Als ich mit 17 zum ersten Mal auf einem Ska-Konzert landete, hatte ich Angst. Eine niederländische Band, die auch in Kategorie-C-Fußball-Kreisen gefeiert wurde, spielte im eigentlich linken Jugendclub Schlachthof in Bremen. Als ich mit meinen älteren Freunden über den Parkplatz ging, sah ich hunderte Glatzen. Skindheads mit engen Jeans, Doc-Martens-Stiefeln, Hemden, Fred-Perry- und Lonsdale-Shirts, Hosenträgern, Bomberjacken in grün, rot und schwarz.
Es waren die späten 90er, jene Zeiten, die später den Titel "Baseballschläger-Jahre" bekommen sollten. Skinheads kannte ich also vor allem aus dem Fernsehen, aus Berichten über rassistische Gewalt in den "neuen Bundesländern". Ich fragte mich kurz: War ich hier etwa auf dem Konzert einer rechten Band gelandet? Hatte ich meine erst vor einem Jahr gefundene, gut elf Jahre ältere Konzert-Clique falsch eingeschätzt? Ich war etwas verwirrt, was meine Freunde mir vermutlich ansehen konnten. Also bekam ich einen kleinen Crashkurs – und hörte tatsächlich zum ersten Mal, wie zerrissen die Skinhead-Kultur ist und war. Ich lernte es, auf Buttons wie "SHARP" (steht für "Skinheads against racial Prejudice") oder "Trojan" (ein Label, das in den 60ern jamaikanische Musik nach England brachte) zu achten, hörte Begriffe wie "Redskins" (linke, anarchistische oder marxistische Skins) oder "Hammerskins" (rechtsradikale Skinheads, wie ich sie damals vor allem vor Augen hatte).
Das Konzert war am Ende fantastisch: stylische Skins und zahlreiche POCs tanzten zusammen und ich verliebte mich mehr als einmal innerhalb von Sekunden in die sogenannten "Reneegirls", die mit ihrer toughen Skinhead-Fashion und den ikonischen Feathercut-Frisuren die coolsten Frauen waren, die ich seit langem gesehen hatte. Nach diesem Abend machte ich meine Hausaufgaben: Ich las über die Ursprünge der Skinhead-Bewegung in England, die Verbindung zur jamaikanischen Musik, bestellte bei einem Ska-, Punk- und Reggae-Mailorder Bücher wie "Spirit of ’69 – A Skinhead Bible" von George Marshall. Ich war nie richtiger Skinhead, aber ging ein paar Jahre lang auf etliche Ska- und Punk-Konzerte, bei denen ich sicher sein konnte, dass hier die eher linksgerichteten Skins tanzten. Und ich interessierte mich immer mehr für diese Subkultur – die Ende der 70er und Anfang der 80er auf eine Weise zerrissen wurde, die bis heute nachwirkt.
Ein paar Jahre später kamen dann zwei Filme, die mich immer wieder an meine Faszination für diese Subkultur erinnern werden. Einer davon, die Dokumentation Skinhead Attitude von Daniel Schweizer, soll hier nicht Thema sein, aber zumindest kurz erwähnt werden. Hier soll es um This is England von Shane Meadows gehen, der 2006 in die Kinos kam und damals schnell einer meiner Lieblingsfilme wurde. Und das, obwohl, oder gerade, weil er kein angenehmer Film ist.
Shane Meadows erzählt darin aus dem Leben des zwölfjährigen Shaun, der sehr intensiv vom damals 13jährigen Thomas Turgoose gespielt wird. Shaun ist der Sohn eines britischen Soldaten, der im Falkland-Krieg gestorben ist. Er wohnt mit seiner Mutter in Grimsby. Wir schreiben das Jahr 1983. Es sind die tristen und von Wut und Zerfall geprägten Thatcher-Jahre, in denen der Sozialstaat filetiert wird, die Arbeitslosigkeit steigt und die Auseinandersetzungen mit Staat und Kapital immer gewalttätiger werden – bis sie sich schließlich 1984 und 1985 in den Bergarbeiterstreiks entladen, die von der Polizei brutal niedergeknüppelt werden. Shaun wird in der Schule gehänselt, wehrt sich aber mit verzweifelten Wutausbrüchen gegen die älteren Jungs.
Eines Nachmittags wird Shaun dann von einer älteren Skinhead-Clique auf dem Nachhauseweg angequatscht. Shaun vermutet erst weitere Hänseleien, merkt aber schnell, das vor allem der charismatische, lustige Woody (Joe Gilgun) ein feiner Kerl ist. Obwohl die Skins und die Renee-Girls wie Lol (Vicky McClure) fast zehn Jahre älter sind, laden sie Shaun in ihre kleine Gang ein – erst aus Mitleid, dann aus echter Zuneigung. Shaun bekommt von Lol einen Skinhead-Haarschnitt verpasst, und die Jungs legen für ein passendes Jeans-Docs-Hosenträger-Hemd-Outfit zusammen.
Aber die Euphorie hält nicht lange: Plötzlich steht der noch ein wenig ältere Skinhead Combo vor der Tür. Er hat gerade eine mehrjährige Haftstrafe abgesessen und bringt seinen bulligen Zellengenossen mit. Der charismatische, aber verstörende Combo wird von Stephen Graham gespielt, der in den Jahren darauf zu einem der Charakter-Darsteller Englands wurde – und im vergangenen Jahr als Showrunner, Co-Writer und Produzent der Serie Adolescence TV-Geschichte schrieb.
Combo und sein Knastkumpel sind in den vergangenen Jahren hart rechts abgebogen. Sie liebäugeln mit der rechtsradikalen National Front, hauen immer wieder das N-Wort raus. Combo verachtet inzwischen sogar seinen ehemaligen Kumpel Milky (Andrew Shim), ein Sohn jamaikanischer Einwanderer. Combo spaltet die Clique. Lol und Woody wenden sich ab, Milky ebenso. Shaun wiederum sieht in Combo eine Art Vaterfigur und lässt sich ein Stückweit von dessem rassistischen Weltbild einnehmen. Plötzlich nennt auch der einst so nette Shaun den pakistanisch-britischen Kioskverkäufer einen "paki bastard".
This is England fängt mit seiner nahen, intensiven Erzählweise und den facettenreichen Charakteren perfekt im Kleinen ein, was im Großen in dieser Zeit in der Skinhead-Bewegung passierte. Die Skins wurden damals massiv von der National Front umworben. Viele von ihnen – oft jene, die auch in der Hooligan-Szene aktiv waren und auf ihre weißen Working-Class-Roots pochten – waren für dieses rassistische Weltbild empfänglich, das auf britischen Nationalstolz und Männlichkeit setzte und für alle Probleme den perfekten Sündenbock hatte. Es ist jener Sündenbock, der immer noch tagtäglich, menschenverachtend und ermüdend im rechten Populismus eingehämmert wird: der eingewanderte Mensch und seine Nachfahren. Auch musikalisch zeigte sich die Zerrissenheit der Skinhead-Szene in Karrieren wie jener der Band Screwdriver, die ein paar Jahre zuvor viele Skins mit ihrer Musik in rechte Kreise holte, obwohl sie als eher unpolitische, wenn nicht gar linke Band gestartet war.
Shaun sieht in Combo eine Art Vaterfigur. © Arthaus / Studiocanal
In This is England entlädt sich dieser Konflikt innerhalb der Clique in einigen fast unangenehm intensiven Szenen. Vor allem die langsam eskalierende Auseinandersetzung in Combos Wohnung am Ende des Films, nach der unter anderem Milky bewusstlos und blutig geschlagen auf dem Bett liegt, ließ mich auf Jahre nicht mehr los. Meadows, der Regie führte und das Drehbuch schrieb, hat dabei trotzdem noch Empathie für den innerlichen zerrissenen Combo, dessen toxisches Charisma diesen Film immer wieder aufmischt. Trotzdem freut man sich, dass Woody, Lol und am Ende auch Shaun endlich einsehen, dass er ein gewalttätiges, rassistisches Arschloch geworden ist.
Auf mich und auf viele andere, die sich für britische Subkultur interessieren, wirkte This is England aber auch so nachdrücklich, weil der junge Thomas Turgoose, Stephen Graham und allen anderen im Cast hier eine Geschichte spielen, die sehr genau beobachtet und sehr authentisch erzählt wird. Man ahnt nämlich schnell, dass es kein Zufall ist, dass hier ein Shane von einem Shaun erzählt und sich sehr genau mit Skinhead-Codes, -Mode und -Geschichte auskennt.
Shane Meadows sagte über den Film, den er später als Serie mit den gleichen Charakteren fortsetzte: "Im Grunde ist es meine eigene Geschichte. 1983 war das Jahr, in dem ich selbst Skinhead wurde. Ich rasierte mir den Kopf, zog ein Paar Doc Martens an und ging in ein Tattoo-Studio. Es ist eine Tragödie, dass 95 Prozent der Menschen Skinheads mit Rassismus in Verbindung bringen. Die ganze Subkultur entstand aus der Liebe zur schwarzen Musik und war ursprünglich eine sehr linke, sozialistische Bewegung. Erst später nutzte die National Front die Wut und Frustration ihrer Mitglieder und lenkte sie gegen Minderheiten."
Meadows machte damals eine ganz ähnliche Entwicklung durch wie der junge Shaun: "Ich stammte aus einem weißen Arbeitermilieu, und mir wurde ständig erzählt, dass die Asiaten uns alle Arbeitsplätze wegnehmen würden. Drei bis vier Wochen lang habe ich das geglaubt. Doch dann wurde ich Zeuge entsetzlicher Gewalt und erkannte, dass das alles Blödsinn war."
Als ich mir This is England heute zum ersten Mal seit einigen Jahren wieder angeschaut habe, fiel mir auf, dass dieser Film im Kern noch immer hochaktuell ist, obwohl er modisch, musikalisch und optisch so eindeutig in einer längst vergangenen Zeit verankert ist. Was früher die National Front war, sind heute neue rechte Populisten, die sich auf TikTok sehr aggressiv an junge Menschen ranwanzen und Rechts-Sein als Coolness verkaufen wollen. Auch die Looks der Identitären und der rechten Hooligans setzen immer noch auf eine Mode, wie sie die Skinhead-Szene einst etabliert hat. Und auch der Riss von damals ist bis heute spürbar: Die Ska- und Punkszene ist noch immer im ganzen Land präsent und feiert die jamaikanischen Roots dieser Musik- und Subkultur. Nur leider geht das oft unter, weil die rechten Glatzen und ihre Erben diese weltoffene Szene mit ihrem abgehängten Weltbild überstrahlen.
DK