Liebe à la Klapisch: Eher einsam als zweisam in Paris

Stille Tage im Klischee muss man bei Cédric Klapisch nicht erwarten: Seine romantische Tragikomödie Einsam Zweisam zeigt zwei Suchende in dem Paris hinter der Postkartenkulisse.

Filmgeschichten 05. Juni 2020

Es ist ein Kreuz mit diesem Paris. Allein die Filmwelt hat diese Stadt dermaßen mit großen Szenen, wunderschönen Menschen, überirdischen Liebesgeschichten und unfassbarer Kitsch-Kacke aufgeladen – da rümpfen viele die Nase, wenn man ihnen erzählt, dass man gerne in Paris verweilt. Oft kriegt man mitleidige Blicke, als sei man ein naiver Amélie-Jünger, der die Papp-Croissants im Café des Deux Moulins "très délicieuse" findet. Oder als wolle man es Mr. Big gleichtun und seiner Freundin "Sex and the City"-Style dort seine Liebe gestehen. Oder als sei man ein Belmondo-Möchtegern, der mit Hut, zu großem Sakko und Zeitung unter dem Arm im Straßencafé jungen Frauen nachstellt und im Hotel de Suède residiert.

Filme, die dem realen Leben der Pariser nahekommen oder eher die Abgründe zeigen, gibt es zwar auch, aber irgendwie scheinen sie selten ein vergleichbar großes Publikum zu erreichen wie all jene Filme, die Paris in erster Linie als Kulisse und Projektion angehen. La Haine fällt einem da ein, oder zuletzt Die Wütenden – Les Misérables – aber streng genommen spielen die ja eher in den umliegenden Banlieues wie Montfermail oder Chanteloup-les-Vignes. Und obwohl Paris präsent ist, wird die Stadt dort ebenso als Projektion gesehen – als Sehnsuchtsort, als Hass-Objekt, als höhnisch schillernde Spielweise jener Leute, die sich das Leben dort leisten können.

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Es wundert nicht, dass nun ausgerechnet Cédric Klapisch einen Mittelweg versucht. Der Mann hat schließlich schon in seinem ersten großen Wurf L'auberge espagnole – Barcelona für ein Jahr kurz Paris gestreift und noch in jeder Stadt bewiesen, dass er ein Auge für das echte Leben hat. In Einsam Zweisam begleitet er Rémy (François Civil) und Mélanie (Ana Girardot). Rémy ist ein unsicherer, einsamer, junger Mann, der die Zeit zwischen seinen Arbeitstagen meist alleine verbringt, in der Öffentlichkeit immer eine leichte Panik verspürt und manchmal Schwierigkeiten hat, seine Mitmenschen richtig zu "lesen". Ein Psychotherapeut kurz vor der Rente und der tägliche Gang zum Multikulti-Lebensmittelladen gegenüber schaffen es, ihn langsam aus der Lethargie herauszuziehen. Mélanie wiederum ist eine junge Frau, die von ihrem langjährigen Freund verlassen wurde und seitdem mit ihrem Selbstbewusstsein hadert. Dabei wird sie in ihrem Job in einem Forschungslabor durchaus geschätzt und auch ihr Profil bei einer großen Dating-App erfreut sich bei den Männern großer Beliebtheit. Dass deren Anmachen oft plump sind und keiner mehr will als eine schnelle Ego-Nummer, ist eine Erfahrung, die sicher viele kennen. Auch sie besucht eine Therapeutin, wie sich das für einen französischen Film gehört.

Zweisame Einsamkeit oder einsame Zweisamkeit? © STUDIOCANAL/Emmanuelle Jacobson-Roques

Rémy und Mélanie sind sozusagen Balkon-Nachbarn: Sie wohnen Wand an Wand in zwei verschieden Häusern aus zwei architektonischen Generationen, blicke gerne traurig rauchend auf die Gleise des Gare du Nord, kaufen im selben Laden ihr Essen, besuchen die gleiche Apotheke und sind oft in einer Szene, obwohl sie sich die meiste Zeit des Films nicht kennen. Eine schöne Variation der klassischen Romcom, die sich Klapisch hier ausgedacht hat. Bei ihm ist eher der Weg der beiden das Ziel – und wie das aussieht, weiß man auch nicht so genau (oder verrät es hier nicht). Anders, als bei vielen wirklich nicht gut gealterten Romcoms hat man dabei zum Glück nicht dieses problematische Stalker-Setting, in dem ein junger Mann 80 Minuten lang einer Frau nachstellt, die bloß noch nicht weiß, dass er der Topchecker für sie ist. Rémy und Mélanie sind wirklich einsam. Nebeneinander. Jeder auf seine Weise.

Shopbesitzer Mansour (Simon Abkarian) verkauft Lebensmittel und verteilt Lebenshilfe. Oder zieht einen charmant über den Tisch. Oder beides. © STUDIOCANAL/Emmanuelle Jacobson-Roques

Ähnlich wie Cédric Klapisch hier mit den Erwartungen einer romantisch-traurigen Komödie spielt, tut er das mit den Erwartungen an einen Paris-Film. Als unsere Redaktion ihn kurz vor der Premiere zum Interview traf, erklärte Klapisch, dass man die Gegend um den Gare du Nord, in der der Film spielt, als "Bobo" bezeichnet. Das steht für bohème et bourgeois. Es sei ihm wichtig gewesen, einen solchen Winkel der Stadt der Liebe zu beleuchten. Eine doppelbödige Gegend mit einem allgemein eher schlechten Ruf. "Ich wollte zeigen", so Klapisch, "dass diese Orte lebenswert sind und nicht so gefährlich, wie es in den Medien oft dargestellt wird."

Der Film ist also auch eine melancholische Liebeserklärung an Paris, aber eher an die Menschen, die dort leben und zwischen all der Schönheit und Pracht dieser Stadt finanziell und emotional überleben müssen. Das filmische Stilmittel dafür nennt Klapisch "poetischer Neorealismus". Er wolle "nah am Leben" erzählen, sagt er in, gäbe der Realität dabei aber einen anderen Rahmen. Jede Einstellung und jedes Bild erfülle bestimmte ästhetische Kriterien. So schafft er es, selbst den Wohnblöcken in Bahnhofsnähe eine zerschranzte Schönheit abzuringen, die manchmal gar den Anblick der über der Stadt thronenden Sacré-Cœur aussticht, weil man sich an der eben schon längst sattgesehen hat. Eine Offenbarung, die jeder verstehen wird, der nur einmal hinter die Postkarte blicken durfte – und sich spätestens dann so richtig in die Stadt der Liebe verliebt hat.

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