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Die letzte Versuchung Christi: Religiöse Gefühle

Martin Scorseses Interpretation der Passionsgeschichte mit Willem Dafoe als Jesus erhitzte 1988 die Gemüter und hat bis heute nichts von ihrer Faszination und Vielschichtigkeit eingebüßt. Gerade zu Ostern bietet sich eine tiefere Exegese an…

Filmgeschichten 07. April 2020

Die Filme Martin Scorseses handeln in der Regel von Männern, die ein schweres Kreuz zu tragen haben – bildlich gesprochen – und sich nach Erlösung sehnen. Beinahe logisch, dass er nach den ersten zwei Jahrzehnten seines künstlerischen Schaffens sowie zahlreichen sehr erfolgreichen aber inhaltlich kontrovers diskutierten Werken eine höchst brisante Angelegenheit in Angriff nahm. Scorsese widmete sich der Lebensgeschichte und vor allem der Passion des Jesus von Nazaret, und zwar fast so wie sie im Neuen Testament erzählt wird. Allerdings handelt es sich bei Die letzte Versuchung Christi (1988) nicht um eine wortgetreue Bibelverfilmung, sondern um die Adaption eines in den 1950er Jahren unter Gläubigen schon höchst umstrittenen Romans von "Alexis Sorbas"-Autor Nikos Kazantzakis. Der wurde nach der Veröffentlichung aus der griechisch-orthodoxen Kirche geworfen, das Buch landete auf dem Index des Vatikans.

Die 1980er Jahre offenbarten mittelalterliche Tendenzen

Scorseses Hinwendung zum ersten seiner Märtyrer-Helden, der buchstäblich das Kreuz trägt und es gar zur eigenen Hinrichtung schleppt, warf also Schatten voraus, bevor sie vollzogen werden konnte. Dabei wird sowohl in der literarischen Vorlage als auch in dem 164-minütigen Film mit der Menschwerdung von Gottes Sohn heiliger Ernst gemacht. Ironie und Albernheiten à la Monty Pythons Das Leben des Brian? Fehlanzeige. Davon ließen sich jedoch Legionen empörter Christen nicht besänftigen, die zum Boykott des "Teufelswerks" aufriefen. Selbst die postmodernen 1980er Jahre, die in der Retrospektive nach Haarspray duften, offenbarten also mittelalterliche Tendenzen. Für jemanden wie Martin Scorsese, der 1942 in Queens, New York geboren wurde und im erzkatholischen Viertel Little Italy aufwuchs, womöglich keine Überraschung.

Kurz bevor die Passion Christi eine überraschende Wendung nimmt

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Jesus von Nazaret ist in dieser Version der altbekannten Geschichte Zimmermann. Soweit, so bibelfest. Neu ist jedoch, dass der spätere Prophet als Kollaborateur anfangs noch Kreuze für die römischen Besatzer zimmert, durch die viele andere Juden für ihre Überzeugungen sterben. Es geht dem von Willem Dafoe gespielten Jesus nicht ums Geld, vielmehr möchte er die Anrufungen Gottes zum Schweigen bringen, diese Stimme im Kopf, indem er dem Herrn mit drastischen Mitteln beweist, dass er ein schlechter Kerl ist. Aber so einfach darf der Erlöser in spe sich dem Schicksal nicht entziehen. Die Kreuzigung ist eine besonders grausame Art der Todesstrafe. Das ist Jesus durch die schmerzlich bewusst. Allerdings betont Scorsese, dass die Erfahrung des Schmerzes am eigenen Leib die größte menschliche Herausforderung darstellt – und selbst Jesus im schlimmsten Fall Schwäche zeigen und sich spontan für Plan B entscheiden könnte. Damit traf er bei Teilen des Publikums einen wunden Punkt.

Martin Scorsese kennt seine Evangelien

Bevor Jesus gekreuzigt wird, durchlebt er noch eine Wandlung zum Messias wie sie im Buch der Bücher steht. Hier kurz anhand der vorigen Filmhelden Scorseses veranschaulicht: Jesus steigt in den Ring – siehe Wie ein wilder Stier (1980). Jesus betritt die Bühne – siehe King Of Comedy (1982). Jesus opfert sich im Kampf für das Gute – siehe Taxi Driver (1976). Scorsese kennt seine Evangelien. Fasten, Taufe, Bekehrungen, Tempelreinigung und Vertreibung der Spekulanten, Lazarus, Abendmahl, Dornenkrone. Nichts fehlt. Doch als Jesus am Kreuz hängt, da schweift die Handlung so stark von der Heiligen Schrift ab, dass christliche Dogmatiker, vor allem jene, denen schon Nikos Kazantzakis’ Roman übel aufgestoßen war, den ersten Stein warfen. Zuviel New Hollywood und zu wenig Neues Testament.

Judas spielt hier eine andere Rolle als gewohnt, gespielt von Harvey Keitel

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Halbwegs aufgeklärte Medien sprachen vom "Sturm im Weihwasserglas". Allerdings dürfte der Ärger für Martin Scorsese kein Zuckerschlecken gewesen sein, schließlich zeigt der Filmemacher sich seit jeher so nachhaltig von der Kirche beeinflusst wie vom Kino. Auch wenn er spätestens seit Mean Streets – Hexenkessel (1973) mit Harvey Keitel als gottesfürchtigem Mafioso einen drastischen Zugang zu Verfechtern ewiger Wahrheiten hier wie dort wählte, hatten Kino und Kirche ihm in jungen Jahren doch unvergessliche spirituelle Erfahrungen ermöglicht. Wie war das nun mit Jesus’ "religiösen Gefühlen" und Scorseses Perspektive?

Der Messias mit der Dornenkrone - ein Mensch wie du und ich? © � 1988 Universal City Studios, Inc. All Rights reserved.

Der Messias mit der Dornenkrone - ein Mensch wie du und ich? © � 1988 Universal City Studios, Inc. All Rights reserved.

Die letzte Versuchung Christi ist bis heute einer der wichtigsten Filme Martin Scorseses, weil darin so viele Aspekte seiner Arbeit einen starken Ausdruck finden. Motive, die sich schleichend angekündigt hatten und weiter nachwirken. So zeigte bereits der Billardsaal in Die Farbe des Geldes die Ausmaße eines Tempels, und dem Geschäft der Spekulation haftet nicht erst seit The Wolf Of Wall Street (2013) das Stigma der Unehrenhaftigkeit an. Zuguterletzt umweht seine Jesus-Interpretation der Hauch eines popkulturellen Phänomens, langlebiger als die Beatles und Elvis zusammen. Scorsese lässt sich ja eine große Affinität zur Popmusik nachsagen. 1970 war er als Cutter an Michael Wadleighs berühmter Woodstock-Doku beteiligt. Selbst drehte er Dokumentar- und Konzertfilme mit und über The Band, The Rolling Stones, Bob Dylan und George Harrison.

David Bowie als Pilatus wäscht sich nicht mal die Hände

Außerdem tauchen immer wieder prominente Musiker als Nebendarsteller in seinen Filmen auf. Zum Beispiel The Clash in King Of Comedy oder Iggy Pop in Die Farbe des Geldes. Und falls Scorsese sich in Die letzte Versuchung Christi einen Scherz erlaubt haben sollte, dann allenfalls mit der Besetzung von David Bowie als Pontius Pilatus. Der spielt den römischen Statthalter wie einen ignoranten Snob, der es nicht mal für nötig hält, seine Hände in Unschuld zu waschen. Nun, die katholische Kirche hat Scorsese viele Jahre später wenn nicht die Füße geküsst so doch die Hand gereicht. Aber erinnern wir uns daran, mit welchen Worten Mean Streets – Hexenkessel beginnt: "Du bezahlst deine Sünden nicht in der Kirche. Du zahlst auf der Straße. Du zahlst zuhause." Martin Scorseses wahres Zuhause sind seine Filme – in ihnen trägt er sichtbar für uns alle sein eigenes Kreuz.

WF

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