Der Kandidat: Der Strauß taugt nicht als Kanzler

Im Wahljahr 1980 produzierten vier deutsche Regisseure gemeinsam den Film Der Kandidat, um Franz Josef Strauß als Kanzler zu verhindern. Ein Blick auf ein faszinierendes Zeitdokument und die Frage: Wie sähe so was heute aus?

Filmgeschichten 27. August 2019

Der Kandidat ist ein seltsamer Dokumentarfilm. Und: Nicht unbedingt ein ausgewogener. Was ihn aber irgendwie erst recht faszinierend erscheinen lässt.

Ach, Sie merken schon: Es ist kompliziert.

Aber das war es damals schon. Wir schreiben das Jahr 1980, als sich vier Regisseure entscheiden, diesen Film gemeinsam anzugehen. Es ist die Zeit der neunten Bundestagswahl, die sich auf das Duell zwischen Herausforderer Franz Josef Strauß – damals bayerischer Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender – und dem amtierenden Kanzler der sozialliberalen Regierung, Helmut Schmidt, zuspitzen wird.

Vereinigte Willenskraft: Die Regisseure bei der Arbeit © Kinowelt GmbH

Die Vereinigung der Willenskräfte

Die vier Regisseure sind: Volker Schlöndorff (dank Die verlorene Ehre der Katharina Blum und Die Blechtrommel in aller Welt verehrt), Alexander Kluge (mit zum Beispiel Abschied von gestern stilbildend für den Neuen Deutschen Film), Stefan Aust (damals noch lange nicht Chefredakteur des "Spiegel", sondern Mitarbeiter von "Panorama" und geschätzter Handwerker des politisch-dokumentarischen Films) sowie Alexander von Eschwege (Assistent der großen Namen Schlöndorff, von Trotta oder Hauff, der gerade seinen ersten eigenen Fernsehfilm Der Tote bin ich vollendet hatte). Alexander Kluge sprach damals die schöne, viel zitierte Spitze: "Als Filmcharakter gefiel uns Franz Josef Strauß gut. Als Bundeskanzler fanden wir ihn unpassend." Aber Kluge stellte auch klar: "Es war aber nicht die politische Überzeugung (die wir auch durch Ausübung unseres Wahlrechts hätten ausdrücken können), sondern die Chance eines weiteren Kollektivfilms (also die Vereinigung der Willenskräfte), die zur Herstellung des Films führte." Damit bezieht sich Kluge auf den 1978 zum ersten Mal gezeigten Film Deutschland im Herbst, in dem sich gleich elf große Namen des Neuen Deutschen Films mit dem so genannten "Deutschen Herbst" und dem RAF-Terrorismus auseinandersetzen.

Irgendwann stand Strauß tatsächlich das Wasser bis zum Hals © Kinowelt GmbH

Ein Nahekommen aus der Ferne

Die vier Regisseure zielen mit verschiedenen Techniken auf ihr Sujet: Kluge nutzt die ihm eigene Montage-Technik, die seine Fans lieben und seine Kritiker in milden Momenten "schwierig" nennen. Stefan Aust und Alexander von Eschwege gehen es journalistisch-dokumentarisch an, erinnern mit vielen "Wochenschau"-Beiträgen an Skandale, politische Scheidewege und harte Reden von Strauß. Volker Schlöndorff hingegen versucht mit den Mitteln des Portraits und der Reportage Strauß nahezukommen.

Gerade dieses Nahekommen ist jedoch Kernproblem der Produktion – aber vielleicht am Ende auch das, was Der Kandidat so besonders macht. Denn natürlich weiß man, dass die vier politisch eher links denn rechts stehen. Warum sollte das Strauß-Team ihnen also Zugang gewähren? Der Kritiker Hans C. Blumenberg bringt diese Situation in seiner Kritik in "Die Zeit" vom 25.04.1980 gut auf den Punkt. Er schreibt: "Für einen Mangel an Ausgewogenheit schien also gründlich gesorgt, was auch die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten dazu bewog, für das Projekt keinen einzigen Meter Archiv-Material über Franz Josef Strauß herauszurücken. Man weiß ja schließlich, was sich gehört, also: wem man gehört. Auch die Partei des Kandidaten suchte das Schlimmste zu verhindern, ließ die Filmemacher gar nicht erst an ihren Mann heran. Bei einer öffentlichen Veranstaltung in Passau wurde Volker Schlöndorff vom Presse-Sprecher der CSU mit seiner Kamera des Saales verwiesen. Man hatte Angst vor diesem Film. Über Strauß sollte nur so geredet werden dürfen, wie im Fernsehen (und in fast allen Zeitungen) über Strauß geredet wird: moderat, abwiegelnd, auf eine Weise, die manche Leute staatsmännisch nennen."

Seine Reden sind noch heute als wortgewaltige Tiraden berüchtigt. Wie hält man dagegen? © Kinowelt GmbH

"Sich selber viele Bilder machen."

Aus dieser ungewöhnlichen Produktionslage kann eigentlich also nur ein wirrer, erhellender, hirnsprengender, den Geist der BRD einfangender, den Geist der BRD aus den Augen verlierender, informativer, szenischer, biografischer, journalistischer, angriffslustiger, manchmal aber auch Strauß gegenüber erstaunlich fairer Film entstehen. Eine eigentlich unmögliche Kombination, die man wahrlich gesehen haben muss. Es gibt in Der Kandidat Aufnahmen, die geradezu meditativ wirken, wie der Anfang des Filmes, als man an einem grauen Tag dem Rhein bei Bonn beim Fließen zuschaut und herüberfliegende Helikopter einen sofort in diese seltsame Zeit ziehen, als dieses verpennte Städtchen Bühne der Weltpolitik war. Es gibt dokumentarische Szenen, die zeigen, wie Politik hinter der Fassade funktioniert. Es gibt Stimmen vom Parteitag der Grünen in Karlsruhe, die man lieber nicht gehört hätte. Es gibt menschelndes, wie den Moment der Schwäche, den der kürzlich verstorbene D.A. Pennebaker für seinen Kurzfilm Hier Strauß einfangen konnte und die Kluge in seiner Montage verwenden darf. Es gibt geradezu oberlehrerhaft vorgetragene Archivbilder-Erzählstücke, in denen plötzlich knallharte Sätze wie diese auftauchen: "Ein Nazi ist Franz Josef Strauß nicht. Vom Nationalsozialismus aus betrachtet steht er rechts."

Das Fazit der Kritiker im Jahr der Premiere fällt entsprechend aus und liegt mit uns auf Linie: Es ist kompliziert. Und faszinierend.

"Der Spiegel", genauer Kulturkritiker und Theater-Intendant Ivan Nagel schreibt zum Beispiel: "Die Brüche und Pausen des Filmes sind aber nicht nur Abbilder; sie verschaffen dem Zuschauer Chancen, mit einer ihm noch belassenen Freiheit und Objektivität, mit dem fremden Blick zu urteilen. Sie sind sogar, Kluge sagt es deutlich in einem Interview, Räume einer Sympathie für Strauß. Denn nicht Strauß ist an der Entleerung der Politik schuld, eher die Leere an Strauß. Oft umgibt den Kandidaten, dem dieser Film beharrlich und nicht boshaft zusieht, eine ganz und gar unmystische, etwas ärmliche Trauer. Es ist, als sei er mittlerweile eher Opfer als Täter der größeren, verschwiegenen Rat- und Entscheidungslosigkeit, welche die Scheinentscheidungen Tag für Tag umhüllt, entwertet." Er glaube nicht, dass der Film sehr gut geworden sei. Aber er sei "ehrlich bis zur Selbstaufgabe. Das Bild von Deutschland im Winter hat er uns nicht gegeben; aber vielfaches Material zum Nachdenken."

Hans C. Blumenberg gibt sich in seiner Kritik in "Die Zeit" gönnerhaft. Er befindet: "Es hätte dem Film gutgetan, wenn man noch länger an ihm gearbeitet hätte. Vielleicht wäre es besser gewesen, zwei oder drei Filme zu machen. Den von Kluge würde ich am liebsten sehen. Der von Schlöndorff wäre vielleicht einen Oscar wert. Den von Aust würde ich dem Fernsehen wünschen, um Viertel nach acht. So, wie es ist, ist es zuwenig. Und, für 130 Minuten, auch zuviel. Man kann aber ruhig hingehen. Und sich selber viele Bilder machen."

Franz Josef Strauß sammelt seine rhetorischen Kräfte bevor er politische Gegner attackiert © Kinowelt GmbH

Wie hieße Der Kandidat heute?

Kürzlich feierte das deutsche Feuilleton die Wiederveröffentlichung einer klugen Rede von Theodor W. Adorno, die er im April 1967 in Wien hielt. Viele sahen die Parallelen in die Jetztzeit in den Worten, die der Philosoph damals über die "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" gefunden hatte – allen voran der Suhrkamp Verlag, der das Büchlein wieder auf den Markt brachte.

Der Kandidat ist zwar eindeutig in der Zeit seiner Entstehung gefangen und macht den Übertrag in die Gegenwart nicht ganz so leicht, aber auch er regt das Gedankenspiel an, ob ein solches filmisches Statement heute noch möglich wäre. Was dann zu den weiteren Fragen führt: Wie sähe es aus? Wie hieße es? Und natürlich: Wer dreht es?

Wer wie wir den Glauben an gute Filme, lange Erzählformen und fähige Regisseurinnen und Regisseure noch nicht verloren hat, sagt natürlich: Ja, es wäre möglich!

Natürlich ist schwieriger geworden, sich auf einen Charakter einzuschießen - die "Strauße" dieser Tage kommen mit vielen Gesichtern und sind oft um einiges radikaler. Auch sollte man nicht all die Gestalten, die frei von moralischen Skrupeln die ewig gleichen Ängste bespielen, unnötig ins Bühnenlicht schieben, sondern die Perspektive wechseln. So hysterisch, gehässig und paranoid wie in unserem Wohlstandslande die Politik be- und getrieben wird, sind nicht einzelne "Kandidaten" das Ziel, sondern die Menschen, die ihnen all diese Wahrheitsverbiegung, Hetze und Verachtung durchgehen lassen. "Die Patienten" wäre also ein schöner Titel, auf den man sich einigen könnte.

Und damit könnte man dann bekannte Filmschaffende einsammeln gehen. Tom Tykwer, der fast schon schwebend schön und dennoch vertrackt die Liebe zwischen einem Geflüchteten aus Syrien und einem Combat-18-Mitläufer aus Berlin erzählt. Till Schweiger, der den Charakter seines Regie-Debüts "Der Eisbär" auf den Parteitag einer aufstrebenden rechtspopulistischen Partei schickt. Maren Ade, die den 65. Geburtstag eines Kolumnisten mit Rechtsdrall als Party voller Situationskomik, Fremdscham und der Melancholie des Scheiterns inszeniert. Das Team des sonst nur auf YouTube aktiven Y-Kollektivs, das sich bei den Proben einer szenebekannten Rechtsrockband einschleust und zufällig Zeuge wird, wie die Musiker einen dritten Akkord für sich entdecken. Youtuber Rezo, der sich für die Kinoleinwand endlich mal eine Partei vornimmt, die die Zerstörung wirklich verdient hätte. Moritz von Uslar, der noch mal bei den Deutschboden-Kumpels in Zehdenick nach dem Rechten schaut.

Ok, hier ist dem Autor ein wenig die Phantasie (und der flache Witz) durchgegangen. Aber schauen Sie sich noch mal "Der Kandidat" an und es wird Ihnen ähnlich gehen. Versprochen.

Daniel Koch

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