Karl Lagerfeld ist eine ebenso bekannte wie unergründliche Figur, das macht ihn zum idealen Objekt der posthumen filmischen Würdigung. Die vierteilige Doku-Serie Lagerfeld: Ambitions erzählt die Geschichte seines Werdegangs in je einstündigen Episoden. Sie rekapituliert den Weg vom jungen Designer, dessen Stern in der Branche fast zeitgleich mit dem eines Yves Saint Laurent aufging, bis hin zum Popstar-Image des weißhaarigen Sonnenbrillenträgers mit Pferdeschwanz (und zur Zeit großer "Gewichtsprobleme" auch gerne mit Fächer). Ein Bild, das wohl die meisten mit ihm verbinden. Auch über Lagerfelds Herkunft aus gutem hanseatischen Hause, die Kindheit während der letzten Kriegsjahre und die spezielle Beziehung zur Mutter erfahren wir einiges.
Lager, Lager, Lagerfeld: Der Workaholic trank nicht mal Alkohol © Studiocanal
Unzählige Wegbegleiter vom Bodyguard bis zu Pharrell Williams kommen zu Wort und schildern ihre Erlebnisse mit Lagerfeld. Während die "sprechenden Köpfe" der Doku einen recht konventionellen Touch verleihen, auch wenn es in diesem Kontext schon besonders interessant ist, wie sie sich so kleiden und vor der Kamera geben, zeichnen faszinierende Archivaufnahmen und die dazugehörigen Storys bald eine unerwartet komplexe Skizze von Lagerfelds Persönlichkeit. Man könnte ihn als Menschen definieren, der einen goldenen Käfig um sich herum baute, in diesem Gefängnis aber nicht allein sein wollte. Lagerfeld pflegte seine Spleens so sorgsam wie seine Garderobe und konnte richtig fies sein, doch erwies er sich oft genug als großzügiger und herzlicher Teamplayer.
Karl Lagerfeld, so lernen wir, verfügte über ein unvergleichliches Talent beim Entwerfen von Mode. Seine Zeichnungen waren derart akkurat, dass man die Kleidung nach ihren Vorgaben schneidern konnte. Lagerfeld besaß außerdem eine Gabe für die Fotografie und hatte einen so ausgeprägten Sinn für die Vermarktung, dass man ihn als Influencer weit vor der Erfindung der sozialen Medien bezeichnen kann. Chanel erweckte er als Label wieder zum Leben, gewisse Models wie Claudia Schiffer sind bis heute fest mit seinem Namen verbunden. Modeschauen inszenierte er mit einer riesigen Freude am Bau ausgefeiltester Kulissen. Kritik am Geniekult hin oder her, seine Fähigkeiten waren außergewöhnlich.
In einigen künstlerischen Facetten seiner Arbeit und in der Selbstdarstellung war er Andy Warhol durchaus ähnlich, spielte sogar in einem von Warhols Filmen mit. Allerdings mokierte sich der hedonistisch bewanderte, calvinistische Workaholic, der nicht mal Alkohol trank, über Mode im Museum, wie sein ewiger Konkurrent Yves Saint Laurent sie zelebrierte. Für Lagerfeld gehörte die Mode aufs Papier, auf den Laufsteg, auf den Körper, in den Schrank. Im Frühjahr dachte er schon wieder an den Herbst. Seine eigene Sammelleidenschaft rührte nicht vom Streben nach Musealisierung her, Lagerfeld ging einfach leidenschaftlich gerne shoppen. Er shoppte nicht nur Gegenstände aus dem von ihm geliebten 18. Jahrhundert oder gab Unsummen für Klamotten aus, er hamsterte auch Wohnungen und Schlösser.
Die Liebe seines Lebens ist einer der tragischen Aspekte der Geschichte, der zwischenzeitliche wirtschaftliche Misserfolg und seelische Zusammenbruch gehört in so einer Vita wohl dazu. Daneben gibt es Passagen zum Staunen, zum Schmunzeln, zum Lachen. Am Ende sind es nicht nur einige der Protagonist*innen vor der Kamera, die mit den Tränen zu kämpfen haben, als sie von den letzten Tagen Lagerfelds erzählen, man erwischt sich selbst dabei, wie man von einer seltsamen Traurigkeit erfasst wird. Karl Lagerfeld steht in diesem Porträt für etwas, dem der Begriff Lifestyle nicht gerecht wird – in seiner alles andere als oberflächlichen Haltung wirkt so anziehend wie liebenswert.
WF