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Die Jönsson Bande ist zu schrullig für den Ruhestand

Die Geschichten der "Jönssonligan" sind schwedisches Kulturgut und erfreuen seit den frühen 80ern alte und neue Fans. Nun wagt der Regisseur Tomas Alfredson einen Relaunch der beliebten Charaktere der Jönsson Bande. Sein Film ist dermaßen schrullig geraten, dass man ihm kaum einen Cash Grab unterstellen kann.

News/Neu erschienen 20. Januar 2022

Die Jönsson Bande hatte ihren ersten verbrieften und gefilmten Auftritt im Jahr 1981 und war schon damals – recht unverhohlen – der dänischen Olsenbande nachempfunden. Trotzdem hatten die acht Spielfilme, Remakes, Spin-offs, Comics und Videospiele stets ihren eigenen Charme und funktionierten in ihrer Heimat weitaus besser als die Übersetzungen der Olsenbande. Charaktere wie der vermeintliche Meisterdieb Charles-Ingvar "Sickan" Jönsson, Dynamit Harry, dessen Freundin Doris und Ragnar Vanhede hatten immer ihren sehr eigenen, sehr schwedischen Witz und erlebten Raubzüge und krumme Dinger, die zwar wider das Gesetz waren, aber irgendwie eben nicht unsympathisch. Auch die über die Jahre kultivierten Running Gags und Rituale sorgten für den lange anhaltenden Erfolg – so ist zum Beispiel die gemeinsame Fahrt zum Gefängnis eine dieser skurrilen Traditionen. Es ist nämlich immer wieder ausgerechnet der ach so geniale Chef der Bande, Sickan, der durch eine Verkettung unglücklicher Umstände in den Knast muss. Die taz ätzte Anfang 2001 mal in einer bissigen Kritik über einen Kinofilm, die Jönssons seien "ein nationales Herdfeuer" für die Schweden und polemisierte: "Keine anarchische Kacke, keine Regressionswürstchen: Der zweite Film um die Jönsson Bande trainiert den Kinonachwuchs für Almodóvar und Co." Na, dann sind wir auf dieser Website inzwischen ja goldrichtig ...

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Schon 2015 gab es ein kleines Kino-Revival, als man in Master Plan – Der perfekte Coup versuchte, die Jönsson Bande ein wenig verschlagener und dunkler zu inszenieren, um sie in die damals sehr erfolgreiche Tradition der Heist Movies zu stellen. Regisseur Tomas Alfredson entscheidet sich in seinem Relaunch aber eher für einen schrulligen Humor und ein sehr eigenes Tempo, das seine Jönsson Bande sehr außergewöhnlich macht. Dabei wäre Alfredson ja eigentlich ebenfalls ein Kandidat für eine düstere, erwachsene Wiederbelebung gewesen – immerhin hatte er uns in den letzten Jahren mit So finster die Nacht und Bube, Dame, König, As, Spion begeistert. Die vergurkte Jo Nesbø-Verfilmung Schneemann lassen wir mal lieber unter den Tisch fallen.

Die Story des Films zeigt bereits, dass Tomas Alfredson es diesmal lieber vergnüglich schräg als dunkel angehen lassen wollte. Nachdem wir am Anfang des Films erleben, wie ein smarter Coup, bei dem sogar eine Radiosendung und eine süße Ablenkungskatze zum Einsatz kommen, in die Hose geht, liest Sickan im Knast ein Buch über die Geschichte Finnlands. Darin glaubt er die Spur einer mysteriösen finnischen Königskrone zu finden, der ein wichtiger Edelstein fehlt: das sagenumwobene Karelen-Herz. Nach diesem Herz sucht auch die Managerin Regina Wall, die sich die Krone bereits sichern konnte. Ihr perfider und etwas irrer Plan, den sie für ihren Chef Knut Enberg – dem traditionellen Gegenspieler der Jönnson Bande – ausführen soll: Das Herz finden, um in Finnland eine Monarchie zu errichten. Als König ist dabei der Adlige Henrik Adlerstierna vorgesehen, ein Urenkel von Graf Didrik Adlerstierna, der die Krone 1917 herstellen ließ, den ersten Anlauf, König zu werden, aber vergeigte. Eine Geschichte, die fast ein wenig so klingt, als hätte sich Alfredson in einer Telegram-Gruppe der Reichsbürger inspirieren lassen ... Eines von den stetig mehr werdenden Problemen Sickans dabei: Der Rest der Bande hat sich in seiner Abwesenheit eigentlich ganz gut an ein Leben als ehrbare Bürger*innen gewöhnt. Aber so richtig übers Herz bringen sie es eben auch nicht, ihn alleine machen zu lassen – und so lassen sie sich nach und nach in das Verwirrspiel um die Krone hineinziehen.

Der Kopf der Bande: Charles Ingvar Sickan Jönsson (Henrik Dorsin) doziert seine Kenntnisse über die finnische Krone. © Studiocanal GmbH

Der Kopf der Bande: Charles Ingvar 'Sickan' Jönsson (Henrik Dorsin) doziert seine Kenntnisse über die finnische Krone. © Studiocanal GmbH

Tomas Alfredson inszeniert all das mit einer Liebe zum Skurrilen und einem sehr eigenen Tempo. Man könnte es bisweilen behäbig nennen, aber das wäre unfair, denn gerade dieses Ausbremsen der Handlung schafft Räume, um die zahlreichen Details der Ausstattung zu erforschen. Auch die Witze sind bisweilen eher dreimal um die Ecke gedacht, als auf Pointe getrimmt, was zwar manchmal für Verwirrung, aber meistens für einen lauteren Lacher sorgt. Auch die Besetzung überzeugt: Henrik Dorsin in der Rolle des Meisterdiebs Sickan sowie Anders Johansson, Hedda Stiernstedt und David Sundin. Die Jönsson Bande ist also alles andere als ein herzloser Cash Grab einer erfolgreichen Filmserie, sondern eine unterhaltsame, außergewöhnliche, neue Gelegenheit, die Die Jönsson Bande auch hierzulande ein wenig besser kennenzulernen.

DK

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