Man weiß gar nicht so recht, wie man über diesen Film schreiben soll. Schon gar nicht in den unmittelbaren Minuten nachdem man ihn gesehen hat. Erste Versuche, schon mal Notizen zu machen, scheitern allein daran, dass man ungehemmt weint. Nicht besser wird es, wenn man schauen will, was andere bereits über den Film geschrieben haben, und man dabei im Internet nur einmal falsch abbiegt. Dann ist man nämlich schon gleich wieder drin im unerbittlichen Deutungskampf des Israel-Palästina-Konflikts. Da wird dieser Film, dessen Wirkung sich wohl niemand entziehen kann, wahlweise als Propaganda und emotionale Erpressung oder bewegendes Kino zwischen Dokumentation und fiktionaler Dramatisierung beschrieben. Er ist, soviel sei jetzt schon gesagt, letzteres.
Ein Film über ein am 29. Januar 2024 von der israelischen Armee getötetes Kind aus Gaza kann natürlich nicht nicht politisch verhandelt werden. Trotzdem wünscht man sich, dass sich das Publikum zumindest für die Länge des Films unvoreingenommen dieser traurigen, wahren Geschichte aussetzt – und diesen Film dabei als das sieht, was er eben auch ist: ein emotionaler Appell für humanitäre Hilfe in Kriegsgebieten und eine Verneigung vor jenen Menschen, die diese Arbeit leisten.
Aber der Reihe nach. Hind Rajab war ein junges Mädchen aus dem Westen von Gaza-Stadt, das am 29. Januar 2024 bei einer Militäraktion der israelischen Armee im Gazastreifen getötet wurde. Sie wurde sechs Jahre alt. Hind Rajabs Mutter Wissam hatte ihrer Tochter einen Platz im Auto von Verwandten organisiert. Die gesamte Familie war auf dem Weg zu einem Krankenhaus im Osten der Stadt, um Zuflucht vor den zunehmenden Angriffen der Armee auf ihr Viertel zu suchen. Während Hinds Mutter sich mit einem ihrer älteren Kinder zu Fuß aufmachte, geriet der Wagen von Hinds Onkel und Tante unter Beschuss. Von den sechs Personen im Auto überlebten zunächst Hind und ihre 15-jährige Cousine Layan Hamadeh. Letztere war es auch, die gegen 14.30 Uhr beim Palästinensischen Roten Halbmond (PRCS) im über 100 Kilometer entfernten Ramallah anrief. Noch während des Telefonats wurde Layan getötet – und die PRCS-Mitarbeiter:innen führten das Gespräch mit Hind weiter. Über Stunden hielten sie den Kontakt und versuchten eine sichere Route für einen Krankenwagen auszuhandeln. Als diese endlich genehmigt wurde und der Wagen nur noch wenige Meter entfernt war, wurde wieder geschossen. Hind und die beiden Sanitäter Yusuf Zeino und Ahmed Al-Madhoun starben dabei.
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Hind Rajabs Tod sorgte für internationales Entsetzen und wurde später von Investigativjournalist:innen minutiös rekonstruiert – zum Beispiel von der Washington Post. Die große Anteilnahme resultierte aber auch aus der Tatsache, das der Palästinensische Rote Halbmond auf seinen Social-Media-Accounts nicht nur Kinderfotos von Hind und den beiden Sanitätern teilte, sondern auch Auszüge der Tondbandaufnahme des Notrufs.
Wer diese Stimme hört, wird sie nie wieder vergessen. Sie ist erst ängstlich, verstört, dann plötzlich trotzig. Sie bricht einem das Herz. Regisseurin Kaouther Ben Haniain beschrieb den Moment, in dem sie Hinds Flehen zum ersten Mal hörte: "Hinds Stimme wurde in diesem Moment zu mehr als dem verzweifelten Ruf eines Kindes. Sie fühlte sich an wie die Stimme Gazas selbst, die ins Leere um Hilfe ruft, beantwortet mit Gleichgültigkeit, beantwortet mit Stille. Eine schmerzlich reale Metapher: ein Hilferuf, den die Welt hören konnte, auf den aber offenbar niemand bereit oder in der Lage war zu reagieren."
Die Wucht ihres Filmes und die emotionalen Reaktionen darauf, resultieren vor allem aus der Entscheidung, die Originalaufnahme des Notrufs zu verwenden – was natürlich mit der Erlaubnis von Hinds Mutter und der gesamten verbliebenen Familie passierte. "Ich wandte mich zuerst an den Palästinensischen Roten Halbmond, um die vollständige Aufnahme zu hören", erklärt Kaouther Ben Haniain. "Sie war über siebzig Minuten lang. Das sind siebzig Minuten des Wartens, der Angst, des Versuchs, durchzuhalten. Es war eines der schwersten Dinge, die ich je gehört habe. Dann begann ich, mit Hinds Mutter zu sprechen und mit den Menschen, die am anderen Ende der Leitung waren und die versuchten, sie allen Widrigkeiten zum Trotz zu retten. Wir sprachen stundenlang."
Wer die bisherigen Filme der Regisseurin kennt, weiß, dass sie oft Dokumentation mit Fiktion vermischt. Ihr faszinierender Film Olfas Töchter erzählt zum Beispiel von einer tunesischen Mutter und ihren vier Töchtern, von denen zwei ein freies, emanzipiertes Leben anstreben, während sich die anderen zwei zunehmend religiös radikalisieren und sich am Ende dem IS anschließen. Kaouther Ben Haniain lässt die beiden Schwestern, die fortgegangen sind, nun von Schauspielerinnen "vertreten" und bringt die Familie auf diese Weise zusammen. Für die realen Personen der Geschichte wird dieses emphatische Spiel dabei fast wie eine heilsame Therapie.
Für Die Stimme von Hind Rajab hat Kaouther Ben Haniain nun eine Art dramatisches Kammerspiel geschrieben. Der Film spielt ausschließlich in der Telefonzentrale des Palästinensischen Roten Halbmonds. Die Dialoge entstanden im Dialog mit den am 29. Januar 2024 tatsächlich anwesenden Helfer:innen. "Als ich begann, mit der echten Rana, Omar, Nisreen und Mahdi zu sprechen, wurde mir schnell klar, dass keiner von ihnen jemals die Aufnahmen ihrer eigenen Stimmen von diesem Tag gehört hatte", erklärt die Regisseurin. "Als sie also mit mir sprachen, erzählten sie nicht, was sie gesagt hatten, sondern was sie gefühlt hatten. Dieser Unterschied war enorm wichtig, sowohl ethisch als auch filmisch. Ihre Erzählungen waren keine nüchternen Protokolle, sondern zutiefst persönliche, subjektive Berichte über Angst, Hilflosigkeit, Verwirrung und moralischen Druck. Das gab mir eine besondere Ebene, mit der ich arbeiten konnte: Während die Aufnahme das faktische Rückgrat des Films bildet, erlaubten mir ihre Erinnerungen, ihre inneren Erfahrungen ins Zentrum zu rücken." Bei den Dreharbeiten war es ähnlich: Der palästinensische Cast hört die Stimme von Hind auch zum ersten Mal, als die Kameras schon liefen.
Regisseurin Kaouther Ben Haniain © Mathilde Marc
Einige Filmkritiker:innen werfen Kaouther Ben Haniain genau diese Inszenierung vor – andere verurteilen, dass man Hinds Originalstimme hört. So sehr man das moralische Unbehagen aber auch verstehen mag – man verspürt es ja selbst – fragt man sich dennoch, ob diese Diskussion nicht auch ein Schutzmechanismus ist, der die Zuschauenden davon ablenkt, sich der Tatsache zu stellen, dass man hier ganz real hört, wie ein Kind stirbt. Man sieht dabei aber auch, wie eine Gruppe von Menschen verzweifelt darum kämpft, sie zu retten – und dabei fast selbst zerbricht.
Kaouther Ben Haniain sagt: "Ich musste eine filmische Form finden, in der das Erzählen nicht Erfindung bedeutet, sondern eine Weitergabe von Erinnerung, von Trauer, von Versagen. In diesem Sinne hatte ich nie das Gefühl, etwas zu erfinden." Ihre Aufgabe sei es gewesen, einen filmischen Raum zu gestalten, der dieser Stimme mit Würde gerecht wird." Sie fühle sich auch unwohl mit der Beschreibung, ihre Filme würden "Genres verwischen". Sie finde eher: "Der Film intensiviert sie. Er dehnt aus, was Dramatisierung tragen, und was Dokumentarisches bewahren kann."
Auf den Vorwurf, mit ihrem Film Propaganda zu betreiben, sagte Kaouther Ben Haniain kürzlich in einem Interview mit dem Magazin "ttt – Titel, Thesen, Temperamente": "Propaganda ist ein Instrument der Mächtigen. Sie nutzen ihre Propaganda, um ihre Macht zu legitimieren. Welche Macht hatte denn Hind Rajab? Sie hatte keine. Mir geht es darum, Kino zu einem Ort der Empathie und der gemeinsamen Menschlichkeit zu machen."
Man merkt es diesem Text vielleicht an: Die Stimme von Hind Rajab ist nicht in einer normalen Rezension greifbar. Selbst mit einem Abstand von einigen Tagen, weiß man nicht so recht, wie man am besten darüber schreiben oder gar fühlen soll – und was von den immensen Emotionswallungen bleibt, die man beim Abspann gefühlt hat.
Aber vielleicht machen diese Zeilen Sinn: Die Stimme von Hind Rajab zeigt uns ungeschönt, was Krieg für die jüngsten und unschuldigsten bedeutet, die ihm zum Opfer fallen. Es ist aufwühlend und bisweilen brutal intensiv, diesen Film zu sehen. Und das, obwohl oder gerade weil man mit den Kameras ja gar nicht auf den blutigen Teil des Krieges schaut, wie es all diese Kriegsfilme so gerne tun. Wie soll man denn auch all das nachfilmen, was Hinds Stimme allein ausdrückt? Dafür sehen wir aber die ganze Zeit den Menschen zu, die trotz des Krieges, trotz der Gefahr für die Helfenden vor Ort, trotz der immensen emotionalen Belastung, versuchen, in einem blutigen Konflikt ein Mindestmaß an Menschlichkeit, Kooperation und Regelwerk aufrecht zu erhalten. Je länger man darüber nachdenkt, desto deutlicher spürt man, dass Die Stimme von Hind Rajab auch und vor allem eine empathische Verneigung vor der humanitären Hilfe ist – und all jenen Menschen, die versuchen, diese zu gewährleisten.
In diesem Fall ist das eben die regionale Vereinigung Palästinensischer Roter Halbmond, bei der sich rund 4.000 Angestellte und über 13.000 Freiwillige engagieren, die unter anderem in 15 Krankenhäusern und mit 160 Krankenwagen Hilfe leisten. Seit Beginn der großflächigen Kampfhandlungen in Gaza im Jahr 2023, die nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 begannen, hat die PRCS kontinuierlich ambulante und stationäre Hilfe geleistet, verletzte Zivilpersonen behandelt und Evakuierungen unterstützt.
Wenn man aus Die Stimme von Hind Rajab also so etwas wie Hoffnung ziehen kann, dann vielleicht in der Erkenntnis, dass es Menschen wie die hier gezeigten gibt, die mit Empathie und Pragmatismus versuchen, in Kriegsregionen Leben zu retten. Und Kaouther Ben Haniains Entschluss, nur die Zentrale des Palästinensischen Roten Halbmonds in Ramallah zu zeigen, und sich nur auf die Zeitspanne der Rettungsversuche zu konzentrieren, hilft dann vielleicht dabei, tatsächlich unvoreingenommen auf diese Szenen zu schauen, den so komplexen, vertrackten, blutigen und aufgeladenen Konflikt einmal in seiner Gänze auszublenden, um am Ende wirklich radikale Empathie zu empfinden, die eigentlich nur zu der Frage führen kann: Warum passieren solche Dinge auf dieser Welt? Und was kann man tun, damit sich das ändert?
DK