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American Utopia vs Stop Making Sense: Byrning Down The House

1984 sorgten die Talking Heads mit ihrem Konzertfilm Stop Making Sense für Furore. In seinem neuen Film American Utopia spielt Sänger David Byrne zahlreiche alte Songs und verbindet sie mit neuen Ideen.

28. Mai 2021

Seit The Strokes 2001 mit ihrem Album "Is This It" das erste Jahrzehnt der Retromania in der Popmusik einläuteten, werden Talking Heads immer wieder als Referenz für die jungen Acts genannt, die "irgendwie so klingen wie". Ja, so klingen sie vielleicht auch – "irgendwie wie" und doch wieder eigen. Eigen vor allem deshalb, weil sie ihre anspielungsreichen Songs natürlich unter jeweils anderen Bedingungen und Vorzeichen als ihre Vorbilder einspielen, nicht zuletzt was die Produktionsmöglichkeiten angeht. Davon abgesehen fällt bei der Nachbetrachtung der retrobesessenen Nullerjahre auf, dass nicht nur The Strokes, sondern recht viele Künstler*innen mit Talking Heads in Verbindung gebracht wurden – von Franz Ferdinand und LCD Soundsystem bis zu Animal Collective –, die wiederum kaum miteinander vergleichbar waren. Solche Vielfalt des "Irgendwie wie" allein deutet an, welches musikalische Fundament David Byrne, Chris Frantz, Tina Weymouth und Jerry Harrison in etwa 15 Jahren des Bandbestehens zwischen 1976 und 1991 inklusive Hits wie "Psycho Killer" oder "Burning Down The House" selbst bereits gelegt hatten.

David Byrne und Tina Weymouth spielen "Heaven" in "Stop Making Sense" © Studiocanal

David Byrne und Tina Weymouth spielen "Heaven" in "Stop Making Sense" © Studiocanal

1984 waren Talking Heads mit Stop Making Sense an einem Punkt angekommen, der für die schillernde Figur der Formation, David Byrne, sowohl einen Höhe- als auch Schlusspunkt bedeutete. Der von Spielfilmregisseur Jonathan Demme in Szene gesetzte Konzertfilm – bahnbrechend für dieses Genre, weil er der erste war mit fest installierten Kameras und Storyboard, der außerdem unter Verzicht auf die Authentizität einer Live-Performance aus drei verschiedenen Shows zusammengeschnitten wurde – sollte der letzte öffentliche Auftritt der Band gewesen sein. Er war für Byrne schlicht nicht zu übertreffen.

Alles retro, oder was? David Byrnes smarte Selbstreferenzialität ist nicht mit schnöder Selbstironie zu verwechseln

2002 gab es noch einen Pflichttermin zu absolvieren – Talking Heads wurden feierlich in die Rock ’n’ Roll Hall of Fame aufgenommen. Das war’s dann endgültig. Doch selbst über diesen Abend weiß Schlagzeuger Chris Frantz in seinen Memoiren "Remain In Love" nichts Gutes zu berichten – genauer gesagt bloß Schlechtes über David Byrne. Man war längst zerstritten. Die Trennung der Talking Heads auf dem Gipfel kommerziellen Erfolgs – auf Stop Making Sense (ebenfalls in einer stark nachbearbeiteten Albumversion erhältlich) folgte das Hit-Album "Little Creatures" mit der frohgemut durch sämtliche Charts marschierenden Nihilismus-Hymne "Road To Nowhere" – war Byrnes einsame Entscheidung. Ein Affront, so lernen wir aus Frantz’ Buch. Die übrigen drei Mitglieder der Band hätten gerne zusammen weitergemacht. Byrne jedoch wandelte seit dem offiziell verkündeten Split lieber auf Solopfaden. Er verfolgte Theater- und Kunstprojekte, wobei er sich nie aus dem erweiterten Rahmen des Popmusik-Kontexts verabschiedete. Ähnliche Erfolge wie mit Talking Heads waren ihm zwar nicht beschieden (sieht man mal vom Oscar für den Score zu Der letzte Kaiser ab, aber das ist eine andere Baustelle). Doch spätestens der Retrokult dieses Jahrtausends spülte ihn als unvergleichlichen Songschreiber und neuartigen Performer einer wegweisenden Epoche auf ewig in den Olymp der Popstars. Den stilprägenden Sound der Talking Heads beschreibt Chris Frantz in seinen jenseits aller Bitterkeit durchaus genießbaren Erinnerungen pointiert: Talking Heads seien Postpunk gewesen, also die aus dem Geist des Punk entstandene experimentierfreudige Nachfolgegeneration, bevor es Punk überhaupt gab. In den über 90 Minuten von American Utopia, dem jüngst erschienenen neuen Konzertfilm von David Byrne, ist diesem die legendäre Gruppe nur eine flüchtige Erwähnung wert. Allerdings spielt er neben Solostücken zahlreiche Songs aus dem Repertoire – quasi einen sanften Querschnitt durch die Talking Heads-Geschichte. Mit anderen Musiker*innen und, tja, "irgendwie wie". Alles nur noch retro, oder was?

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Ein bisschen Spaß muss sein: Unsere "Stop Making Sense"-Version…

Die Vergangenheit lässt sich nicht leugnen. Und American Utopia bezieht sich in vielerlei Hinsicht bewusst auf Stop Making Sense. Zum einen handelt es sich wieder um eine haarklein durchchoreografierte Bühnenshow – in diesem Fall eine Broadway-Theater-Inszenierung –, die das Prinzip Rockmusik nicht als spontane Emotionalität verklärt, sondern minutiös ihre Grenzen vorzeichnet, aus denen man dann bestenfalls für einige Minuten ausbrechen kann. Falls der Kopf es zulässt, und die Beine dem Über-Ich den Stuhl im Theatersaal unterm Arsch wegzuziehen vermögen. Genau diese erhebenden Momente erzeugten Talking Heads mitsamt einer großartigen Band aus zusätzlichen Musiker*innen in Stop Making Sense – schauen Sie sich nur die Bilder aus dem Publikum während des Showdowns mit der grandiosen Version von "Crosseyed And Painless" an. Wie waren diese vier blassen Kunststudent*innen bloß zu so einem Killergroove und derart hypnotischen Melodien gekommen? Seit Mitte der 1970er hatten sie allmählich treibende Funk-Energie und Afrobeat in ihre minimalistisch-verschrobenen Folk- und Country-Raffinessen einfließen lassen. In der Mensa galten sie längst als tanzbar, als sie nach und nach auch die Discos und Clubs eroberten. 1980 brachten sie in Kooperation mit dem einflussreichen Produzenten Brian Eno schließlich das Album "Remain In Light" heraus, von dem es heißt, es habe damals in jedem Viertel New Yorks aus den Ghettoblastern geklungen – also auch in Harlem oder der Bronx. Bis heute gilt es als eines der faszinierendsten Alben der Popmusik. Ein Sammelsurium unterschiedlichster Einflüsse. "Irgendwie wie" avant la lettre – nämlich irgendwie wie eine funky Adaption afrikanischer Rhythmen gemischt mit der kühlen Analyse marktesoterischen Börsianertums. Sehr eigen. In American Utopia spielt das atemberaubende, mit mobilen Instrumenten und Mikrofonen beständig frei über die gesamte, spartanisch ausgestattete Bühne flottierende Ensemble rund um Byrne nicht nur zwei Songs dieses Jahrhundertwerks. Ein ums andere Mal zitiert die Choreografie David Byrnes ikonische "Once In A Lifetime"-Tanzbewegungen aus Stop Making Sense. Der Umgang mit der persönlichen Vergangenheit gelingt dabei in einer smarten selbstrefenziellen Art, die nicht mit schnöder Selbstironie zu verwechseln ist.

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American Utopia

American Utopia ist fest in der (US-)Gegenwart verankert. Der Film entstand unter der Regie von Spike Lee, dessen Handschrift tatsächlich aufscheint. Neben Stop Making Sense-Regisseur Demme wird in den Schlusscredits auch dem ehemaligen Football-Star und jetzigen Black Lives Matter-Aktivisten Colin Kaepernick gedankt. Und in der Setlist von American Utopia findet sich nicht nur – der auch in den Bonustracks von Stop Making Sense auftauchende – 1979er Dancefloor-Smasher "I Zimbra", dessen Lyrics auf einem dadaistischen Gedicht Hugo Balls basieren, also aus einer Zeit stammen, als der Unsinn zum Mittelpunkt einer politisch motivierten künstlerischen Strömung wurde. Nein, Byrne spielt mit seinem einigermaßen diversen Cast auch Janelle Monáes zeitgenössischen Protestsong "Say Their Names". Er fügt die gewichtige Erkenntnis des alten weißen Mannes hinzu, dass nicht nur die Verhältnisse, sondern auch er als Mensch sich ändern müsse. Diesbezüglich dürfte selbst der ihm mittlerweile alles andere als freundlich gesinnte Memoiren-Schreiber Chris Frantz zustimmen. Während Frantz und Bassistin Tina Weymouth als Gründungsmitglieder der Talking Heads (und des Tom Tom Club) bis heute verheiratet sind, daher auch der Titel der Autobiografie, betont David Byrne eine für seine Vita bestimmende andere Konstante: Der intellektuelle Pop-Egozentriker, dessen Protest sich im Zweifel stets in einer Geste der Abgrenzung äußert, kämpft weiterhin mit seinen Neurosen. Dabei jedoch versucht er die Bühne vermittelnder denn je als Ort der Begegnung zu interpretieren. Irgendwie wie früher – und doch zum Glück nicht ganz genauso. Ähnlich wie Stop Making Sense, baut sich die American Utopia-Show Schritt für Schritt auf. Und auch diesmal fragt David Byrne ratlos: "How did I get here?" Nur eins ist klar: Nach Hause fährt er inzwischen mit dem Fahrrad.

WF

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