Die International Space Station, kurz ISS, ist in der Realität eine der langlebigsten Raumstationen der Welt. Seit November 2000 ist sie dauerhaft von Astronaut*innen bewohnt, die jeweils von den beteiligten Raumfahrtbehörden entsandt werden – die amerikanische NASA, die russische Roskosmos, die europäische ESA sowie Kanadas CSA und Japans JAXA.
Immer wieder inspiriert die ISS auch Literatur und Film. Erst im vergangenen Jahr wurde Samantha Harveys Bestseller "Umlaufbahnen" mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet – sie erzählt von einem einzigen Tag in einer Raumstation, die der ISS nachempfunden ist und gab zu, stundenlang die Livestreams aus der ISS geschaut zu haben. Der Science-Fiction-Kultautor Neil Stephenson wiederum machte die ISS in "Amalthea" gar zu letzten Rettung der Menschheit: Als die Erde von den Trümmern des explodierten Mondes zerstört wird, schickt man eine letzte Gruppe von Expert*innen und jungen Menschen auf die ausgebaute ISS, wo sie als einzige überleben.
Im Kino und im TV spielt die ISS eine Rolle in Filmen wie The Day After Tomorrow, Life, Gravity, der Apple-TV-Serie Constellation und eben in der packenden Serie Infiniti, die gerade auf ARTHAUS+ zu sehen ist. Die belgisch-französische Koproduktion der Showrunner Stéphane Pannetier und Julien Vanlerenberghe ist vor allem sehenswert, weil sie Motive des Noir Krimis mit einem Science Fiction Setting verbindet.
Im Mittelpunkt der sehr stimmig verwobenen Geschichte stehen die französische Astronautin Anna Zarathi (Céline Sallette) und der kasachische Polizist Isaak (Daniyar Alshinov). Die Schauplätze von Infiniti sind hauptsächlich die ISS, die gleich in der ersten Folge beinahe zerstört wird, und die Region der Stadt Baikonur. Wer sich mit dem Weltall befasst, wird diesen Namen bereits gehört haben: Russland hat die Stadt im südlichen Kasachstan seit 1994 gepachtet und sie unter russischer Verwaltung gestellt. Der Hauptgrund ist das Kosmodrom Baikonur, das sich gut 40 Kilometer außerhalb der Stadt befindet.
Es ist der weltweit erste und größte Weltraumbahnhof und wird seit Mitte der 50er-Jahre betrieben. Von hier startete einst der erste künstlichen Satellit Sputnik 1 (1957) sowie der erste bemannte Raumflug der Wostok 1(1961). Zwischen 2011 und 2020 starteten außerdem alle nichtchinesischen bemannten Raumflüge von dort. In der Serie Infiniti steht das Kosmodrom kurz vor der Schließung – was durch den Crash der ISS noch beschleunigt zu werden scheint.
Unheimliche Begegnung der anderen Art: Anna erreicht auf ihrer Rettungsmission die ISS. © Empreinte Digitale / Federation Entertainment Belgique / Canal+
Infiniti spielt zwar in Schlüsselszenen immer wieder im All und bietet die Raumschiff- und Control-Room-Szenen und Blicke auf den Planeten Erde, die man als Science-Fiction-Fan sehen will – der entscheidende Teil der Handlung entfaltet sich aber in den melancholischen, geheimnisvollen Sowjetbauten und Steppenlandschaften Kasachstan. Isaak und Anna sind dabei von Anfang an verbissene, geheimnisvolle Charaktere.
Isaak eckt zum Beispiel immer wieder an, weil er brutale Morde untersucht, die von den Russen geheim gehalten werden sollen. Die Russen versuchten gar ihn mit einer Autobombe zu töten – ein Vorfall, der eng verbunden ist mit seinem größten Trauma. Céline und ihr Umfeld weiderum zweifeln an ihrer geistigen Gesundheit, seitdem sie kurz vor dem Start ihrer Rakete in Richtung ISS eine Panikattacke bekommen hatte. Ihre "Vertretung" Anthony Kurz, mit dem sie eine Affäre begonnen hatte, ist nun einer der vermeintlich überlebenden des ISS-Crashs und bittet darum, Anna für die Rettung ins All zu schicken.
Die kasachische Landschaft spielt eine eigene Hauptrolle. © Empreinte Digitale / Federation Entertainment Belgique / Canal+
Über sechs Folgen entfaltet sich nun eine Geschichte, die viele Spuren legt, die über einen gewöhnlichen Kriminalfall hinausreichen. In den besten Momenten wirkt Infiniti dabei, wie eine Kreuzung aus einer in Kasachstan spielenden True Detective- oder Dark-Staffel und einem Interstellar-ähnlichen Crashkurs in Sachen hirn- und realitätssprengender Physiktheorie. Da am Kosmodrom Russland, Amerika, Europa, Kasachstan und in dieser Geschichte sogar China aufeinandertreffen, ist die Serie auch ein stimmungsvolles Sprachdurcheinander. So wurden am Set sechs Sprachen gesprochen. Die Dreharbeiten fanden in Frankreich, in Kasachstan und sogar in der Ukraine statt – kurz vor dem Beginn des aktuellen russischen Angriffskrieges.
Isaak und Anna finden sich in der Serie und ermitteln zusammen. © Empreinte Digitale / Federation Entertainment Belgique / Canal+
Céline Sallette sagte in einem Interview mit der „Vanity Fair“ über Infiniti, sie schätze vor allem die „poetische, mythische und metaphorische“ Herangehensweise der Autoren und die Vielschichtigkeit der Charaktere, die sich jeweils mit ihren eigenen Traumata auseinandersetzen. „Das Schöne an Anna ist, dass man diesen Traum von der Reise in den Weltraum aus einer ganz persönlichen Perspektive betrachtet. Dieser Traum wird für sie nicht wahr – sie hatte diesen Anfall. Es war ein Misserfolg, aber sie wird sich Schritt für Schritt wiederfinden. Es war wirklich schön, das zu erforschen“, sagt sie.
Infinity ist dabei vor allem ein packender Slowburner, für den man vielleicht am besten die Genre-Schublade „Science Fiction Noir“ aufziehen sollte. Wer sich auf die sechs Folgen einlässt, erlebt eine in sich abgeschlossene Miniserie, wie man sie in dieser Stilmischung selten sieht – mit einem Ende, das definitiv starke Reaktionen auslösen wird.
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DK