Bild zu Peter Greenaway: Happy Birthday, bildende Filmkunst!

Peter Greenaway: Happy Birthday, bildende Filmkunst!

Der britische Regisseur gilt als Meister der formalen Überhöhungen und tiefen Betrachtungen. Seine Filme sind Bildungskino von eigenem Rang. Am 5. April wurde er 80 Jahre alt, sein Debüt Der Kontrakt des Zeichners feiert dieser Tage 40-jähriges Jubiläum.

08. April 2022

Peter Greenaway bezeichnet sich selbst als Atheisten, nicht ohne zu betonen, in Theologie durchaus bewandert zu sein. Es sind die Widersprüche, die das Leben vorantreiben. Spätestens im 19. Jahrhundert bekam man davon eine Ahnung, als frischer Wind durch die philosophischen Lehren des Idealismus und Materialismus wehte. Heute scheint es eine Binsenwahrheit und Selbstverständlichkeit, die jedoch viele Menschen kaum aushalten, weshalb sie nach widerspruchsfreien Welterklärungen trachten. Mit Der Kontrakt des Zeichners, seinem Spielfilmdebüt von 1982, verdeutlichte Peter Greenaway jedoch ganz nebenbei, dass bereits im 17. Jahrhundert der Fortgang der Geschichte mit der Komplexität der Verhältnisse einherging.

Die feinen Herren frisch gepudert © Studiocanal

Die feinen Herren frisch gepudert © Studiocanal

Der in Wales geborene Greenaway feierte am 5. April 2022 seinen 80. Geburtstag, und man ist versucht, sich ein Konzert zu seinen Ehren auszumalen, bei dem ein Orchester unter der Leitung seines Haus- und Hofkomponisten Michael Nyman Barockes anstimmt – dabei muss man sich Peter Greenaway auf der anderen Seite natürlich als modernen Mann von Welt vorstellen, dem solcher Pomp mit Sicherheit als eine Überhöhung der Wirklichkeit erschiene, die doch eher der Kunst zustehe als realen Begebenheiten. Für den Soundtrack zum vor vierzig Jahren erschienen Der Kontrakt des Zeichners orientierte sich Nyman übrigens an Stücken des englischen Barock-Komponisten Henry Purcell und übte sich dabei fleißig in der Überspitzung, so wie Greenaway bei der Inszenierung des Krimis die Übertreibung zum dominanten Stilmittel erklärte.

Hohe Kunst und niedere Absichten? © Studiocanal

Hohe Kunst und niedere Absichten? © Studiocanal

Wer eine Geschichte erzählen will, sollte sich zuerst über die Form der Erzählung im Klaren sein. Dergestalt ließe sich Peter Greenaways Überzeugung und somit auch seine Sorge erklären, ein Bewusstsein für formale Verpflichtungen gehe den Erzähler*innen des zeitgenössischen Films immer mehr verloren. Vielleicht auch weil er fürchtet, dass jene heute noch viel eher in den Marketing- und Vertriebsabteilungen sowie in den Chefetagen der Produktionsfirmen zu finden sind als auf den Regie-Stühlen in oder sonstigen Bereichen der Kreativabteilung. Wie dem auch sei – es bleibt eine ungetrübte Wonne, sich dem amüsanten Vexierspiel hinzugeben, das Greenaway da zu Beginn der 1980er Jahre entfaltete, und dessen subtiler Humor und andeutungsreiche Handlung filmhistorisch aus dieser Dekade elegant hervorstechen.

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Der naive Maler als Libido-getriebene Hauptfigur eines undurchsichtigen Ränkespiels der Oberklasse, seine Kunst wie sein Lebensunterhalt durch mal gönnerhafte mal bevormundende Verträge gefesselt. Und seine Zeichnungen? Eher Indizien wirklicher (und blutiger) Vorgänge, die in der Betrachtung zu einer bestimmten Realität uminterpretiert werden, als bloße Abbilder der Wahrheit (und menschenleeren Gärten), wie sie ihm vorschweben. Greenaway orchestriert nicht nur minuziös ein formidables Ensemble um Anthony Higgins, Janet Suzman und die aus Peter Weirs Picknick am Valentinstag bekannte Anne-Louise Lambert. Wie in späteren Filmen – etwa dem mit viel schwarzem Humor anreicherten Krimi Verschwörung der Frauen oder dem opulenten Ein Z und zwei Nullen – dirigiert er hier die Blicke des Publikums und lenkt sie geschickt vom Wesentlichen ab, das sich unter den vielen inszenatorischen Schichten verbirgt.

Liebe im 17. Jahrhundert © Studiocanal

Liebe im 17. Jahrhundert © Studiocanal

Als Kind wollte Peter Greenaway Maler werden. Wir können froh sein, dass seine Bilder laufen lernten und Greenaway den Glauben ans Experimentelle ausleben darf – auch wenn von festen Vorstellungen getriebene Künstler*innen wie er mitunter in saure Äpfel beißen müssen, die mehr als Allegorien sind, als welche sie in Der Kontrakt des Zeichners beschrieben werden. Es sind nun mal die Widersprüche des Lebens, die permanent neue Widersprüche hervorbringen. Hoffen wir also auf weitere anspruchsvolle Werke Greenaways, die uns so manche schwere Stunde leicht und unterhaltsam gestalten. Darüber hinaus gratulieren wir herzlich zum 80. Geburtstag und zum 40-jährigen Jubiläum seines grandiosen Debüts, das eine große Karriere vorzeichnete.

WF

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