Einsam zweisam: Rendezvous mit Klapisch

Liebe mit Hindernissen in der Stadt der Liebe – und federleichte Gesellschaftskritik. Wie bringt Regisseur Cédric Klapisch das zusammen? Eine Begegnung.

Gespräche, Filmgeschichten 19. Dezember 2019

Die Musikerin Tracy Thorn, bekannt durch ihre Band Everything But The Girl, äußerte jüngst in einem autobiografischen Buch die persönliche Sicht auf Interviews. Das Eigentümliche an jenen Situationen sei deren Konsequenz – schließlich würden sie später nur von einer Seite wiedergegeben. Ihr als Künstlerin bliebe lediglich die Rolle des Objekts einer Geschichte, in der sich das Gegenüber als Subjekt inszenieren könne. Einsam zweisam. Unter diesem Titel des neuen Films von Cédric Klapisch kann sich wohl jeder etwas vorstellen. Er würde auch als Beschreibung für das von Tracey Thorn geschilderte Phänomen taugen. Das denke ich, als ich am frühen Abend im Dezember 2019 mit dem Regisseur in einem Berliner Hotelzimmer sitze. Ob ihm etwas Ähnliches durch den Kopf geht? Dass ein solches Treffen einem Blind Date ähnelt? Auch hier wäre ich im Vorteil. Wir von der Presse können uns schließlich auf eine bestimmte Person vorbereiten, zumindest auf deren öffentliche Erscheinung, während die Künstler*innen es in der Regel mit Unbekannten zu tun haben.

Rémy

Natürlich habe ich mich gut vorbereitet. Den ersten Eindruck beim Gespräch, selbst wenn es in einem professionellen Rahmen stattfindet, kann aber keine Recherche ersetzen. Der 58-jährige Klapisch wirkt neugierig. Ein offener Typ. Gleich am Anfang unseres Rendezvous möchte er wissen, welche Bedeutung der deutsche Filmtitel genau habe. Im Original heißt sein Film über die Schicksale von Rémy (François Civil) und Mélanie (Ana Girardot) Deux moi. Cédric Klapisch ist viel herumgekommen hinter der Kamera, alleine die schwer erfolgreiche L`Auberge Espagnole-Trilogie führte ihn von Paris nach Barcelona, St. Petersburg und New York. Seine Neugierde beschränkt sich jedoch nicht nur auf Städte, sondern auch auf die verschiedenen Generationen von Menschen – und wie sie sich unter den gegebenen Bedingungen zurechtfinden. Der Dialektik des Lebens begegnet er stets auf Augenhöhe. Mal mit einem Feelgood-Movie, der Kummer und Sorgen nicht ausspart, dann mit einem epischen Drama, das versöhnlich endet, so wie sein bislang letzter Film Der Wein und der Wind (2017).

Mélanie

In Einsam zweisam setzt sich Cédric Klapisch Klapisch nun mit den modernen Formen der Kommunikation und des Kennenlernens in den sozialen Medien sowie auf Dating-Plattformen auseinander. Zugleich erzählt er eine Geschichte über Traumata und depressive Zustände. Er packt die Probleme seiner Held*innen einerseits bei den Wurzeln – natürlich muss jede Diagnose mit den familiären Vorbelastungen beginnen –, andererseits begeht er nicht den Fehler, die gesellschaftlichen Verhältnisse auszuklammern. Von Ehrenbergs Analyse „Das erschöpfte Selbst“ hat er zwar noch nichts gehört. Doch stimmt Klapisch zu, dass Rémy und Mélanie Charaktere sind, die zur These des Soziologen passen. Demnach leiden immer mehr Menschen unter Depressionen, weil sie an den Anforderungen des Marktes scheitern und sich selbst – wie es ihnen halt ständig suggeriert wird – für Misserfolge verantwortlich machen. Eine gewisse Orientierungslosigkeit zeichnet in Einsam zweisam sowohl Rémy als auch Mélanie aus. Der Clou des Films: beide suchen nach einem Partner fürs Leben, wohnen Wand an Wand, begegnen sich aber nicht persönlich. Bis zum Schluss? Der Weg ist das Ziel. Klapischs Filme haben jeweils einen ganz spezifischen Rhythmus, der mich daran erinnert, dass man etwas am besten lernt indem man es tut. Im Tanz der Handlung lernt Klapisch zudem seine Figuren kennen, was immer wieder zu überraschenden Szenen führt. Das Tanzen selbst spielt in Einsam zweisam jetzt ganz konkret eine wichtige Rolle. Ist Klapisch ein Tänzer?

Bobo

Cédric Klapisch zeigt keine Hemmungen, autobiografische Züge in Einsam zweisam zuzugeben. "Ich habe früher gerne getanzt aber heute weniger", erklärt er. "Ich mag es jedoch, anderen beim Tanzen zuzusehen." Und genau in diesem Punkt geht es ihm wie Rémy. Der schaut sich gerne Ballettaufführungen an, wenn er von seinem stumpfen Callcenter-Job nach Hause kommt. Im Zuge einer Firmensanierung war er als einziger der Belegschaft aus dem Lager in den neuen Job übernommen worden. Wie Rémy hegt Klapisch eine Faszination für Verbrennungsmotoren. "Ich mag die Idee, das aus einem einzigen Funken Bewegung entsteht." So setzt er die Handlung in Gang, in deren Verlauf Rémy allmählich begreift, wie er den eigenen Hintern beziehungsweise den Kopf hoch bekommt. Salopp ausgedrückt. Vergleichbar ergeht es Mélanie, die eine sichere Stelle als Wissenschaftlerin hat, allerdings Beklemmungen angesichts der bevorstehenden Präsentation ihrer Forschungsergebnisse verspürt. Beide leben in einer Ecke von Paris, die Cédric Klapisch als "Bobo" bezeichnet. Das steht für bohème et bourgeois. Es sei ihm wichtig gewesen, einen solchen Winkel der Stadt der Liebe zu beleuchten. Eine doppelbödige Gegend mit einem allgemein eher schlechten Ruf. "Ich wollte zeigen", so Klapisch, "dass diese Orte lebenswert sind und nicht so gefährlich, wie es in den Medien oft dargestellt wird!"

Über den Dächern von Paris

Ein Interview kann zum Selbstgespräch werden, muss aber keine Einbahnstraße sein. Der Filmemacher hört aufmerksam zu, als ich ihm gestehe, dass ich mich in seinem Werk oft an das Bad in einem See erinnert fühle. Einen Klapisch-Film zu sehen sei wie durch warmes Wasser zu schwimmen, plötzlich an eine eiskalte Stelle zu geraten und vom Seichten über tiefe Stellen zum anderen Ufer zu gelangen. Er nickt, als ich den kleinen Lebensmittelladen, der in Einsam zweisam das Zentrum des Pariser Viertels ausmacht, mit dem Copyshop aus meiner Nachbarschaft vergleiche – ein eher unvermuteter und unromantischer Ort realer zwischenmenschlicher Begegnungen. Das findet er interessant.

Bei den Ausflügen in die phantastische Welt von Tinder- und Facebook spart Cédric Klapisch nicht mit Humor. Es gibt in Einsam zweisam auch mal Dating-Slapstick. Aber da seine Drehbücher keine oberflächlichen Verabredungen mit den Figuren sind, führt er weder Rémy oder Mélanie, noch echte Menschen, die sich von ihnen repräsentiert fühlen könnten, an irgendeiner Stelle des Films vor. Stattdessen nimmt er sie an die Hand und begleitet sie zum Therapeuten. Neben weiteren Anspielungen auf das gegenwärtige Frankreich, haben diese Besuche von Mélanie und Rémy beim Psychologen für Klapisch eine echte politische Dimension. "Es notwendig und keine Schande, über die eigene Lebenslage zu sprechen." Ob er als Regisseur ein Therapeut sei oder die Kunst für ihn selbst eine Therapie darstelle, vermag Cédric Klapisch nicht eindeutig zu beantworten. Aber er gibt mir in jedem Augenblick unserer Begegnung das Gefühl, diese Worte hier nicht alleine schreiben zu müssen.

WF

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