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Dogma für Fortgeschrittene: Es muss nicht immer Lars von Trier sein

Mit Italienisch für Anfänger gelang Lone Scherfig vor gut 20 Jahren eine zutiefst menschliche Tragikomödie nach den Dogma 95-Regeln. Heute noch ein herausragendes Werk.

23. März 2022

Der bekannteste Vertreter der Unterzeichner des Dogma-Manifests aus dem Jahr 1995 ist bis heute sicherlich Lars von Trier. Er machte als Regisseur von sich reden, der es nicht immer nur gut mit den (Anti-)Heldinnen seiner Filme meint. Desöfteren beschleicht einen beim Zuschauen das Gefühl, er quäle sie mit einer fast schon sadistischen Lust, womit er allerdings auch erreichte, dass Filme wie Idioten das Publikum womöglich zum Teil verstörten aber keinesfalls kalt ließen. Und während auch der im letzten Jahr für einem Regie-Oscar nominierte Thomas Vinterberg, dessen Der Rausch zudem von der Academy als bester fremsprachiger Film ausgezeichent wurde, mit Das Fest ein Dogma-Debüt feierte, bei dem die Protagonisten durch tiefe psychologische Täler geschickt und in physische Auseinandersetzugen verstrickt werden, die uns Zuschauer*innen auf jede erdenkliche Weise angreifen statt lediglich zu berühren, gelang der dänischen Regisseurin Lone Scherfig im Jahr 2000 mit Italienisch für Anfänger ein anderes und nicht minder großes Kunststück. Sie erzählt darin eine Geschichte oder vielmehr einige Geschichten, die bis heute unter die Haut und ans Herz gehen. Ohne Firlefanz, wie von den Dogma-Verteter*innen vorgesehen, um das Ursprüngliche ihrer Arbeit in Abgrenzung von einer Kommerzialisierung à la Hollywood wiederaufleben zu lassen.

Ist die Messe schon gelesen? © Studiocanal

Ist die Messe schon gelesen? © Studiocanal

Eine heile Welt sieht natürlich anders aus. Die Figuren in Italienisch für Anfänger haben alle ein schweres Los zu tragen: der neue Pastor der Gemeinde, Andreas, plagt sich mit inneren Altlasten und einem missgünstigen Vorgänger herum, die Frisörin Karen kämpft mit ihrer geistig und körperlich kranken Mutter, Backwaren-Verkäuferin Olympia muss sich von ihrem auf den Hund gekommenen Vater grob herablassend behandeln lassen, Hotel-Concierge Jorgen ist impotent und hat überhaupt kein Selbstvertrauen, sein Kumpel Halfinn bekommt seine Affekte bei der Arbeit als Kellner im Restaurant nicht in den Griff. Aber während von Trier über 90 Minuten lang vermutlich einfach in ihren Wunden gepuhlt hätte, gesteht Kollegin Scherfig diesen erwachsenen Sorgenkindern neben vielen Schwächen auch Stärken zu, die wir als Publikum nach und nach mit ihnen gemeinsam entdecken. Und der Tod, lernen wir, kann befreiend wirken, wenn er etwa die Verantwortung für ihre Eltern von Karens und Olympias Schultern nimmt und zudem ein jahrelanges Geheimnis offenbart. Dazu treffen sich die tragischen aber auch mitunter ganz schön komischen Held*innen dieses berührenden Films regelmäßig in einem Italienisch-Kurs, den schließlich eine waschechte Italienerin komplettiert. Hier dürfen sie ihre Unzulänglichkeiten offen und spielerisch ausleben – und in jeder Stunde zusammen kleine Fortschritte feiern.

Will der Concierge nur kuscheln? © Studiocanal

Will der Concierge nur kuscheln? © Studiocanal

Ein gut gereiftes Meisterwerk nach dem mittlerweile obsoleten künstlerischen Dogma-Keuschheitsgebot mit Authentizitätsanspruch, dessen rigides Regelwerk man sich heute mitunter zurückwünscht, wenn man im Kino mal wieder von den Special Effects erschlagen wird. Ein glaubwürdiges Drama nach einem gewitzten Drehbuch, in dem das Ensemble um Anders Wodskou Berthelsen, Peter Gantzler, Ann Eleonora Jorgensen und Lars Kaalund sanft brilliert. Die Extras enthalten unter anderem ein Interview mit Regisseurin Lone Scherfig, Hintergründe zum Dogma 95, geschnittene Szenen, Outtakes und ein Hidden Feature.

WF

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