Der berühmte Jurist, Mathematiker und Abenteurer Giacomo Casanova, den man heutzutage vor allem mit seinem Liebesleben in Verbindung bringt, hat den ebenfalls notorischen Sonnenkönig Ludwig XIV nie persönlich getroffen. Seinen Urenkel Ludwig XV allerdings überredete er, in Frankreich eine Volkslotterie nach italienischem Vorbild einzuführen, um Mehreinnahmen zu generieren und die Leute bei Laune zu halten. Die Aussicht auf einen hohen monetären Preis könne kurzfristig selbst den dringenden Bedarf nach Brot übertrumpfen.
Der sozialkritisch überspitzte Thriller No One Will Know beginnt als Kostümfilm, indem er diese historische Begebenheit nacherzählt, bevor uns die Geschichte in die Jetztzeit und in eine kleine Bar namens "Le Roi Soleil" führt – zuvor haben wir bei einem Abstecher nach Schloss Versailles eine Kurzlektion über die moderne Klassengesellschaft erhalten. Aber keine Angst, Regisseur Vincent Maël Cardona jubelt uns keine Moralkeule in Form dieser kammerspielartigen blutigen Angelegenheit unter, vielmehr geht es ihm um die Feinheiten in den Beziehungen der zeitgenössischen Figuren untereinander. So finden sich zwei Polizisten in der Bar, ein Banker, ein Rettungssanitäter, ein Kleinkrimineller, die Kellnerin, der Barbetreiber und schließlich auch deren Besitzerin. Die wichtigste Person ist jedoch zunächst der Rentner Monsieur Kantz, dem auffällt, dass er 294 Millionen Euro im Lotto gewonnen hat, jenem staatlichen Glücksspiel in der Tradition von Casanovas Idee aus dem 18. Jahrhundert.
Als Monsieur Kantz den Tippzettel vor lauter Freude in der Bar vergisst und nach einem kurzen Telefonat mit seiner Enkelin zurückkehrt, nimmt eine Kette fataler Ereignisse ihren Lauf, wobei die Regie von nun an öfter mal die Zeit vor und zurück dreht und die Perspektive wechselt, um mit den Erwartungen des Publikums zu spielen. Vincent Maël Cardona möchte mit viel schwarzem Humor darauf hinaus, welch teuflischen Effekt die Einführung der Lotterie auf die Menschen hat – bis heute. Dabei geht es ihm weniger um die Gier der Einzelnen als um die mangelnde Vorstellungskraft, gemeinsam eine Lösung für Probleme zu finden. Wir alle werden geblendet von der Idee, das Glück allein finden zu können. Die konterrevolutionäre Essenz von Lotto.
No One Will Know ist sehr unterhaltsam. Keiner der zahlreichen Schüsse, die während der turbulenten Geschehnisse fallen, wird mit dem erhobenen Zeigefinger abgefeuert. Ein philosophischer Unterbau – Aristoteles' Gedanken zu Wirklichkeit, Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit – wird beiläufig eingestreut. Die offensichtlichen Meta-Ebenen machen die Sache nicht zu kompliziert, sie zeigen nur, wie komplex die Suche nach dem Glück ist und wie eng Mord und Totschlag mitunter mit ihr verknüpft sein können. "Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt", hat Dagobert Duck einmal gesagt. Das gilt allerdings höchstens, wenn man die Taler sicher in einem Geldspeicher gebunkert hat. Die Aussicht auf viel Kohle dagegen kann den Puls ordentlich in die Höhe treiben.
Es bleibt kompliziert © STUDIOCANAL/Emmanuelle Jacobson-Roques - Srab Films - Easy Tiger
Vincent Maël Cardona nutzt den surrealen Charakter einer unvorstellbar anmutenden Gewinnsumme von fast 300 Millionen Euro, um in seinem Genre-Mix andere gesellschaftliche Aufregerthemen wie den üblichen Rassismus umso realer erscheinen zu lassen. Der Cast um Pio Marmaï, Lucie Zhang sowie die aus Pulp Fiction bekannte Maria de Medeiros bringt die Motivation der Handelnden glaubhaft rüber. Ob es eine Moral von der Geschicht' gibt? Nun, die verblüffenden Chancen, die sich hier einer zufällig entstandenen Gruppe von Menschen eröffnen, kriegt man nach dem Film genauso schwer wieder aus dem Kopf wie die neuerliche Erkenntnis von den harten und schier unveränderlichen Tatsachen, die solche Potenziale ganz in echt im Keim ersticken. Und dazu summt man einen nun ebenfalls unvergesslichen Song von Sharon Van Etten vor sich hin.
WF