapete genutzt wurde und komponierte (und kompilierte) für Pi einen Soundtrack, der tatsächlich die Handlung vorantreibt und die Reise in den Wahn auch akustisch aufgreift. Neben eigenen Stücken, platzierte er befreundete Acts wie Orbital, Autechre, Aphex Twin und David Holmes im Film – allesamt Pioniere der elektronischen Musik, die mit ihrem Schaffen auch dunkle Stimmungen in die Clubs brachten.

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Pi ist harte Kost, die man jedoch nicht so schnell vergisst. Das befand auch die Jury des Sundance Film Festivals, die Darren Aronofsky für sein Debüt den Award in der Königsklasse "Beste Regie" überreichte. Aronofsky erinnert sich gern an den Buzz des Festivals und an ein besonderes Bonmot: "Sie nannten uns damals 'Bad Will Hunting'. Das fand ich sehr lustig." Und es trifft die Sache auch. Während der Feelgood Film Good Will Hunting mit Matt Damon als Werbeclip für den Mathe-LK daherkommt, zeigt Pi, dass die Mathematik genauso berauschend und gefährlich ist wie andere harte Drogen.

DK

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