Worte für die Ewigkeit: Bon anniversaire, Jacques Tati!

Am 9. Oktober 1907 wurde der 1982 verstorbene Tati geboren. Wir erinnern aus Anlass des Geburtstages an André Bazins unsterbliche Huldigung seiner Kunst.

Filmgeschichten 09. Oktober 2019

Es finden sich viele wahrhaft schöne Texte in André Bazins Standardwerk "Was ist Film?", darunter auch François Truffauts Einleitung zum Werk des "Literaten des Kinos", als welchen er Bazin bezeichnet. In seinen eigenen Worten wiederum würdigt Bazin kaum jemanden so leidenschaftlich und treffend wie Jacques Tati, dessen ureigene Komik in Filmen wie Mein Onkel, Parade, Tatis Herrliche Zeiten oder Tatis Schützenfest noch heute das Zwerchfell erschüttert und zugleich sämtliche Sinne schärft. Ganz besonders angetan zeigte sich Bazin von Die Ferien des Monsieur Hulot.

"Wie alle ganz großen Komiker schafft Tati ein Universum, bevor er uns zum Lachen bringt. Um seine Figur ordnet sich eine Welt, kristallisiert sich wie die gesättigte Lösung um das Salzkorn, das man hineinwirft. Gewiß, die von Tati geschaffene Figur ist komisch, doch fast nebenbei und in jedem Fall bezogen auf dieses Universum. Bei den komischsten Gags braucht Monsieur Hulot nicht einmal persönlich anwesend zu sein, denn er ist nichts anderes als die metaphysische Verkörperung einer Unordnung, die noch lange anhält, wenn er selbst schon wieder woanders ist."

Auf Jacques Tatis Spuren: Sein Monsieur Hulot sorgt auch ohne körperliche Anwesenheit für Unordnung…

Eine wundervolle Beschreibung, die Bazin noch einige Seiten lang ausführt, wobei ihm die passenden Gedanken nur so zuzufliegen scheinen, dabei ist Filmkritik harte Arbeit, vor allem wenn man sie mit einer solchen Genauigkeit betreibt. Man mag sich kaum vorstellen, welche Beobachtungen und Erkenntnisse wir André Bazin noch verdanken würden, wäre er älter als 40 Jahre geworden. Was Die Ferien des Monsieur Hulot angeht, stellt er unter anderem noch fest, welche Rolle die Kleinen im Großen und Ganzen spielen:

"Es ist bezeichnend, dass die einzigen zugleich anmutigen und durch und durch sympathischen Figuren des Films Kinder sind. Nur sie nämlich erfüllen keine 'Ferienpflicht'. Monsieur Hulot erstaunt sie nicht, er ist ihr Bruder, immer verfügbar, und kennt wie sie weder die falsche Schamhaftigkeit beim Spielen noch den unbedingten Vorrang des Vergnügens. Wenn sich zum Maskenball nur ein einziger Tänzer einfindet, dann ist es Monsieur Hulot, voller Gleichmut gegen die ihn umgebende Leere. Und wurde auf Anordnung des pensionierten Kommandanten ein Vorrat von Feuerwerkskörpern angelegt, so setzt das Streichholz von Monsieur Hulot die Zündschnur in Brand."

Danke, André Bazin, für diese großartige Hommage an Jacques Tati, der mit seinem Humor bis heute das Kind in uns weckt. Merci, Tati, für ein Lebenswerk, das noch immer Funken sprüht und weiter für fabelhafte Unordnung sorgt. Und wie jedes Jahr am 9. Oktober: Bon anniversaire!

Die Zitate stammen aus André Bazin, "Was ist Film?", herausgegeben von Robert Fischer, aus dem Französischen von Robert Fischer und Anna Düpee, mit einem Vorwort von Tom Tykwer und einer Einleitung von François Truffaut, erschienen im Alexander Verlag Berlin

WF

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