Bruno Ganz: Zielgerichtete Verlorenheit

Der Schweizer war einer der großen deutschsprachigen Schauspieler seiner Zeit. Eine Würdigung.

Filmgeschichten 21. Februar 2019

Bruno Ganz wurde 1941 in Zürich geboren und starb dort im Alter von 77 Jahren. Hierzulande erreichte seine Berühmtheit als Schauspieler einen neuen Grad durch die Rolle des Adolf Hitler in Der Untergang. Ausgerechnet das Nazi-Drama. Dabei hatte es Ganz ursprünglich zum Theater hingezogen, weil ihn jüdische Schauspieler*innen aus Deutschland und Österreich faszinierten. Als Kind einer Italienerin und eines Schweizers wuchs er zweisprachig auf, erlernte das Hochdeutsche jedoch nur auf Grund der beruflichen Ambitionen. Bruno Ganz fand schließlich seinen Weg auf die Bühne des Theaters, wo aus dem vermeintlichen Handicap eine reizvolle Eigenart wurde. Der Regisseur Peter Stein, mit dem er in den 1960er-Jahren an der Berliner Schaubühne zusammenarbeitete, mochte jenen Aspekt der Ganzschen Sprachmelodie sehr, die für den Künstler selbst stets einen Versuch darstellte, die schweizerdeutsche Mundart zu überwinden. Noch mit über 70 bekannte der Schauspieler in einem Interview, er bewundere junge deutsche Darsteller dafür, wie schnell sie reden könnten.

Das Herz eines Charkterdarstellers

Aber ein Schauspieler muss nicht viel reden, um das Publikum in seinen Bann zu ziehen – das gilt insbesondere für einen außerordentlichen Könner wie Bruno Ganz. Eine weitere Paradoxie seiner Hitler-Interpretation aus dem Jahr 2004 ist ja, dass er als Charakterdarsteller diesen Mann ohne Charakter überhaupt verkörperte. Letztlich rüttelte die akzentfreieste darstellerische Leistung seiner Laufbahn vermutlich die schweizerische Seele in ihm wach. Ganz hatte als junger Mann der Gesellschaft seines Geburtslandes nicht viel abgewinnen können. Er bevorzugte Deutschland. Später erklärte er allerdings, dass Heimat für ihn der Ort sei, an dem er seine Kindheit verbracht habe. Dabei könnte man von einem Weltbürger und Genie des Kinos sowie der Bühne doch annehmen, dass er die Heimat zwischen den Brettern des Theaters und den Kameras der Film- und Fernsehwelt verortet. Andererseits hinterließ Ganz in allen Rollen diesen ambivalenten Eindruck, so als gehe er vollkommen darin auf und behalte sich dennoch ein gutes Stück Intimität im Herzen. Ein Geheimnis, das er womöglich selbst nicht ergründen konnte.

Ganz oben, ein Engel. Unter ihm die Menschheit und die Liebe.

Der Himmel über Berlin

Bruno Ganz traf immer wieder auf starke Persönlichkeiten, die von seiner Ausstrahlung fasziniert waren. Ähnlich wie mit Peter Stein verband ihn auch mit Wim Wenders eine spezielle Beziehung. Darum hat sich eine zweite Rolle fest im kollektiven Gedächtnis eingeschrieben, die sowohl ein bestimmtes Deutschlandbild als auch einen starken Eindruck seiner Darstellungskunst vermittelt. In Wenders' Der Himmel über Berlin, gedreht 1987, spielt Ganz den Engel Damiel, der für die Liebe auf Erden seine Unsterblichkeit aufgibt. An anderer Stelle hat Ganz mal davon gesprochen, wie oft er sich frage, was von einer Rolle übrig bleibe – nach Ende der Vorstellung oder der Dreharbeiten. Da sei mitunter alles wie weggeblasen, die Beschäftigung mit bestimmten Figuren arbeite jedoch lange in ihm weiter. Dieser melancholische Engel, der ohne Pathos zum Menschen wird, gehört zu den von ihm geschaffenen Leinwandwesen, deren letzte Geheimnisse einen als Zuschauer kaum mehr loslassen.

Der amerikanische Freund

Unvergessen ist Bruno Ganz auch als Jonathan Zimmermann aus Wenders' Der amerikanische Freund. Dennis Hopper spielt darin Ripley, der in mehreren Romanen der Krimiautorin Patricia Highsmith vorkommt. In dieser Geschichte nutzt er es aus, dass jener Zimmermann an Krebs erkrankt ist. Ripley bewegt ihn zu einem Auftragsmord, mit dessen Entlohnung er die Zukunft seiner Familie sichern könnte. Höhepunkt des Films: eine Verfolgungsjagd durch die Pariser Metro. Zimmermann/Ganz ist seinem Opfer auf den Fersen. Es scheint unklar, ob er sich zu der Tat hinreißen lässt. Aber eine Szene vom Anfang könnte man als dezenten Hinweis verstehen. Zimmermann sitzt abends am Bett seines Sohnes, das Licht ist bereits ausgeknipst, die väterliche Präsenz jedoch spürbar. Man merkt gleich, dass dieser Mann für sein Kind alles tun würde. In beiden Situationen bestimmt Ganz' feinfühliges Spiel die Wahrnehmung. Eine Art zielgerichtete Verlorenheit.

Eiskalter Killer oder liebender Familienvater?

Messer im Kopf

Seit 1960 wirkte Bruno Ganz abseits der Bühnentätigkeit in unzähligen Kino- und TV-Produktionen mit. Ein weiterer Grund, warum man den Schweizer eng mit deutschen Verhältnissen assoziiert, ist Reinhard Hauffs Spielfilm Messer im Kopf von 1978. Er brilliert da als Typ, der durch Polizeigewalt seiner Persönlichkeit beraubt wird. Dieser Hoffmann gilt als Terrorist. Zu jener Zeit herrschte in Deutschland eine geradezu paranoische Stimmung, ausgelöst durch die jahrelange Fahndung nach Mitgliedern der RAF. Hoffmann – sowohl sein früheres Ich, das Umgang mit Radikalen pflegte als auch sein kindlicher Bewusstseinszustand der Gegenwart –, ist eine Paraderolle für Ganz. Beinahe wie ein Alien wirkt er im Krankenhausbett, mit Verband um den Kopf, und muss alles neu lernen. Die Gesellschaft ist nicht zimperlich, er gilt als „politischer Fall“. Es geht für Hoffmann darum, unter diesen, ja unter allen Umständen Mensch zu werden. Das hat er mit dem Engel aus Der Himmel über Berlin gemeinsam.

Die Vergangenheit klopft an die Tür

2017 kehrte Bruno Ganz in dem Film In Zeiten des abnehmenden Lichts zurück zum Ende des Kalten Kriegs – ins Jahr 1989. Er spielt den Stalinisten Wilhelm Powileit, an dessen 90. Geburtstag die Vergangenheit als ungebetener Gast auf der Party erscheint. Ganz’ einnehmende Ausstrahlung verblüfft, womöglich beschleicht ihn selbst eine Vorahnung, wenn nicht gar Gewissheit, dass die eigenen Tage bald gezählt sein könnten. Für diese bewegende Darstellung und für so viele weitere Momente, die noch lange in einem weiterarbeiten, bleiben Bruno Ganz und die ihm eigene Melancholie in Erinnerung. Wie kann man dafür die passenden Worte finden? Wir sagen es auf Schweizerdeutsch: "Merci vilmal!"

WF

Filme zu diesem Thema

Weitere Artikel zum Thema

    Top 5: Fellinis Fans und Freunde

    Der italienische Regisseur gilt zu Recht als einer der Größten seines Faches. Wir werfen einen Blick auf die bekanntesten Fans und Freunde Federico Fellinis und ihre Meinung über ihn.

    Mit Mary Ellen Mark am Set von Apocalypse Now

    Zum Kinostart von Apocalypse Now - Final Cut erinnern wir an die amerikanische Fotografin Mary Ellen Mark, die die Dreharbeiten in einer Ästhetik dokumentierte, die an reale Kriegsfotografien aus der Zeit erinnert.

    Fitzcarraldo: Dschungelfantasien...

    Ein Film, viele Geschichten: Werner Herzog, Klaus Kinski, das Schiff im Dschungel und zahlreiche Mitwirkende, die zum Äußersten bereit sein mussten.

    Kategorien

    Arthaus Stores

    Social Media