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Xavier Gens: "Der schlimmste Moment in meinem Leben als Martial Arts-Film"

Wir haben mit dem Regisseur über Farang – Schatten der Unterwelt (ab 23.11. im Kino) und Rachegefühle gesprochen.

23. November 2023

Xavier Gens gehört zu den Filmemacher*innen, die ihr Handwerk nicht durch eine schulische Ausbildung sondern in der Praxis erlernt haben. Über Praktika und Assistenzen, you name it. Er begann mit Werbeclips und Kurzfilmen, 2006 machte er sich als Regisseur des abendfüllenden Spielfilms Frontiers – Kennst du deine Schmerzgrenze? einen Namen. Dafür lotete er die inneren Grenzen des Backwood-Horror-Genres aus. Das bedeutet, dass er die Genre-Regeln nicht offensichtlich brach oder gar ironisch in Frage stellte, dem Filmgeschehen mithilfe zahlreicher Details aber eine Tiefe verlieh, zu deren Wesen es gehört, dass Genrefilm-Ignoranten ihre Existenz gerne prinzipiell verleugnen. Hier jedoch waren die gesellschaftspolitischen Referenzen so deutlich, dass selbst neunmalklügste Filmfans Frontiers vermutlich am ehesten als Genregrenzen sprengenden Horrorfilm bezeichnen würden. Dabei hält er sich formal an so viele Genreregeln, dass es Genre-Liebhaber*innen wiederum ein Fest ist.

Er kann kämpfen aber wird er am Ende triumphieren? © Studiocanal

Er kann kämpfen aber wird er am Ende triumphieren? © Studiocanal

Ein bisschen lässt sich diese produktive Ambivalenz und ihre unterschiedliche Wahrnehmung je nach Klientel auch bei Xavier Gens‘ neuem Film Farang – Schatten der Unterwelt vermuten, auch wenn sich die politischen Aspekte hier mehr ins Private verschieben. Allerdings beginnt Farang mit einer unterschwelligen sozialkritischen Message, die so subtil gar nicht ist: Der Knast ist ein übler Ort, das Gefängnis auch heute kein Raum für Resozialisierung – nicht im Kino, schon gar nicht in der Wirklichkeit.

Farang ist auch ein außergewöhnlich rasanter, in Gaming-Geschwindigkeit eskalierender und famos choreografierter sowie gespielter Martial-Arts-Reißer.

Sam sitzt wegen Drogenhandels in einer Hochsicherheitsvollzugsanstalt außerhalb von Paris. Ein mieses Loch, in dem ein Mensch allein in seiner Zelle mit einer Ratte zu sprechen beginnt, um nicht den Verstand zu verlieren. Das ist zumindest eine der Geschichten, die Xavier Gens in realen Gesprächen von einem echten ehemaligen Häftling erzählt bekommen hat, der beinahe 30 Jahre für den Überfall auf einen Geldtransporter einsaß. Gens wollte diese Story unbedingt aufgreifen und das Gefängnis im Film als trostlose Sackgasse zeigen, wo einem nur die Ratte oder der Traum vom besseren Leben Hoffnung spenden. Aber das bessere Leben ist schwer vorstellbar, sogar außerhalb des Knasts. Sofern man es als Knasti über dessen Mauern hinweg geschafft hat, stößt man wieder überall auf Grenzen. Bauliche und soziale. Begrenzungen seien laut Xavier Gens ebenso absichtsvoll auch im metaphorischen Sinn in die anfänglichen Szenen integriert wie die Baustelle, auf der Sam als Freigänger schuftet. "Die Umgebung soll durchaus versinnbildlichen, dass Sam an sich arbeitet und fest entschlossen ist, sich eine neue Existenz aufzubauen." Es sind die Verhältnisse, die den Menschen solange prägen, bis er den Verhältnissen seinen Stempel aufdrückt. Später kommt es in Farang dann zu einem unglückseligen Zusammentreffen – und Sam muss auf der Stelle abhauen.

Entscheidender Moment am Strand © Studiocanal

Entscheidender Moment am Strand © Studiocanal

Doch in gewissem Sinn ist Sam schon als Bauarbeiter auf der Flucht. Bevor sich sein Schicksal ganz entscheidend ändern soll, rettet er auf dem Bau erst mal einem senegalesischen Kollegen das Leben. Eine zunächst eher unscheinbare Szene, die aber ungemein wichtig für den gesamten Film ist. Der Gerettete bedankt sich bei Sam, der ihn wiederum fragt, wie der Alltag für ihn in Frankreich denn so sei. Die Antwort ist vielsagend: "Im Senegal war es noch schlimmer als hier!" Xavier Gens bestätigt, dass sich in dieser Begegnung mit dem Geflüchteten einer der Schlüssel für Sams kommenden Lebensweg versteckt. Und noch etwas sei wichtig: "Einer der Statisten der Szene ist als Refugee tatsächlich aus dem Kongo nach Frankreich gekommen und hat ein Buch über seine Flucht geschrieben. Die Situation ist also sehr stark mit real Erlebtem aufgeladen."

Es steckt viel drin in Xavier Gens' Farang. Ursprünglich hatte der Franzose hauptsächlich seine Erfahrungen aus der Mitarbeit an der Serie Gangs of London und Einflüsse aus Hongkong-Action-Filmen zusammenbringen wollen. Der finale Film mag nun gleich mehrere Geschichten in einer zusammenführen und am Beispiel Frankreichs den Finger in die Wunden der zeitgenössischen europäischen Gesellschaften und deren institutionellem Rassismus und vielen menschlich unhaltbaren Institutionen legen, aber letztlich funktioniert Farang auch als außergewöhnlich rasanter, in Gaming-Geschwindigkeit eskalierender und famos choreografierter sowie gespielter Martial-Arts-Reißer. Apropos Gaming-Geschwindigkeit. Kein Geheimnis ist es, dass Luc Besson sich einst dafür einsetzte, dass Xavier Gens bei der Videospiel-Adaption Hitman – Jeder stirbt alleine Regie führte. Er hat es drauf mit dem entsprechenden Tempo.

Sam geht seinen Weg – egal wie viele gegen ihn sind © Studiocanal

Sam geht seinen Weg – egal wie viele gegen ihn sind © Studiocanal

Farang führt uns nach Thailand, schließlich rührt der Filmtitel von der Bezeichnung für "Weiße" oder "Westler" in Thailand her. Mal als Schimpfwort, mal als Selbstbezeichnung in Gebrauch. Sam, der auch in Frankreich einen Migrationshintergrund hatte, outet dieser Begriff erst recht als heimatlosen Menschen. Immerhin baut er ich in Thailand ein neues Leben mit Frau und Tochter auf. Es ist das weiter oben beschworene bessere Leben, dass es für einen wie ihn eigentlich nicht geben kann. Nicht, weil Sam unfähig wäre, es zu leben, sondern weil es immer wieder Menschen gibt, die es ihn nicht leben lassen. Auch hier holt Sam die Vergangenheit ein, das postkoloniale Arschloch Narong zwingt Sam zu einem illegalen Job. In dem Gangster und seiner Verkörperung durch Olivier Gourmet findet der MMA-erprobte Hauptdarsteller Nassim Lyes seinen kongenialen Widerpart auf allen möglichen Ebenen. Während Lyes als Sam nachher alles – vor allem Hand und Fuß – in Bewegung setzt, um seine Tochter aus der Gewalt Narongs zu befreien, bleibt der überhebliche Drecksack bis zum Schluss der typische Boss – und zwar von Kopf bis Fuß. Da mag Sam all seine Mitarbeiter*innen massakrieren und Narong, der wahre überhebliche Farang, dies auf diversen Monitoren seines Überwachungssystems angezeigt bekommen, er denkt bis zur letzten Sekunde weiter, dass er Sam schlussendlich mit einem Schuss erledigen wird.

Rachefeldzug mit mit Hand und Fuß

Rachefeldzug mit mit Hand und Fuß

Wie auch immer die Geschichte ausgeht, die Rachegelüste Sams, der seine Tochter retten will und seine Frau bereits verloren hat, sind für das Publikum nachvollziehbar inszeniert, was auch daran liegt, dass Regisseur Xavier Gens vollstes Verständnis für diesen emotionalen Moloch hat, in dem sich der Sinn für Gerechtigkeit mit dem gefährlichen Anspruch mischt, das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen.

"Ich habe eine neunjährige Tochter. Als ich mich also in die Geschichte hineinversetzte, dachte ich: 'Stell dir vor, das passiert deiner Tochter. Wie würdest du reagieren? Was würdest du fühlen?' Ich war mal mit meiner Tochter am Strand, verlor sie für drei Sekunden aus den Augen und geriet total in Panik. Das war der schlimmste Moment in meinem Leben. Als ich mich wieder beruhigt hatte, dachte ich: 'Dieses Gefühl möchte ich eines Tages in einem Film verwenden.' Für Farang habe ich es in die filmische Form eines Martial-Arts-Films gebracht." Sam muss nach seinem Blutrausch letztlich damit leben, ein zigfacher Killer zu sein. Wir fragen uns derweil, ob es nicht zuletzt auch das französische Gefängnis war, dass aus ihm diese krasse Mordmaschine gemacht hat.

Wolfgang Frömberg

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