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Die ersten 20 Minuten von Trafic – Tati im Stoßverkehr (und was wir darin über die Zukunft lernen)

Der ARTHAUS-Liveticker schaut sich Meisterwerke ganz genau an. Diesmal Jacques Tatis letzter Monsieur Hulot-Film, der vor 50 Jahren in die Kinos kam.

16. April 2021

01. Minute
Erstes Indiz, dass Jacques Tati 1971 seiner Zeit voraus war: "Les Films Corona Présentent". Und dann natürlich der unvermeidlich Hinweis auf die berühmte Kunstfigur »Mr. Hulot«. Die wurde hier wiederbelebt, weil Tati nach Playtime ziemlich Pleite war.

02. Minute
Die Montagearbeit in der Altra-Autofabrik läuft wie am Schnürchen. Tati, der wahrlich nicht am Fließband produzierte, spart sich die komischen Situationen für später auf. Er ist ja kein Chaplin-Epigone.

03. Minute
Die industrielle Fertigung scheint den detailversessenen Tati zu faszinieren. Endlich rollen die Autos aus der Fabrik. Auf dem Parkplatz bietet sich ein Bild der einförmigen Massenkultur. Zufall, dass im Firmennamen Altra das französische Wort für Kunst steckt?

04. Minute
Schon widmet sich Tati der Kulissenhaftigkeit der Welt. Für Playtime ließ er noch eine ganze Filmstadt bauen. Hier reichen ein paar Handgriffe und Alltagstanzschritte beim Aufbau der Messe. Als wollte Tati sagen: Alles nur Theater, auch das echte Leben.

05. Minute
Nach dem latenten Anschwellen des für Tati so typischen babylonischen Sprachgewirrs und dem lässigen Absinken eines Citroëns in Parkposition: Monsieur Hulot tapst ins Bild. Dieser Typ, der einfach immer so aussieht, als hätte er sich gerade verlaufen.

Die nackte Messehalle © Studiocanal

Die nackte Messehalle © Studiocanal

06. Minute
Die Maschine läuft wie gesehen gut geölt, das Drumherum ist ein einziges Durcheinander. Die Planungen für die Automesse – für Laien wie uns echt undurchschaubar – sind bis in jede kleinste Bewegung ein Meisterwerk der komischen Filmkunst.

07. Minute
Echtes Handwerk übersetzt Tati mit angewandter Klugheit. Die Schubladentreppe ist das schönste Beispiel. Für die PR-Abteilung, vermutet man, hege er weniger Sympathien. Aber das stimmt nicht. Tati nimmt bloß alles sehr ernst, und das macht es so witzig.

08. Minute
Auch Telefonieren kann verdammt lustig sein! Vor 50 Jahren war noch jedes Gespräch ein Abenteuer. Und Monsieur Hulot arbeitet? Mais oui. Der ewige Müßiggänger muss ja Tatis Rechnungen bezahlen.

09. Minute
Der Messestand der Firma Altra ist fast fertig. Das Herrichten ein Genuss. Aber wird man das Automodell vor lauter Bäumen sehen?

10. Minute
Die Klingel schellt zur Pause, alle Beschäftigten lassen sich überreden weiter zu werkeln. Schnitt. Schon ist es Nacht, drinnen brennt noch Arbeitslicht. Die Silhouetten der Angestellten bedeuten aus heutiger Sicht: Die 24/7-Gesellschaft wirft ihre Schatten voraus. Tati ist hier ein geradezu prophetischer Film gelungen. Jetzt schon.

Der Stunt mit dem Rad © Studiocanal

Der Stunt mit dem Rad © Studiocanal

11. Minute
Nun soll der ganze Kram in dem kleinen Laster zur Messe nach Amsterdam? Das kann heiter werden! Ja, ein Feuerwerk subtilen Slapsticks ist bei Monsieur Hulot garantiert. Eigentlich kein Wunder, dass die Produzenten Tati nur Geld für einen Hulot-Film geben wollten.

12. Minute
Hulot stürzt sich also endlich in jenes Getümmel, das der Titel Trafic – Tati im Stoßverkehr verspricht. Und zwar mit einem veritablen Baumstamm auf dem Autodach. Die buchstäbliche Last der Inszenierung – und das beste Symbol für absurde Zeiten.

13. Minute
Einfache Ideen sind oft die besten. Die Geschichte ist einfach lebensnah: Der Laster hat ziemlich schnell einen Platten. Aber Hulot ist ja direkt dahinter und eilt zu Hilfe. Die Szene, in der er das Rad wechselt, zählt zu den besten und waghalsigsten Stunts der Filmgeschichte.

14. Minute
Tati denkt an alles. Der Halt an der Autobahnraststätte darf nicht fehlen. Eine faszinierende Parallelwelt. Damals wie heute. Manche Dinge ändern sich eben nie.

15. Minute
Der allmähliche Aufbau der Messe. Allein dem könnte man anderthalb Stunden lang zugucken. Tati zeigt ihn mit grandioser Beiläufigkeit. Davon haben sich Legionen von Zivilisationsaufbau-Computerspiel-Programmierern inspirieren lassen.

Die Ordnung der Dinge © Studiocanal

Die Ordnung der Dinge © Studiocanal

16. Minute
Wir lachen immer noch über den Senf, der beim Biss des Arbeiters in den Hot Dog durch die Gegend spritzt. Der Altra-Laster muss seine Fahrt derweil wieder unterbrechen. Diesmal ist der Sprit alle.

17. Minute
Pfeife im Mund, Kanister in der Hand. Hulot is walking gasoline.

18. Minute
Haha, der Senf! Aber okay, die Verfolgungsjagd mit dem anderen Typen, der zufällig auch mit einem Kanister in der Hand unterwegs ist, um sich Kraftstoff zu besorgen ist natürlich ebenso genial.

19. Minute
Tati schenkt dem Auto als Ausdruck des technologischen Fortschritts eine schon fast zärtliche Aufmerksamkeit – in allen möglichen Aggregatzuständen. Auch in Form einer ausgehöhlten Rostlaube, die auf dem Land ihr Gnadenbrot frisst.

20. Minute
Die Tankstelle als romantische Oase. Dass Hulot hier tatsächlich Benzin abfüllt, um den Laster wieder in Schwung zu bringen, wird einem in 50 Jahren vermutlich am komischsten vorkommen. Ach ja, und was wurde eigentlich aus dem Baum? Na, mal schauen…

WF

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