In sicheren Händen: Gibt es ein perfektes Zuhause?

Die französische Regisseurin Jeanne Herry widmet sich in ihrem einfühlsamen Drama einem hochkomplexen Thema.

Filmgeschichten 06. September 2019

Das Wunder der Geburt – es trifft weltweit und in jedem Augenblick auf die harte Wirklichkeit des Lebens. Jeanne Herrys feinfühliges Drama In sicheren Händen geht von dieser Prämisse aus und widmet sich dem Thema Adoption. Keine eindimensionale Angelegenheit. An einem entscheidenden Punkt der Handlung erklärt die Mitarbeiterin der Sozialfürsorge der adoptionswilligen Alice (Élodie Bouchez), das Leben sei mal ein Minenfeld und mal eine Blumenwiese. Nicht weiter schlimm, dass sie als angehende Adoptivmutter eine Therapie hinter sich habe, wichtig sei bloß, dass sie die Minenfelder entschärft habe. Bei einer Adoption träfen schließlich nicht nur drei Menschen aufeinander – streng genommen sind es noch mehr, die biologischen Eltern kann man sicherlich nicht ausklammern, selbst wenn sie in Zukunft nur als „Phantom“ eine Rolle spielen–, sondern auch drei Geschichten.

Minenfeld oder Blumenwiese

Die französische Regisseurin geht deshalb multiperspektivisch an die Sache heran. Der vom Burnout bedrohte Sozialarbeiter Jean (Gilles Lellouche) kümmert sich um den frischgeborenen Théo, bis für diesen eine endgültige Familie gefunden wird. Er ist das leibliche Kind einer jungen Frau, die ihn nicht großziehen kann und angibt, dass Théo bei einem One-Night- Stand gezeugt wurde. Jeanne Herry lässt uns Zeug*innen jener Prozedur werden, die in Frankreich dem offiziellen Abschied vom eigenen Baby vorausgeht. So bittet man die junge Frau, es sich sorgfältig zu überlegen, dafür kommt sie sozusagen in Quarantäne, außerdem wird ihr die Möglichkeit geboten, Théo etwas zu hinterlassen, mit dem er sich später auseinandersetzen kann. Denn jeder Mensch habe das Recht auf Informationen über seine Herkunft.

Alle Figuren und ihre Befindlichkeiten werden ernst genommen – das macht In sicheren Händen zu einem emotional starken und vor allem sozialkompetenten Film. Man darf ruhig sagen, dass dieses komplexe Geflecht von Gefühlen und Gesetzen, Selbst- und Fremdeinschätzungen, die mit einer Adoption zusammenhängen, bei der Filmemacherin und ihrem Team gut aufgehoben ist – also in sicheren Händen liegt. Sämtliche Figuren bewegen sich nicht nur im Rahmen der eigenen Möglichkeiten, nein, sie müssen sich alle in einem System zurechtfinden, das enge Grenzen setzt, weil es für das jeweilige Kind nur das Beste will. Aber natürlich sollte man auch den Behördenapparat, seine Vorschriften und seine handelnden Organe stets hinterfragen – menschliche Lösungen sind mindestens so schwierig wie menschliche Beziehungen. Und es ist nicht immer leicht zu unterscheiden, ob man sich gerade in einem Minenfeld oder auf einer Blumenwiese befindet.

WF

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