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Bis an die Grenze: Die Nagelprobe

Anne Fontaine inszeniert einen Polizei-Thriller über eine Abschiebung. Auf intensive Weise setzt sie sich mit den Figuren auseinander und schafft so ein Meisterwerk des Genres sowie einen hochpolitischen Film. Jetzt als Video on Demand.

07. Januar 2022

"Wenn dieser Mann in seine Heimat zurückkehrt, wird er möglicherweise getötet", sagt die Polizistin Virgnie zu ihren beiden Kollegen. Zu dritt begleiten sie den Asylsuchenden Tohirov zum Flughafen, der aus Frankreich nach Tadschikistan abgeschoben werden soll. Normalerweise übernimmt ein Sicherheitsdienst diese Aufgabe, doch es gab einen Brand in jenem Lager, aus dem Tohirov deportiert wird, deshalb müssen die Polizist*innen einspringen. Virginie, Aristide und Erik melden sich freiwillig zu diesem Einsatz. Dafür gibt es persönliche Gründe, weil sie in dieser Nacht alle lieber arbeiten wollen als nach Hause zu gehen. Doch sie haben unterschätzt, welch einschneidende Erfahrung der Trip zum Flughafen wird. Statt der Wirklichkeit zu entkommen, wird das Trio tiefer in sie hineingezogen.

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Regisseurin Anne Fontaine verfilmt mit Bis an die Grenze einen Roman des Autors Hugo Boris aus dem Jahr 2016. Ihr Film beginnt mit der Schilderung eines Tages im Leben der drei Polizist*innen aus ihren jeweiligen Perspektiven. So bekommen diese Figuren trotz oder gerade wegen des Rahmens des Polizeifilm-Genres – wir kennen dessen Vorzüge und Nachteile etwa von unserer sonntäglichen Hoffnung auf einen guten Tatort –, eine ungeahnte Tiefe. Eriks Ehe ist kaputt, er neigt zum Alkohol und verströmt eine latente Neigung zur Gewalt, auch wenn man gleich hofft, dass er irgendwie zu den Guten gehört. Eine Hoffnung, die vor allem im zweiten Teil des Films auf die Nagelprobe gestellt wird. Virginie und Aristide verbindet noch eine ganz andere Problematik: eine Affäre. Virginie hat Aristide just gestanden, dass sie ein Kind von ihm erwartet und am nächsten Morgen der Termin für die Abtreibung bevorsteht.

Große schauspielerische Leistung von Omar Sy, Virgnie Efira, Grégory Gadebois und Payman Maadi.

In dieser Konstellation machen sich Erik, Virginie und Aristide also auf den Weg zum Flüchtlingslager, wo die wie die Tiere eingesperrten Refugees und das tobende Chaos wegen des Feuers sichtlich Eindruck auf Virginie machen. Ein Szenario, bei dem Filmemacherin Anne Fontaine zugleich auf den Realismus vertraut, mit dem sie die packende Geschichte inszeniert, als auch eine impressionistische Note einbringt, über die sie im Folgenden auch immer wieder Tohirovs Leid ins Bild setzen wird. Das wird die meisten Zuschauer*innen nicht kalt lassen, ohne dass auf die Tränendrüse gedrückt wird. Aber pure Verzweiflung hat man in einem Film lange nicht mehr so deutlich gespürt. Tohirov spricht kein Französisch, auch auf die englischen Brocken reagiert er nicht, die seine Begleiter*innen ihm etwas unbeholfen zuwerfen, während sie miteinander diskutieren. Können Sie es verantworten, ihn in den Tod zu schicken? Und was geht in ihm vor?

Gesprächsbedarf am Flughafen © Studiocanal

Gesprächsbedarf am Flughafen © Studiocanal

Der subtile Einsatz der Filmmusik, die knappen aber treffenden Dialoge und die eindrucksvollen Szenen, die eine geradezu politisch aufgeladene Emotionalität zum aufrüttelnden Schlag in unsere Magengrube komprimieren, machen Bis an die Grenze zu einem außergewöhnlich starken Film über ein Thema, das schwer einzufangen ist. Doch in ihrer Unterschiedlichkeit kommen hier alle vier tragenden Charaktere des Krimis, der sich zu einem hochspannenden Kammerspiel entwickelt, ohne auf spektakuläre Effekte zu setzen, zu ihrem Recht. Fontaine nimmt Erik, Virginie und Aristide sowie ihre Beweggründe ernst und forscht mit ihnen nach Lösungen, die sie nicht mehr Teil des Problems sein lassen. Tohirov mag stumm bleiben, doch spricht sein Verhalten Bände. Eine große schauspielerische Leistung der vier Darsteller*innen Omar Sy, Virgnie Efira, Grégory Gadebois und Payman Maadi.

Die Frage nach einem Happy End erübrigt sich. Diese Geschichte mag einmalig gut erzählt sein. Doch Fälle wie die des Tohirov, in denen keine Polizistin wie Virginie die Akte liest, in der die Folterungen geschildert sind, die ihn flüchten ließen, gibt es in Wirklichkeit zahllose. "Wenn dieser Mann in seine Heimat zurückkehrt, wird er möglicherweise getötet". Ein Satz, der vielen wieder ins Gedächtnis rücken dürfte, sobald in den Nachrichten von Abschiebungen die Rede ist – und somit stellt Bis an die Grenze auch das Gewissen des Publikums ganz ohne moralischen Zeigefinger auf die Nagelprobe. Mit einem echten Thriller.

WF

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