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ARTHAUS INHAUS: Zazie in der Metro von Louis Malle

In dieser Rubrik stellen die Mitarbeiter*innen von ARTHAUS in persönlichen Texten ihre liebsten Filme vor. Heute: Zazie in der Metro, empfohlen von Matthias Meinhardt. Dem "Sales Manager Theatrical Distribution Germany" im Hause begegnete der Klassiker zum ersten Mal auf einem Schwarz-Weiß-Fernseher der russischen Marke Junost.

PersönlichesFilmgeschichten 20. Oktober 2020

Hallo zusammen et bonjour! Ich empfehle heute einen "Franzosen" – aber das liegt ja auch irgendwie nahe in einer Firma mit französischer "Mutter".

Wo fange ich nur an? Vielleicht in grauer Vorzeit? Also, damals, in einem Land vor unserer Zeit, (in welchem auch unsere Kanzlerin aufgewachsen ist) wurde sehr, sehr viel gelesen. Manche nannten dies geistige Republikflucht, andere schlicht und einfach Lesehunger. Es muss Anfang der Achtziger Jahre gewesen sein, als mir ein unscheinbares Büchlein der schwarz-weiß designten Kultbuch-Reihe "Spektrum" in die Hände fiel. Es sollte sich laut Klappentext um einen "modernen Klassiker" handeln, war von Raymond Queneau, 1959 erstmals erschienen und hieß Zazie in der Metro.

Rein handlungstechnisch werden darin die turbulenten Erlebnisse eines ungefähr 10-jährigen Mädchens aus der Provinz erzählt, welches seinen Onkel in Paris besucht. Sonderlich aufregend klang das für mich nicht gerade… Aber schon nach wenigen Seiten war mir klar, welch literarische Sensation dieser Text am Ende der 50er Jahre gewesen sein musste. Irgendwo zwischen Surrealismus, Sprachexperimenten und diversen Absurditäten angesiedelt, machte es einfach Spaß, dieser Wortakrobatik zu folgen.

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Umso erstaunter war ich, als schon nach Jahresfrist – das öffentlich-rechtliche Fernsehen befand sich noch nicht im Würgegriff der Volksmusikzombies – eines späten Abends im "ARD Filmfestival" (oder so ähnlich) ein Film namens Zazie in der Metro angekündigt wurde. Eine Verfilmung dieser literarischen Extravaganz konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Und so saß ich dann vor unserem kleinen schwarz-weiß TV der russischen Marke Junost und durfte verfolgen, zu welch überbordender Kreativität die französische Nouvelle Vague bereits 1960 fähig war.

Mehr als 30 Jahre später begegnete mir der Film quasi "beruflich" in unserem Hause wieder und erst vor kurzem habe ich ihn – nun auch in Farbe und quasi im "Largeformat" – wiederentdeckt. Und wundersames geschah, denn der Film ist noch immer von unglaublicher Frische.

Das gewinnende Grinsen der Catherine Demongeot, die als Zazie ihr Leinwand-Debüt gab. © Studiocanal GmbH

Das gewinnende Grinsen der Catherine Demongeot, die als Zazie ihr Leinwand-Debüt gab. © Studiocanal GmbH

Louis Malle hatte alles richtig gemacht: Angefangen von seinen Hauptdarsteller*innen, der umwerfenden Catherine Demongeot und dem damals noch am Anfang seiner Karriere stehenden Philippe Noiret, der zuweilen surrealen Bebilderung von Paris, dem abstrusen, immer wieder Haken schlagenden Humor und und und...

Und ich denke, um das Ganze für euch noch etwas interessanter zu machen, sind klitzekleine Spoiler erlaubt: Allein ob der Tätigkeit, welcher Zazies Onkel allabendlich nachgeht, standen der FSK der frühen 60er die Haare zu Berge; ganze Synchronpassagen wurden wegen "Sittenwidrigkeit" gestrichen oder erneuert. Achtet mal auf Zazies Muschelessen mit einem als "Sittenstrolch" verkleideten Polizisten (oder umgekehrt?) oder seht euch NACH dem Film im Internet mal an, an welchen Schauplätzen gedreht wurde (z.B. die wunderbaren Pariser Passagen!).

Ist der Polizist auf dem Beifahrersitz als Sittenstrolch verkleidet? Oder der Sittenstrolch als Polizist? © Studiocanal GmbH

Ist der Polizist auf dem Beifahrersitz als Sittenstrolch verkleidet? Oder der Sittenstrolch als Polizist? © Studiocanal GmbH

Ich glaube, dass man zu Louis Malle an dieser Stelle nichts weiter sagen muss, da hat Kollege "Wiki P." ohnehin ausreichend Infos zu diesem Ausnahmeregisseur. Außer vielleicht, dass es sehr erfreulich ist, fast sein gesamtes Oeuvre nun in unserem Katalog zu wissen.

Und wem Zazie in der Metro zugesagt hat, der sollte sich unbedingt seine gut 30 Jahre später entstandene Eine Komödie im Mai anschauen. Damit hätte ich gleich meinen zweiten Tipp verraten – falls ich noch mal in dieser Reihe zum Zug komme.

Ach ja, Metro fährt Zazie in diesem Film übrigens nicht. Warum? Das müsst ihr schon selbst rausfinden …

Die Fahrt mit der Metro erscheint im Vergleich zu diesem Fortbewegungsmittel recht konventionell. © Studiocanal GmbH

Die Fahrt mit der Metro erscheint im Vergleich zu diesem Fortbewegungsmittel recht konventionell. © Studiocanal GmbH

ARTHAUS Mitarbeiter Matthias Meinhardt, kurz vorgestellt:
 
An Bord seit: Mai 2003 – zuerst Kinowelt, dann Studiocanal
 
Was genau machst du bei ARTHAUS / Studiocanal? Mein Arbeitstitel lautet: "Sales Manager Kino für den Verleihbezirk München bzw. den Süden / Südwesten". Das bedeutet: Ich und meine Kolleg*innen sorgen dafür, dass die Erstauswertung unserer Titel, egal ob Mainstream oder Arthaus, in Deutschlands bestmöglichen Kinos stattfindet. Wir kämpfen also Woche für Woche um große Säle, gute Anfangszeiten und korrekte Platzierung.    
 
Dein schönster ARTHAUS-Moment? Persönliche, zum Teil sehr bier-und weinselige Begegnungen z.B. mit Volker Schlöndorff, Werner Herzog oder dem späteren Oscar Gewinner Gavin Hood (Tsotsi). Und natürlich unsere Filme, ganz gleich ob Classics oder neu.
 
ARTHAUS ist für dich ...?
Jim Jarmusch und Wim Wenders, Louis Malle und François Truffaut, Resnais und Werner Herzog, Pedro Almodóvar, Ethan Coen und Joel Coen. Kann beliebig fortgesetzt werden. Kino für Kopf, Herz und Bauch eben.
 
Du in drei Filmen?
Puh, schwer. Da muß ich mich auf Musik konzentrieren: Inside Llewyn Davis The CommitmentsStop Making Sense
 
Und ein Guilty Pleasure? Excalibur

Matthias Meinhardt

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