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Zum Tod von Ryūichi Sakamoto

Am Dienstag, dem 28. März 2023 starb der japanische Pianist, Produzent und Komponist Ryūichi Sakamoto im Alter von 71 Jahren. Wir hören noch einmal seine wundervolle Musik und verneigen uns vor diesem Grenzgänger zwischen elektronischen und klassischen Soundwelten, den viele aus dem Film Merry Christmas, Mr. Lawrence kannten.

03. April 2023

Ein beschwingtes Pianospiel, luftig, positiv, fast poppig – und dann, plötzlich, ab Sekunde 40 greift die Wehmut in die Klaviatur, verlangsamt den Rhythmus, zieht die Stimmung in dunkle Gefilde und erhellt sich bis zum Schlussakkord nur minimal. Das beschreibt maximal unzureichend, aber doch im Groben die Wirkung einer der letzten veröffentlichten Aufnahmen von Ryūichi Sakamoto. Das Stück heißt "20220302", und man findet es auf dem letzten Album des am Dienstag verstorbenen Musikers, Produzenten und Komponisten. "12" ist eine intime, schmerzhaft-schöne Momentaufnahme – eingespielt als eine Art musikalisches Tagebuch, in einer Zeit, in der Sakamoto sich von einer schweren Operation erholte und gegen seine Krebserkrankung kämpfte. Er selbst sagt über dieses Album: "Nachdem ich nach einer großen Operation endlich in meine neue vorübergehende Unterkunft 'heimgekommen' war, griff ich zum Synthesizer. Ich hatte nicht die Absicht, etwas zu komponieren; ich wollte einfach nur von Klängen überflutet werden. Wahrscheinlich werde ich diese Art von 'Tagebuch' auch weiterhin führen."



Ryūichi Sakamoto dabei zuzuhören, wie er Musik macht, ist übrigens ebenso schön, wie ihm dabei zuzuhören, wenn er über Musik redet. 2018 sagte er im Rahmen des spanischen Elektro-Festivals "Sónar" zum Beispiel: "I have been thinking about what music is for a long time, for like maybe half a century now. I’m still thinking and asking myself what music is. Of course nobody has an answer. Or maybe each one has it’s own answer right now." Im Falle von Sakamoto hat man das Gefühl, dass sich diese Antwort immer wieder veränderte. Auch wenn der Synthesizer und das Klavier bestimmende Elemente wurden, blieb er immer ein neugieriger Grenzgänger. In den Siebzigern und frühen Achtzigern machte er als Teil des Yellow Magic Orchestra futuristische Popmusik, die auch mal europäische und amerikanische Klischeevorstellungen von japanischer Musik auf die Schippe nahm. 2012 gab es eine spektakuläre Reunion vom Yellow Magic Orchestra beim "No Nukes"-Konzert, bei dem auch Kraftwerk spielten – die sich ebenfalls zu Sakamotos Fans zählten und umgekehrt. Das Thema Atom-Energie und Atom-Waffen sollten auch das letzte Jahrzehnt seines Lebens prägen: Nakamoto wurde nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima zum Aktivisten und Kritiker der Kernkraft.

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Das Kino war in Ryūichi Sakamotos Leben mindestens so präsent wie die Musik, was sich ganz gut an den Auszeichnungen ablesen kann, die er in seiner langen Karriere gesammelt hat. Er bekam über die Jahre einen Oscar, einen BAFTA, einen Grammy and zwei Golden Globes. Auch vor der Kamera konnte man Sakamoto erleben. Auf persönlichen Wunsch des Regisseurs spielte Sakamoto 1983 neben David Bowie eine Hauptrolle im ergreifenden Furyo – Merry Christmas, Mr. Lawrence (Foto). Sakamoto bewies schon damals sein Verhandlungsgeschick: Er sagte, dass er die Rolle nur übernähme, wenn er auch den Score komponieren dürfe. Später arbeitete Sakamoto wiederholt und sehr erfolgreich mit Bernardo Bertolucci. Sakamoto komponierte die Musik für Der Letze Kaiser, Himmel über der Wüste und Little Buddha – erst genannter brachte ihm den Oscar ein. Eine wohl verdiente Trophäe: Ryūichi Sakamoto dirigierte vor Ort ein 40-köpfiges Orchester und musste seine Musik oft "on the fly" umschreiben, wenn Bertolucci mal wieder forderte: "Mehr Emotion! Mehr Emotion!"

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Was Ryūichi Sakamotos Musik über die Jahre auszeichnete, war seine Neugier und sein Entdeckungsdrang. Er interessierte sich stets für die neusten technischen Möglichkeiten und arbeitete mit Gleichgesinnten. Zum Beispiel mit dem wandelbaren, oft als avantgardistisch empfundenen Sänger David Sylvian. Man hört Sakamoto auch auf späten Alben der TripHop-Pioniere von Massive Attack, oder an der Seite von Arca – eines DER Produzenten-Genies der letzten Dekade. Aber auch Sakamotos Kunst inspirierte sich manchmal ganz konkret an Künstlern, die er verehrte. Sein dunkles Album "async" aus dem Jahr 2017 komponierte er zum Beispiel ausdrücklich als "Soundtrack für einen nicht-existenten Film von Andrei Tarkovsky". Wie sehr im hin und wieder die ganz große Bühne gefiel, zeigte dann zum Beispiel seine Arbeit für die Olympischen Spiele in Barcelona im Jahr 1992, für die Sakamoto die Musik komponierte und performte.

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Wer Ryūichi Sakamotos letztes Album kennt, wusste natürlich um seinen Gesundheitszustand. Trotzdem traf es viele Fans und befreundete Künstler*innen dann doch, wie schnell es nun mit ihm zu Ende ging. Vor allem, weil viele das Gefühl hatten, dass ihn eine jüngere Generation gerade wiederentdecke. Frank Ocean spielte Sakamotos Musik zum Beispiel immer mal wieder in seiner Radiosendung auf Apple Music und auch der Sampler "A Tribute To Ryūichi Sakamoto – To The Moon And Back" vereinigte zeitgenössische Acts wie Thundercat, Fennesz, The Cinematic Orchestra oder Devonté Hynes alias Blood Orange.

Zum Schluss noch eine Anekdote, die oft erzählt wurde, aber Ryūichi Sakamotos Liebe zur Musik vielleicht am besten trifft: Als er in New York lebte, speiste er regelmäßig in dem japanischen Restaurant "Kajitsu" in Murray Hill. Weil die Musik dort so gar nicht dem vorzüglichen Essen gerecht wurde, bot er dem Besitzer unentgeltlich an, ihn mit einer handverlesenen Playlist zu versorgen. Diese Playlist kann man noch immer hören. Wir hoffen zwar, dass Sie auch unserer Zusammenstellung Liebe geben, aber hier kann man noch einmal nachhören, was dieser großartige Künstler von Musik verstand:

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