Nicolas Roeg: Sein phantastisches Wesen

Er wurde 90 Jahre alt und prägte nicht nur die 1970er-Jahre mit seinen außergewöhnlichen Filmen. Zum Tod des britischen Regisseurs.

Filmgeschichten 01. Januar 2019

Die US-amerikanische Publizistin Susan Sontag beschrieb 1995 in ihrem Essay "Ein Jahrhundert Kino" den scheinbar konsequenten Niedergang der Kunstform. Die Kino-Geschichte ähnele "einem Lebenszyklus: unvermeidlich die Geburt, dann die beständige Anhäufung von Ruhmestaten und im letzten Jahrzehnt das Einsetzen eines schimpflichen irreversiblen Verfalls."

Allerdings wollte Sontag auch nicht zu kulturpessimistisch argumentieren und schloss die Betrachtung daher indirekt mit einer Forderung an zeitgenössische sowie zukünftige Filmemacherinnen und Filmemacher: "Das bedeutet nicht, daß es keine neuen Filme mehr geben wird, die man bewundern kann. Doch solche Filme werden nicht lediglich Ausnahmen sein; das gilt für große Leistungen in jeder Kunst. Sie werden historische Verletzungen der Normen und Verfahrensweisen sein müssen, die heute das Filmen überall … bestimmen." Wenn es also zum Tabu wird, die Regeln des Marktes zu brechen, meinte Sontag unmissverständlich, dann sollten bewunderungswürdige Filmproduktionen diesen Regelbruch und seine Folgen nicht nur miteinkalkulieren. Nein, sie sollten den Bruch in ihren Arbeiten bestenfalls zur Regel machen.

Ein Urlaub in Venedig könnte nach Wenn die Gondeln Trauer tragen ein ähnlich grenzwertiges Erlebnis sein wie ein Strandurlaub nach dem Genuss von Spielbergs Der weiße Hai

Den 1928 geborenen britische Filmemacher Nicolas Roeg hätte Susan Sontag dazu nicht zwei Mal auffordern müssen. Roegs jederzeit unangepasstes Werk zählt heute zu den großen Wundern der Filmgeschichte. Roeg drehte Filme, die man allerdings erst mit gewisser Verzögerung bewundert, nämlich sobald sich das mulmige Gefühl gelegt hat, im Kino (oder daheim auf dem Sofa) in eine befremdlich andere Welt entführt worden zu sein. Man kommt sich fast so vor, als hätten Außerirdische einen in ihr Raumschiff verfrachtet – und die Nachbilder der gerade erlebten Roegschen Filmhandlung veranschaulichten die Erinnerung an diesen unwirklichen Trip.

Roeg One: Die eigene Handschrift

1970 kam Nicolas Roegs Debüt Performance in die Kinos. Zuvor war er als Kameramann tätig gewesen und hatte neben vielen weiteren prägenden Set-Erfahrungen auch den Job als lichtsetzender Kameramann in der Produktion von David Leans Lawrence von Arabien im Portfolio. Mit Performance führte Roeg dann seine eigene Handschrift ein, obwohl er neben Drehbuch-Autor Donald Cammell lediglich als Co-Regisseur verantwortlich zeichnet. Performance, mit Mick Jagger in einer der Hauptrollen, war bereits zwei Jahre zuvor entstanden, kann deshalb im Kontext der gesellschaftlichen Tumulte des revolutionären Jahres 1968 gesehen werden. Aber man kann den Film über Freaks und Gangs sowie deren Lust an Drogen und Sexualität heute ebenso gut als experimentelles Filmmärchen auf sich wirken lassen, ohne nebenher Geschichtsbücher zu wälzen. Der phantastische Soundtrack mit Songs von Randy Newman, Ry Cooder oder Merry Clayton allein sorgt für Erfahrungen, die andere erst nach einem Ausflug in die Pilze sammeln.

David Bowie als Alien im Pyjama

Im Laufe der kommenden sechs Jahre produzierte Roeg die stilbildenden Filme Walkabout, Wenn die Gondeln Trauer tragen und Der Mann, der vom Himmel fiel. Letzterer kommt der oben erwähnten Entführung durch Außerirdische am nächsten. Schließlich geht es vordergründig um einen Alien, der sein Dasein auf der Erde fristen muss. Niemand sonst hätte diese Rolle so genial besetzen können wie der aufkommende Superstar David Bowie. Dessen menschliche Existenz verschwand damals auch abseits des Kinos allmählich hinter einer glamourösen und respekteinflößenden Bühnenfigur. Das surreale Wesen seines merkwürdigen Filmcharakters verkörperte er also geradezu authentisch. Der Film scheint heute besonders extravagant, aber Roeg erzeugt in all seinen "Geschichten" eine seltsame Atmosphäre, die sich über alles "Vordergründige" hinweg ins Unbewusste des Publikums schleicht.

Seine Daphne Du Maurier-Verfilmung Wenn die Gondeln Trauer tragen, mit Julie Christie und Donald Sutherland, darf man als einen der unheimlichsten Kinofilme aller bisherigen Zeiten bezeichnen. Ein Urlaub in Venedig könnte nach der ersten Sichtung für die betroffenen Zuschauer ein ähnlich grenzwertiges Erlebnis sein wie ein Strandurlaub nach dem Genuss von Spielbergs Der weiße Hai. Es scheint unmöglich, sich der gruseligen Wirkung zu entziehen. Wenn die Gondeln Trauer tragen ist ein wahrhaftiger Alptraum so wie Roegs Walkabout ein echter "Selbsterfahrungstrip" ist.

Die unheimlichste Gondel ganz Venedigs

Ja, man könnte es überhaupt als das phantastische Wesen der von ihm entworfenen Filmwelten bezeichnen: Nicolas Roeg packt das Unbewusste in krasse Bilder (und meist wenige Worte), die sich mittels drastischer Schnitte wiederum an das Unbewusste in uns wenden. Dabei sind Roegs Filme realistisch genug, um an Freuds spöttischen Kommentar über esoterische Praktiken zu erinnern. Er tauche so oft ab in die Untiefen der menschlichen Seele, schrieb der große Psychoanalytiker mal, da müsse er ab und zu an die Oberfläche kommen, um Luft zu holen. Bei aller beinahe überirdischen Schönheit und unter die Haut gehen Psychologie, stellen Roegs Filme keine Weltflucht dar. Sie handeln von der Gesellschaft, gegen deren Normen sie sich wenden, indem sie die von ihr verursachten Wunden aufreißen. Das nennt man große Kunst.

Immer wieder Sontag

Wenn man von den Filmen Nicolas Roegs spricht, geht es deswegen niemals um oberflächliche Versuche, es dem Massengeschmack recht zu machen. Zu den Vorzügen, Risiken und Nebenwirkungen dieser künstlerischen Vorgehensweise lesen Sie bitte selbst Susan Sontag. Um aus einem traurigen Anlass noch mal deren Optimismus zu zitieren: Natürlich werden weiter wagemutige Filme gemacht, die man uneingeschränkt bewundern kann. Allerdings wird Nicolas Roeg, zu dessen weiteren Ruhmestaten unter anderem Black Out – Anatomie einer Leidenschaft mit Art Garfunkel und Theresa Russell sowie Castaway – die Insel mit Amanda Donohoe und Oliver Reed gehören, dazu keinen Beitrag mehr leisten. Er ist am 23. November 2018 gestorben. Sein Werk wird man vermutlich in hundert Jahren noch nicht wirklich verstehen, aber hoffentlich immer noch auf sich wirken lassen, um das echte Leben besser zu begreifen. Vorausgesetzt, die Filmkultur lebt dann noch.

WF

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