Paul Thomas Anderson: Greater geht’s kaum

Der Regisseur von Boogie Nights, Magnolia und There Will Be Blood wird am 26. Juni 50 Jahre alt. Eine Hymne auf ihn und seine unangepassten Meisterwerke.

Filmgeschichten 26. Juni 2020

Auf der Suche nach dem "großen amerikanischen Roman" stößt man unweigerlich auf die Werke des Schriftstellers Upton Sinclair. Eine ungewöhnliche Biografie, die ihn – Jahrgang 1878 – sowohl in den Stand eines armen Kindes als auch eines wohlhabenden jungen Mannes versetzte, führte beim erwachsenen Autor Sinclair zu einem geschärften Bewusstsein für die gesellschaftlichen Klassenunterschiede. Lesenswert ist heute nicht nur sein Debüt »Der Dschungel«. Dessen drastische Schilderungen über die hygienischen Zustände und vor allem die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen von Chicago gehören angesichts der gerade laufenden Debatte über die Verhältnisse in der deutschen Fleischproduktion umso mehr auf die Must-Read-Liste. Noch tiefer ins Herz des US-amerikanischen Selbstverständnisses von kapitalistischer Logik und Freiheit des Wettbewerbs stieß 1927 sein Roman "Öl". Selfmademan J. Arnold Ross steigt zum Ölbaron auf, in Person seines idealistischen Sohns Bunny erwächst ihm moralische und geschäftliche Konkurrenz im eigenen Haus.

Die Zukunft ist leicht entflammbar © Studiocanal

Regisseur Paul Thomas Anderson hat dieses faszinierende Buch 80 Jahre später zur Grundlage seines Films There Will Be Blood gemacht. Zu besagtem Zeitpunkt war der 1970 in Kalifornien geborene Anderson bereits als Filmemacher mit ureigener Handschrift bekannt. Manche titulierten ihn gar als "Wunderkind" von Hollywood. Er hatte mit der glamourös inszenierten Geschichte eines von Burt Reynolds verkörperten Porno-Darstellers (Boogie Nights) und einem Ensemblefilm, der selbst den König dieses Genres, Robert Altman, alt aussehen ließ (Magnolia), die Gunst von Kritik und Publikum erworben. Diesen Riesenerfolgen Ende der 1990er Jahre ließ er Anfang des neuen Jahrtausends eine so bezaubernde wie eigenartige romantische Komödie folgen, Punch-Drunk Love, in der nicht zuletzt der Hauptdarsteller für eine große Überraschung sorgte. Adam Sandler überzeugte im blauen Anzug und als labiler Verliebter mit sieben Schwestern in seiner ersten ernsthaften Rolle. Alleine an dieser Performance lässt sich absehen, wie tief Paul Thomas Anderson seine Schauspieler*innen in ihre jeweiligen Charaktere eintauchen lässt, wobei er ihnen durch die Handlungen der Filme gleichzeitig feste Strukturen vorgibt. So können sie ihre Klasse wirklich entfalten. Das gilt auch für Kaliber wie Tom Cruise oder Julianne Moore.

Daniel und H.W. Plainview in guten Zeiten © Studiocanal

Seine "Öl"-Version There Will Be Blood legte Paul Thomas Anderson dann als gigantisches Duell an – zwischen dem ehrgeizigen Unternehmer Daniel Plainview und dem Prediger Eli Sunday. Wie besessen werden die beiden von Daniel Day-Lewis und Paul Dano gespielt. Ja, als hätte sich der Konkurrenzkampf der Figuren auf die realen Personen übertragen. Plainviews Sohn H.W. sorgt in diesem Szenario für die leisen Töne – seine im Roman ausführlich geschilderte Perspektive muss man sich selbst erschließen. In einer Konstellation, die eine historisch gewachsene Kluft zwischen Materialismus und Spiritualismus überzeugend zuspitzt. Ein Abgrund, der sich in Krisensituationen mitunter schneller schließt als es den ideologischen Widersachern lieb sein kann, weshalb sie in späteren Zeiten gelernt haben, sich miteinander zu arrangieren. Sohn H.W. ist aber eben derjenige, der sich nicht arrangieren will. Er hat gute Gründe, seinen Vater zu hassen und ebenso gute Gründe ihn zu lieben – aber letztlich muss H.W. seinen eigenen Weg gehen, auch weil er eine egalitäre Sicht auf die Gesellschaft hat. Anderson konzentriert sich derweil auf den Kampf der Egomanen Plainview und Sunday – respektive Day-Lewis und Dano. Er findet große Kinobilder, Stichwort: Feuer, die für sich sprechen und lässt geradezu theatralische Szenen zu, in denen ihm die Figuren kurz mal davon zu laufen scheinen. Jonny Greenwoods phantastischer Score erzeugt zusätzliche Reibung. Von ähnlicher Spannung leben auch die späteren Werke wie The Master, in dem Philip Seymour Hoffman und Joaquin Phoenix gegeneinander antreten. Oder Inherent Vice, die bis heute einzige Verfilmung eines der von paranoischem Humor getriebenen Romane des obskuren Thomas Pynchon. In seinem bislang letzten Film Der seidene Faden spielt abermals Daniel Day-Lewis die Hauptrolle. Einen Modeschöpfer der 1950er-Jahre, der sich in seine Muse verliebt.

In Eli Sundays Kirche geht sogar Daniel Plainview auf die Knie © Studiocanal

Für There Will Be Blood wurde Paul Thomas Anderson auf der Berlinale mit dem Preis für die "Beste Regie" versehen, dazu gewann er mehrere weitere bedeutenden Auszeichnungen und sammelte zahlreiche Oscar-Nominierungen. Am 26. Juni 2020 wird er gerade mal 50 Jahre alt. Wir gratulieren – auch im Voraus zu allen kommenden Ehrungen. Wer auf der Suche nach dem großen amerikanischen Film ist, kommt um Paul Thomas Anderson nicht herum.

WF

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