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John le Carré: Das Geheimnis der Menschlichkeit

Der kürzlich verstorbene Autor von Klassikern des Spionage-Thrillers wie »Der Spion, der aus der Kälte kam« oder »Dame König As Spion« sowie vieler weiterer verfilmter Bestseller war ein Meister der Doppelbödigkeit. Und ein Mann mit Idealen.

Persönliches/Aus gegebenem Anlass

15. Dezember 2020

John le Carré war nicht sein bürgerlicher Name. Aber was bedeutet schon ein Name, fragte bereits Shakespeare – zumal einem Spion oder Künstler. Und der am 12. Dezember 2020 im Alter von 89 Jahren verstorbene le Carré war letztlich beides. Es ist gar ein Zitat von ihm überliefert, in dem er die These aufstellte, dass jeder Schriftsteller eigentlich ein Spion sei, da er gut beobachten können müsse. Klingt einleuchtend. Dem Briten John le Carré kam es bei seiner Profession also mehr als zupass, dass er zwischen 1952 und 1964 tatsächlich in diversen britischen Nachrichtendiensten tätig war. In einer Zeit, als der Kalte Krieg die Welt in Osten und Westen zu teilen begann und die Berliner Mauer gebaut wurde. Der große Erfolg seines Romans »Der Spion, der aus der Kälte kam« (1963) ermöglichte es ihm dann, sich auf die Schreiberei fiktionaler Geschichten statt auf das Verfassen von Berichten zu konzentrieren. Aber sein Sujet hatte er gefunden. Die meisten Romane le Carrés handeln von den kafkaesken Geheimdienst-Bürokratien der großen Mächte und den darin verlorenen Seelen der Agenten. Gespenstische Gestalten wie der von Sir Alec Guinness und Gary Oldman in unterschiedlichen Adaptionen gleichsam mit Bravour verkörperte George Smiley. Dem ist gerade in Tomas Alfredsons Dame König As Spion–Verfilmung die Fadenscheinigkeit jeglicher Moral im Spionagegeschäft an der fahlen Nasenspitze anzusehen.

Dame König As Spion © Studiocanal

Dame König As Spion © Studiocanal

Spione geistern durch die Linien eines Informations-Schlachtfelds wie Autor*innen durch die Zeilen ihrer erfundenen Storys – auch das könnte eine passende Analogie sein. John le Carré machte aus seinen zwiespältigen Erfahrungen beim Security Service sowie als Agent in In- und Ausland bei MI5 und MI6 eine schriftstellerische Tugend. Trotz seines Bekenntnisses zum Westen, das ihm auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs den Ruf des »Hetzers« einbrachte, betonte John le Carré die Ambivalenzen seiner Figuren und ihrer Motive und Handlungen. Welches politische System mag wohl im Recht sein, wenn die Verantwortlichen beider Lager über Leichen gehen? Das wird sich noch in Zukunft die Leserschaft le Carrés fragen. Und zwar weil der Autor sich nicht hinter Ideologien und Loyalitäten versteckte, sondern genau solche unbequemen Zweifel provozierte.

Das Russland-Haus © Studiocanal

Das Russland-Haus © Studiocanal

Natürlich hat John le Carré auch mal dick aufgetragen, wie sich das für einen Genre-Schriftsteller gehört. Doch hat er ganz nebenbei versucht, die Codes zu den innersten Gefühlen seiner gebrochenen Helden und Antihelden Zeichen für Zeichen zu dechiffrieren. Die Menschlichkeit, die dabei zum Vorschein kommt, ist eine Doppelagentin. Sie macht aus Monstern dumme Kinder und aus gestandenen Männern eiskalte Killer. Neben dem Kalten Krieg widmete sich le Carré mit fortschreitendem Alter noch anderen Themen, wie den Machenschaften von Pharmakonzernen oder krimineller Geldwäsche. Viele seiner Bücher wurden kongenial verfilmt, darunter Das Russland-Haus mit Sean Connery und Michelle Pfeiffer, Der ewige Gärtner (2005) unter der Regie von Fernando Meirelles, sowie Verräter wie wir (2016). Man muss gar nicht so genau hingucken, um in diesen Filmen die Handschrift eines der erfolgreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts zu erkennen. Aber man kann sie alle mehr als einmal schauen und immer wieder spannende Details entdecken. Spione haben ja stets etwas zu verbergen, selbst wenn sie Schriftsteller geworden sind. Die Kamera offenbart es.

WF

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